Mark Hollis (Talk Talk) ist tot: ein Fadeout in fünf Akten

Bild von Mark Hollis

Mark Hollis, der im Alter von 64 Jahren gestorben ist

Wird es jemals wieder eine Band wie Talk Talk geben? Eine Gruppe, die als Konsens-Kapelle begann und als kommerziell erfolglose KritikerInnen-Darlings endete? Die in nur zehn Jahren von Duran-Duran-Copycats zu Sound-Architekten mutierte, die Claude Debussy und Miles Davis miteinander verwob? Die erst den Bombast-Synth-Pop perfektionierte, um im Anschluss den Post-Rock zu erfinden? Es ist schwer vorstellbar.

Der Mann, der diese unmögliche Entwicklung orchestrierte, war Mark Hollis. Der am 4. Januar 1955 in London geborene Sänger und Gitarrist gründete Talk Talk im Jahr 1981. An seiner Seite: Keyboarder Simon Brenner, Schlagzeuger Lee Harris und Bassist Paul Webb. Im selben Jahr tourten sie bereits mit Duran Duran, 1982 erschien das erste Album „The Party‘s Over“ auf dem Major-Label EMI Records.

Zehn Jahre später waren Talk Talk eine komplett andere Band. Ihr hochambitioniertes, aber so überhaupt nicht chartstaugliches viertes Album „Spirit Of Eden“ hatte ihr Label fast ruiniert. Der Nachfolger war noch ungriffiger. Die Band hatte ihre seltsame Entwicklung vollendet, jedes Album war leiser, seltsamer und zauberhafter als das vorige. 1991 lösten sich Talk Talk auf ihrem künstlerischen Höhepunkt auf.

Mark Hollis veröffentlichte 1998 sein einziges Soloalbum. Eine Sammlung ätherischer Art-Pop-Song, die das stetige Decrescendo seiner Musik weiter fortsetzten. Es folgte ein winziger Piano-Gastauftritt auf einem Unkle-Album, ein kleiner Job als Produzent und Arrangeur für Anja Garbarek – und dann kam die Stille. Nun ist Mark Hollis im Alter von 64 Jahren gestorben. Wir haben die außergewöhnliche Karriere dieses Künstlers und seiner Band in fünf Songs porträtiert.

„Such A Shame“ (1984)

„Such A Shame“ ist wahrscheinlich der Song, den statistisch gesehen die meisten Menschen mit dieser Band assoziieren. Zwei Jahre nach ihrer ersten Single erreichten Talk Talk mit diesem Track ihren endgültigen Durchbruch. Und es ist ein wirklich seltsamer Hit-Song. Er beginnt introvertiert und düster, mit bedrohlichen Synthesizer-Flächen und düsteren Akkorden. Hollis‘ erste Zeile malt direkt eine hoffnungslose Szenerie: „Such a shame to believe in escape.“ Doch dann enthüllt die Band nach 90 Sekunden diesen unwiderstehlichen Refrain, mit einer Synth-Hookline, die sich sofort ins Gehirn bohrt. Hollis‘ in der Strophe zwischen Bitterkeit und Verzweiflung oszillierendes Vibrato klingt plötzlich triumphal. Ganz großes Pop-Drama.

„Life‘s What You Make It“ (1986)

Die ersten zwei Talk-Talk-Alben waren zwar mitunter düster und subversiv, aber in ihrer Essenz lautstarker Synth-Pop-Bombast. Mit ihrer dritten LP fingen sie an, leiser zu werden. Die Musik auf „The Colour Of Spring“ wurde organischer: Orgeln ersetzten Synths, auch Chöre, Bläser und Streicher waren plötzlich zu hören. Und dennoch wurde es ihr kommerziell erfolgreichstes Album. Der Grund: „Life‘s What You Make It“, der letzte wirkliche Pop-Song, den Hollis schrieb. Für den mächtigen Drum-Sound ließen sich er und Produzent (und inoffizielles Band-Mitglied) Tim Friese-Greene von Kate Bushs „Running Up That Hill“ inspirieren. In Kombination mit dem unsterblichen Piano-Riff und dem aufsteigenden Gitarren-Motiv ergab das eine überlebensgroße Hymne, die sowohl als Charts-Topper als auch als Kunstwerk funktionierte.

„Eden“ (1988)

Der Erfolg von „The Colour Of Spring“ überzeugte EMI Records, Talk Talk für ihr nächstes Album künstlerische und finanzielle Freiheit zu gewähren. Für das Label war das ein Fehler. „Spirit Of Eden“, das vierte Album dieser Band, konnte kaum vermarktet werden: sechs Songs, keiner von ihnen unter fünf Minuten, mit unverständlichen, esoterischen Texten und ständig mutierenden Songstrukturen. Wer hier einen Refrain suchte, musste sich erst durch mehrere Minuten schwereloser, abstrakter Musik arbeiten. Kurzum: ein finanzielles Desaster.

Doch für die Musik war diese Freiheit ein unschätzbarer Gewinn. Hollis und seine Mitstreiter arbeiteten über ein Jahr lang an diesem Album, ließen zahlreiche Jazz-Musiker ein- und ausgehen und über ihre Songskizzen improvisieren. Das Ergebnis sind Songs wie „Eden“: Ein mehrdimensionales Stück Kunst-Musik, das als formloser Puls beginnt, plötzlich mit astralen Orgeln und Gitarren den Himmel aufreißt, um dann wieder zum kaum hörbaren Puls zurückkehrt. Eine gedämpfte Jazz-Trompete ertönt einsam, die Musik nimmt wieder Fahrt auf – und kehrt kurz vor der Explosion wieder zur Stille zurück. Dieses Wechselspiel von Laut und Leise wurde später Post-Rock genannt. Lange bevor Mogwai, Godspeed You! Black Emperor und Co. hatten Talk Talk den dramatischen Wert des Schweigens erkannt.

„Myrrhman“ (1991)

Was konnte eine Band auf dieses Mammutwerk folgen lassen? Ein weiteres. „Laughing Stock“, das fünfte und letzte Album von Talk Talk, trieb die abstrakte Kunst-Musik von „Spirit Of Eden“ auf den Höhepunkt. Wieder genoss Hollis den Luxus der künstlerischen Freiheit, diesmal nicht von EMI, sondern dem Jazz-Label Verve. Talk Talk waren mittlerweile nur noch ein Duo, Brenner verließ die Band bereits 1983, Webb kurz nach „Spirit Of Eden“. Erneut sollte es fast ein ganzes Jahr dauern, bis Hollis die perfektionistische Vision seiner Musik realisieren konnte.

Hollis bräuchte eigentlich nur einen einzigen Gitarrenakkord, um diesen mühseligen Prozess zu rechtfertigen. Nach 18 Sekunden Stille ertönt er in „Myrrhman“, dem ersten Song dieses Albums. Ein zittriger Akkord, der einsam und wunderschön in einem gigantischen Klangraum schwebt. Langsam beginnen weit entfernte Streicher und ein Rhodes-Piano um ihn zu kreisen. Und dann, nach einer Minute, setzt Hollis‘ Stimme ein. Im weiteren Verlauf des Albums wird die Band zum Teil auch wieder bestialisch laut – doch die Essenz dessen, was die späten Talk Talk großartig macht, findet sich in diesen schwerelosen 60 Sekunden.

„A New Jerusalem“ (1998)

Mark Hollis‘ einziges Soloalbum ist das logische Ende dieses langen Decrescendos. Explodierten auf „Spirit Of Eden“ und „Laughing Stock“ noch hier und da E-Gitarren, ist „Mark Hollis“ eine Übung in Stille. Es sind acht geflüsterte Miniaturen, eine zarter und weicher als die nächste. Der Höhepunkt ist der letzte Song „A New Jerusalem“. Eigentlich ist es ein warmer Folk-Song: Hollis zupft eine Akustikgitarre, begleitet von sanften Kontrabass-Tupfern, doch zur Hälfte übernehmen Klarinette und Harmonium das Steuer, das Stück wird abstrakter, bis zum Ende nur zwei Minuten reiner Stille übrig bleiben. Der Künstler Mark Hollis fadet out – nicht nur aus diesem Album, sondern aus der ganzen Musikindustrie. Und nun auch aus der Welt.

Der Hamburger Illustrator Alex Solman mit seiner Hommage an Mark Hollis:

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Diskussionen

4 Kommentare
  1. posted by
    Gunter
    Feb 27, 2019 Reply

    In Montreux war Talk Talk auch, live konnten die auch: https://www.youtube.com/watch?v=B_E-B6982s0

  2. posted by
    verschiedene Lautstärken | E-BEATS
    Feb 27, 2019 Reply

    […] Zum Tod des Talk Talk Sängers zitiert die Süddeutsche Mark Hollis: >>Ich kann mir nicht vorstellen, keine Musik zu machen. Aber ich fühle keine Notwendigkeit sie aufzunehmen. ich bin wirklich sehr glücklich, einfach nur eine Note zu spielen, in verschiedenen Lautstärken und zu sehen, wie lange sie nachhallt, bevor sie aufhört zu klingen.<< […]

  3. posted by
    Klaus Ruthmann
    Mrz 2, 2019 Reply

    Mit 15 Jahren habe ich 1984 die Schallplatte „It’s my life“ gekauft und unzählige Male auf meinem Plattenspieler ablaufen lassen. Das war zeitgleich mit der ausklingenden Ära von „The Police – Synchronicity“. Ich wechselte zwei Jahre später von der Realschule auf das Gymnasium. Irgendwie war und ist der Song „It’s my life“ stets in meinem Kopf präsent, habe ich mir doch so manches Mal seither den Teil des Textes „It’s my life – don’t you forget“ innerlich vorgesagt, wenn ich mir dachte, dass weder ich, noch mein Leben zur Belustigung oder zur Ausnutzung anderer Menschen dient.
    Und es ist wie mit „Queen“ oder einzelnen Mitgliedern von „Pink Floyd“ oder meinem Vater: sind sie erst einmal nicht mehr unter uns, merkt und spürt man erst, wie sehr sie uns doch fehlen und beeinflusst haben, jedoch zu Lebzeiten nie richtig gewürdigt wurden.

  4. posted by
    AnnA
    Apr 28, 2019 Reply

    Wie Recht Sie haben, Klaus! Und ich beziehe mich insbesondere auf Ihren letzten Satz. Ich spüre sogar Gewissesbisse in der Hinsicht, seit seinem Tod beschäftige ich mich fast andauernd mit ihm und seiner Musik, fühle dabei sogar Scham, ihn nicht schon früher richtig gewürdigt zu haben. Erst sein Tod musste mich zur Erweckung führen. Such a shame.

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