Superstar, Systemkritiker, Provokateur – Fela Kuti in sechs Songs

Superstar, Systemkritiker, Provokateur – Fela Kuti in sechs Songs

Fela Kuti, der am 15. Oktober 2018 80 Jahre alt geworden wäre

„Superstar, Sänger, Musiker, Panafrikanist, Polygamist, Mystiker, Legende“ – mit diesen viel zitierten Worten beschrieb Carlos Moore in seiner Biographie „Fela Kuti – This Bitch Of A Life“ die Vielseitigkeit des nigerianischen Bandleaders, Saxophonisten, Sängers und Aktivisten. Als Kuti am 2. August 1997 unter bis heute ungeklärten Umständen starb, hinterließ er ein beeindruckendes musikalisches Vermächtnis: Mit dem Afrobeat war er für die Schöpfung eines ganzen Genres verantwortlich, eine hypnotische, jazzige Mutation der in Ghana entstandenen Highlife-Musik, deren Einfluss bis in die Gegenwart tiefe Spuren hinterlassen hat.

Neben seiner einzigartigen musikalischen Laufbahn war Kuti eine prominente politische Figur seines Landes. Ein Künstler, der mehr als einmal aufgrund seiner systemkritischen Texte von der Regierung eingesperrt und körperlich angegriffen wurde. Am 15. Oktober 2018 wäre er 80 Jahre alt geworden. Wir haben Moores Zitat zum Anlass genommen, Fela Kuti in sechs Songs zu porträtieren.

Superstar

Fela Kuti war nicht nur ein musikalischer Pionier, er war auch einer der größten Popstars seines Landes. Seine drei Tage andauernde Beerdigung wurde von über einer Million Menschen besucht. Die Prozession legte die Hauptstadt Lagos lahm. Auch die westliche Welt war fasziniert von seiner Musik: 1972 besuchte Paul McCartney Lagos, um mit afrikanischen Musikern das Album aufzunehmen, das später „Band On The Run“ heißen sollte. Dort wurde er Zeuge eines Konzerts von Kutis damaliger Band Africa ’70 – eine Erfahrung, die ihn nach eigener Aussage zu Freudentränen rührte. Kuti selbst lehnte sein Angebot ab und beschuldigte McCartney, die „Musik des Schwarzen Mannes zu stehlen“. Trotzdem brachte McCartney seine Begeisterung für den Afrobeat zurück nach Europa – und Kuti wurde zu einer Ikone des Widerstands. Anfang der 80er-Jahre bot Motown Records ihm einen Millionen schweren Plattenvertrag an – einem Künstler, dessen stets über zehn Minuten lange Songs eigentlich pures Radiogift waren. Kuti lehnte ab.

Sänger

Fela Kuti stammte aus einem bürgerlichem Haushalt. Am 15. Oktober 1938 wurde in der nigerianischen Großstadt Abeokuta geboren, als Sohn einer feministischen Aktivistin und eines Pfarrers. Seine Brüder Beko und Olikoye wurden Ärzte und als Fela im Jahr 1958 nach London zog, sollte er eigentlich Medizin studieren. Doch er hatte andere Pläne: Stattdessen schrieb er sich am Trinity College Of Music ein, um dort an der Trompete zu studieren.
Dort gründete er auch seine erste Band Koola Lobitos. Zuerst waren es seine Trompeten-Soli, die im Fokus standen, doch während die Gruppe sich nach seiner Rückkehr nach Nigeria erst in Nigeria ‘70 und dann in Africa ‘70 umbenannte, geriet Kutis Gesang nach und nach in den Vordergrund. Seine systemkritischen Texte sang er fast immer im westafrikanischen Pidgin-English, eine weit verbreitete, vereinfachte Form des Englisch. Damit sicherte er, dass seine Message in weiten Teilen des sprachlich sehr diversen Kontinents verstanden werden konnte.

Musiker

Doch neben seinem politisch aufgeladenen Gesang war es vor allem die Musik, die Kutis Afrobeat zu einer Sensation machte. Er versah das jazzige, gut gelaunte Grundgerüst des ghanaischen Highlife mit den aggressiven Blechbläser-Fanfaren des US-amerikanischen Soul und den vertrackten Polyrhythmen der nigerianischen Yoruba-Musik. Anfang der 70er-Jahre gründete Kuti im Herzen von Lagos die Kalakuta Republic, eine Kommune in der er mit seinen MusikerInnen zusammenlebte. Das Herz der Republic war der Afrika Shrine, ein Nachtclub, in dem Kuti und Africa ‘70 ihre Konzerte wie ekstatische Großevents veranstalteten: 15 bis 30 MusikerInnen standen auf der Bühne, darunter zwei Bariton-Saxophone, oftmals mehr als zwei E-Gitarren, zwei E-Bässe und sechs Perkussionisten, alle vereint im hypnotischen, schier endlosen Groove.

Panafrikanist

1969 reiste Kuti gemeinsam mit Koola Lobitos für zehn Monate nach Los Angeles. Dort lernte er über seine Freundin die Black-Panther-Bewegung kennen, eine Erfahrung, die endgültig seinen politischen Aktivismus weckte. Zeit seines Lebens war er großer Befürworter des Panfrikanismus, eine Bewegung, die sich für Solidarität zwischen allen afrikanischen Bevölkerungsgruppen ausspricht, sowohl auf dem afrikanischen Kontinent als auch in Nord- und Südamerika. Außerdem verurteilte er mit Songs wie „Beast Of No Nation“ das südafrikanische Apartheidssystem sowie das korrupte Regime seines eigenen Heimatlandes. Als der Systemkritiker immer populärer wurde, ergriff die nigerianische Regierung drastische Maßnahmen: Am 1977 brannten 1000 Soldaten die Kalakuta Republic nieder und verletzten und vergewaltigten die BewohnerInnen. Kutis Kiefer wurde gebrochen, seine Mutter wurde aus einem Fenster gestoßen – an den Folgen des Sturzes starb sie kurze Zeit später. Als Antwort ließ Kuti den Sarg seiner Mutter vor eine Militärbarracke in Lagos liefern – und schrieb später den Song „Coffin For Head Of State“.

Polygamist

Fela Kutis Verhältnis zu Frauen war kompliziert. 1978 heiratete er 27 Frauen an einem Tag, die meisten von ihnen Tänzerinnen oder Sängerinnen seiner Band, die mit ihm in der Kommune lebten. In älteren Lesarten der Yoruba-Religion, mit der Kuti sich identifizierte, ist Polygamie erlaubt. Kutis Massenhochzeit lässt sich einerseits als Protest gegen die streng christliche Regierung Nigerias interpretieren, die genau ein Jahr vor der Hochzeit die Kalakuta Republic und seine Mutter umbrachte. Außerdem wurden diese 27 Frauen aufgrund des kommunalen Zusammenlebens von der Regierung verdächtigt, Prostituierte zu sein – eine Anschuldigung, vor der die Hochzeit sie schützte.
Andererseits schrieb er Songs über Frauen, deren Texte von unbestreitbar sexistischer Natur sind: In „Matress“ stellte er Frauen als Sexobjekte dar, während er sich in „Lady“ über die Gleichstellungsambitionen afrikanischer Frauen lustig machte. In einem Interview bezeichnete er sich selber als Sexisten, der es einfach genießt, am Tag mit mehreren Frauen zu schlafen. Doch als er sich 1986 von seinen verbleibenden zwölf Ehefrauen scheiden ließ, nannte er als Grund, dass kein Mann das Recht habe, den Körper einer Frau zu besitzen. Was das alles über den Menschen Fela Kuti aussagt, ist in Retrospektive schwer interpretierbar. Nur eins ist klar: Er war stets Provokateur.

Legende

Heute, über 20 Jahre nach Fela Kutis Tod, tragen seine Söhne Femi und Seun sein musikalisches Erbe direkt weiter. Letzterer spielt sogar mit einer Inkarnation von Kutis letzter Band Egypt ‘80, ihr letztes Album „Black Times“ war unser ByteFM Album der Woche. Bands wie Antibalas übersetzen Kutis Sound in die Gegenwart, während Indie-Bands wie Vampire Weekend oder Foals den Afrobeat in ihren Indie-Rock verweben. Auch Damon Albarn zählt zu seinen größten Verehrern, der seit einigen Jahren immer wieder auf den Groove von Kutis langjährigem Drummer Tony Allen zurückgreift. Rap- und R&B-Superstar Drake brachte im vergangenen Jahr mit den Samples seines Albums „More Life“ Afrobeat in die Pop-Charts. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts begann außerdem eine neue Generation nigerianischer MusikerInnen, Afrobeat mit elektronischen Drums und Synthesizern zu interpretieren. Das Ergebnis trägt den Namen Afrobeats. Ein weiterer Beweis, dass Fela Kutis Musik auch lange nach seinem Tod weiterlebt.

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