Neue Platten: The Evens – "The Odds"

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Wäre die US-amerikanische Hardcoreszene ein Mafia-Clan, könnte Ian MacKaye ohne Zweifel deren Boss sein. Sicher hätte er auf diesen Vergleich wenig Bock. Es hat ihm schon gereicht, dass er seit der ersten EP von Minor Threat als Begründer der Straight-Edge-Bewegung gesehen wird. Die EP lieferte den namensgebenden Song und hat dank ihres Covers eddingbekreuzte Hände salonfähig gemacht. Seitdem sind mehr als 30 Jahre vergangen, in denen MacKaye nie von der Bildfläche verschwunden ist. Nicht nur hat er in dieser Zeit Dischord Records, die Wiege des D.C.-Hardcore, gegründet, sondern auch Fugazi, die vermutlich einflussreichste Band des Genres. Nachdem diese sich im Jahr 2002 für unbestimmte Zeit in eine Pause begaben, befürchteten MacKaye-Fans, erstmal für lange nichts von dem Mastermind hören zu können. Doch diese Bedenken räumte er bereits drei Jahre später aus. 2005 erschien das Debüt-Album von The Evens. Jetzt liegt schon ihr drittes Werk vor, das „The Odds“ heißt.

Mit ihrem dritten Album bleiben Ian MacKaye und Amy Faria, die mit der Band The Warmers auf Dischord vertreten ist, ihrem Projekt und ihrer musikalischen Vergangenheit treu. Auf „The Odds“ machen die beiden keine unvorhergesehenen Sprünge. Das mag auch an der spärlichen Instrumentierung liegen. MacKaye spielt Baritongitarre, die so etwas wie ein Hybrid aus Bass und Gitarre ist, und Amy sitzt an den Drums.

Ihr Zusammenspiel fußt auf Simplizität. Mörderisch vorgetragene Riffs und Rhythmusexzesse, wie man sie von Fugazi kennt, findet man auf „The Odds“ nicht. Dafür überraschend übersichtliche Songs, deren klare Struktur viel Raum für den Wechselgesang des Duos lässt. Das hört man besonders bei dem eher düsteren „I Do Myself“ und bei „Competing With The Till“, das dank kurzer Gastauftritte von Klavier, Bläsern und Bossa-Nova-Rhythmen fast als popverwandt durchgehen könnte. Ähnliche Überraschungen erlebt man auf „The Odds“ sonst leider nicht. Doch Amy Farina, die heimlicher Glanzpunkt dieses Albums ist, sorgt mit ihrem Schlagzeugspiel für aufrüttelnde Momente („Wanted Criminals“, „This Other Thing“) und mit ihren Gesangsparts, die sich auch bei Sleater-Kinney gut gemacht hätten, für Eindringlichkeit („Broken Finger“).

Dennoch gelingt es „The Odds“ über die Dauer von 13 Songs nicht, die Spannung zu halten. Da hilft es auch nicht, dass das Album in den legendären Inner Ear Studios aufgenommen wurde. Gepflegte Zurückhaltung haben The Evens gut drauf. Ihr Gesang wirkt oft anklagend, voller Beschwerde, und im gleichen Moment ruhig und gelassen. Das klingt nach einem Riesenmaß an Erfahrung, doch für das dritte Album hätte es ein bisschen mehr Aufregung sein können. Der Aufbau der einzelnen Lieder ähnelt sich zu sehr, an Minimalismus sind sie kaum zu übertreffen.
Daher ist zu hoffen, dass The Evens die entgegengesetzte Richtung einschlagen und sich MacKaye und Farina auf ihre Wurzeln besinnen. Ein Quäntchen mehr an Krach und Wucht würde der Band nicht schaden.

Label: Dischord | Kaufen

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