Guided By Voices – „Bee Thousand“ wird 25 Jahre alt

Cover des Albums „Bee Thousand“ der US-Band Guided By Voices

Guided By Voices – „Bee Thousand“ (Scat Records)

Ein Durchbruchsalbum, das dieser Tage ein Jubiläum feiert, trägt den Namen „First Take“. Das Debütalbum von Roberta Flack wurde dem Titel entsprechend in nur zehn Stunden aufgenommen. Kein Wunder, schließlich war die Künstlerin hinter dem Album eine klassisch ausgebildete Pianistin und Sängerin, die ihre Songs mit schlafwandlerischer Präzision in wenigen Stunden aufnehmen konnte.

Über solch einen Arbeitsethos könnten Guided By Voices wahrscheinlich nur lachen. Deren Durchbruchsalbum „Bee Thousand“ feiert ebenfalls heute Jubiläum. Die LP entstand in einem deutlich längeren Zeitraum als Flacks Debüt. Dafür nahm die Indie-Rock-Band aus Ohio das Prinzip „First Take“ deutlich ernster als die Soul-Sängerin aus Washington: Keiner der 20 Songs erlebte mehr als fünf Aufnahmedurchläufe, geprobt wurden die Stücke vorher meist auch nicht. Sie sind wahre Momentaufnahmen, spontan, holprig und ungefiltert. Als hätte jemand vier Mikros in einen Proberaum geworfen und einfach „Record“ gedrückt, nur um zu sehen was passiert.

Größer als der Hobbykeller

Nachdem ihre ersten, im Studio entstandenen LPs und EPs gnadenlos floppten, beschloss Sänger, Songwriter und einziges konstantes Bandmitglied Robert Pollard, die Musik so billig und direkt wie möglich zu produzieren. Er machte sich keine Illusionen, mit dieser Musik jemals Geld zu verdienen, hauptberuflich arbeitete er als Lehrer. Guided By Voices war für ihn ein Ventil für seine surrealistische Poesie und wilde, ungestüme Rock-Konzerte. Und in erster Linie einfach eine mit viel Leidenschaft aufgeladene Feierabend-Band.

„Bee Thousand“ war bereits das siebte Album seiner Band. Die beiden Vorgänger „Propeller“ und „Vampire On Titus“ verfolgten bereits mal mehr mal weniger diesen radikalen Lo-Fi-Ethos – und wurden zu ihren bisher erfolgreichsten Platten. „Erfolg“ hieß in diesem Fall aber nicht mehr als „Lokalheldenstatus“. Anfang der 90er-Jahre hatten Pavement die College-Radio-Sender für Lo-Fi-Power-Pop sensibilisiert. Dennoch fühlte Pollard, dass ein Ende in Sicht ist. Er und seine Band waren verschuldet und müde. „Bee Thousand“ sollte ihr Abgesang werden, eine letzte Sammlung von seltsamen Songs, bevor sich die Mitglieder wieder in das normale Leben zurückziehen konnten.

Doch die 20 Songs, die Pollard und seine Kollegen hier zusammenwürfelten, waren größer als der verstaubte Vierspurrekorder, in den sie gepresst wurden. Größer als der Hobbykeller, in dem sie aufgenommen wurden. Klar, nach einer Minute und 20 Sekunden lässt ein ungewollter Wackelkontakt im Opener „Hardcore UFO‘s“ die Lead-Gitarre für ein paar Sekunden verstummen. Klar lässt der amateurhafte Mix die Songs abrupt und chaotisch ineinander übergehen. Und klar klingt der Sound so, als würde die Band im Inneren eines Staubsaugers spielen. Doch die Melodien sind purer Pop: Tonfolgen, die einem von der ersten Sekunde an vertraut vorkommen. Refrains, die sich sofort am Herz festklammern. Akkordwechsel, die einen zu Tränen rühren können, obwohl die Instrumente objektiv wie Müll klingen.

Von einer Feierabend-Band zum Phänomen

In ihren collagenhaften Texten setzen Pollard und Co-Songwriter Tobin Sprout Wörter zusammen, die keinen wirklichen Sinn ergeben. Was bitte ist eine „Tractor Rape Chain“? Oder das „Goldheart Mountaintop Queen Directory“? Was ist „You‘re Not An Airplane“ für ein Statement? Wieso sollte irgendjemand Elfen treten – und warum klingt das alles so schön wie ein Liebeslied? Eine zufriedenstellende Antwort gibt es nicht. Mit „Bee Thousand“ schufen Guided By Voices eine ganz eigene Welt, die nach ihrer ganz eigenen Logik funktioniert und sich nicht an herkömmlichen Pop-Standards messen lässt. Einen Song wie „Echos Myron“ kann man nicht in seine Einzelteile runterbrechen. Das ist pure Pop-Zauberei.

„Bee Thousand“ war nicht das Ende. Es war erst der Anfang. Das nächste Album dieser Band, „Alien Lanes“, erschien auf dem Label Matador. Und Guided By Voices wurde zu einer kultisch verehrten Erfolgsband – und der möglicherweise produktivsten Gruppe ihrer Zeit: Bis dato veröffentlichten sie über 25 Alben. Pollard veröffentlichte nebenbei 22 Solo-LPs. Das Songwriting-Register der Broadcast Music, Inc. zählt über 2.000 Pollard-Songs. Viele von ihnen sind nicht besonders gut. Manche sind Meisterwerke. Und die besten von ihnen lauern auf diesem magischen Album, das nun 25 Jahre alt wird.

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