The Düsseldorf Düsterboys – „Nenn mich Musik“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Nenn mich Musik“ von The Düsseldorf Düsterboys

The Düsseldorf Düsterboys – „Nenn mich Musik“ (Staatsakt)

Eine graue Straße, die sich in jeder beliebigen mittelgroßen deutschen Stadt befinden könnte. Zwei junge Herren laufen ins Bild. Der eine groß und schlaksig, mit einem Blick, der viel weiter als nur in die Kamera schaut. Der andere trägt Sonnenbrille, tanzt ungelenke Pirouetten und reicht seinem Bandkollegen Blumen. Gemeinsam starren sie uns an und singen dabei Zeilen von ungreifbarer Schönheit: „Manches lernen wir sehr spät / Man merkt erst, dass man weg muss, wenn man geht.“ Plötzlich verwandelt sich die mitteldeutsche Tristesse in den herzlichsten Ort der Welt. Es ist das Jahr 2016, die Band heißt The Düsseldorf Düsterboys und der Song heißt „Teneriffa“.

Wer sich im vergangenen Jahr mit neuer deutschsprachiger Gitarrenmusik auseinandergesetzt hat, könnte diese beiden Herren erkennen. Es sind Peter Rubel und Pedro Goncalves Crescenti, die als Teil des Trios International Music eine der besten Platten 2018 ablieferten. Doch lange vor „Die besten Jahre“, lange vor International Music, waren sie The Düsseldorf Düsterboys. Dabei stammen sie gar nicht aus der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt, beide wohnen in Essen. Der Bandname erschien Rubel einst in einem Traum. Wie es sich für eine gute Prophezeiung gehört, folgten wenig später Songs. Aus der Zeit gefallene Folk-Lieder, die die beiden seit Mitte des Jahrzehnts unter diesem Namen veröffentlichen.

Baldrian für die Seele

Einige dieser alten Songs haben es nun auch auf das Debütalbum „Nenn mich Musik“ geschafft. Die Menge an Düsterboys hat sich verdoppelt, nun zählen auch Schlagzeuger Edis Ludwig und Pianist/Organist Fabian Neubauer zur Band. Fernab der mittlerweile altbekannten Baritone von Rubel und Crescenti hat diese Musik nichts mit den Songs ihres anderen Projekt zu tun. Diese 16 Songs sind viel zarter, ja fast schon lieblich. Nirgendwo merkt man das mehr, als in den Momenten, in denen sie sich selber covern: „Kneipe“ ist in den Händen von International Music ein stoischer Fuzz-Rocker, doch bei The Düsseldorf Düsterboys fällt alles Gewicht ab. Die Stimmen sind ein tiefes Flüstern, getragen von vorsichtig gezupften Gitarren, umgeben von einem Nebel aus Orgeln.

Selbst wenn die Band mal etwas lospoltert, wie in „Kaffee aus der Küche“ oder dem im wenig bestellten Spannungsfeld zwischen Marius Müller-Westernhagen und The Velvet Underground agierenden „Messwein“ Parties oder Alkohol besingt, verliert sie nie die Ruhe. War „Teneriffa“ schon 2016 wunderschön, setzt die hier veröffentlichte neue Version mit ihren warmen Holzbläsern noch einen drauf. Diese Musik ist in Töne verwandelter Baldrian, der sanft Körper und Seele beruhigt.

Veröffentlichung: 25. Oktober 2019
Label: Staatsakt

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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