Guru – „Jazzmatazz Vol. 1“

Cover des Albums „Jazzmatazz, Vol. 1 – „An Experimental Fusion Of HipHop And Jazz“ von Guru, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Guru – „Jazzmatazz Vol. 1“ (Chrysalis Records)

Da zum Jahreswechsel traditionell wenig neue Musik veröffentlicht wird, nutzen wir die Chance, um zurückzublicken: Statt neuer Langspieler stellen wir wegweisende Alben vor, die 2023 ein Jubiläum gefeiert haben. In dieser Woche ist es „Jazzmatazz, Vol. I – „An Experimental Fusion Of HipHop And Jazz“ (Hosted by Guru)“, das 30 Jahre alt geworden ist.

HipHop war schon immer ein Dialog. Und das auf verschiedenste Art und Weise. Von Crews mit mehreren MCs, in denen die Rapper*innen sich gegenseitig aufhypen, bis zur sehr dialogischen Form des Rappens an sich. Mehr noch als im Pop-Gesang spricht ein MC direkt zu seinem Publikum. Mit weniger Fokus auf Melodie und mehr auf Rhythmus und Inhalt der tatsächlichen Wörter. Und auch im Beat findet stets ein oftmals sogar intergenerationaler Dialog statt – aufgrund der Natur des Samplings. Ein DJ wie Pete Rock findet in einer verstaubten Plattenkiste ein jahrzehntealtes Jazz-Stück, hört dort eine interessante Klavier-Figur – und plötzlich rappt der junge Nas in „The World Is Yours“ über ein 20 Jahre älteres Piano-Lick von Jazz-Ikone Ahmad Jamal.

Dieser spezifische Dialog zwischen Jazz und HipHop war besonders an der East Coast der frühen 90er-Jahre ausgeprägt. Acts wie Eric B. & Rakim, A Tribe Called Quest, Digable Planets und De La Soul machten sich ihren Namen mit smoothem Flow und knisternden Jazz-Grooves. Eine der ersten Gruppen ihrer Art waren Gang Starr. Direkt auf ihrer 1989er Debütsingle „Manifest“ flippte DJ Premier das kantig hypnotische Piano-Intro des Klassikers „A Night In Tunisia“, aufgenommen von Charlie Parker und Miles Davis Mitte der 40er-Jahre. „Tryin‘ to riff, so let me uplift and shift my gift“, rappte Gang-Starr-MC Guru über diesen genauso seltsamen wie geschmeidigen Groove. Der 1961 in Boston geborene Rapper spricht seine Zeilen so rhythmisch und selbstsicher wie ein Art-Blakey-Schlagzeugsolo. Nicht übertrieben, völlig entspannt. Fast ein halbes Jahrhundert liegen zwischen dem Ursprung des Samples und „Manifest“. Und trotzdem klingt die Kombination absolut natürlich, ein sich gegenseitig erhebendes Hin und Her.

Intergenerationaler Dialog

Guru, bürgerlich Keith Edward Elam, war auch über seine Zusammenarbeit mit DJ Premier hinaus von dieser Synergie maßgeblich geprägt. So sehr, dass er vier Jahre nach „Manifest“ das Zusammenspiel von Jazz und HipHop auf eine neue Spitze trieb. Denn was wäre, wenn die Jazz-Musiker*innen nicht nur durch das geloopte Sample, sondern in Fleisch und Blut, im selben Raum, mit ihrem vollen kreativen Geist mit den MCs interagieren könnten? Genau das passiert auf seinem Solodebüt „Guru’s Jazzmatazz Vol. 1“, das im Mai 1993 veröffentlicht wurde.

Wenn in „Loungin’“, dem ersten vollen Song des Albums, die gedämpfte Trompete des Jazz-Funk-Pioniers Donald Byrd um Gurus Wortsalven tänzelt, dann ist das kein Sample. Sondern tatsächliches gemeinsames Musikmachen, im selben Raum und in derselben Zeit. Auf „Jazzmatazz Vol. 1“ erklingen zwar immer noch HipHop-typische Drumcomputer und Scratches, doch der Großteil der LP entstand mit einer Live-Band. Und die Gast-Musiker-Riege umfasst eine Menge von Jazz-Ikonen, die mit ihrer Musik Grundsteine für den HipHop legten.

Know your roots!

So spielt beispielsweise Funk- und Jazz-Vibrafonist Roy Ayers den unwiderstehlichen Groove von „Take A Look (At Yourself)“ – nachdem erst 1989 A Tribe Called Quest aus dem Fundament seines 1977er Songs „Running Away“ ihren eigenen Track „Description Of A Fool“ gebastelt hatten. Saxofonist Branford Marsalis, der selbst schon direkte HipHop-Erfahrungen sammeln konnte (er spielte das Saxofon-Solo auf Public Enemys 1989er Klassiker „Fight The Power“), performt in „Transit Ride“ eine unsterblich catchy Hookline. Lonnie Liston Smith, der in seiner langen Karriere bereits mit Miles Davis und Pharoah Sanders zusammenarbeitete, groovt sich in „Down The Backstreets“ mit seinem Piano durch den Großstadtdschungel, während Guru die passenden Zeilen beisteuert. „I’m not the one to act flashy / ‚Cause man where I be at, we don’t have to be classy.“

Ebenfalls Teil des Dialogs sind die Gastsängerinnen auf „Jazzmatazz Vol. 1“. Acid-Jazz-Sängerin N’Dea Davenport bekommt in „Trust Me“ mehr Raum als Guru selbst und kann ihren Refrain im Outro genüsslich ausdehnen. Auch in „No Time To Play“ rückt der Rapper in den Hintergrund, während (der ebenfalls stark im Acid-Jazz aktive) Gitarrist Ronny Jordan und R&B-Künstlerin Dee C Lee sich die musikalischen Bälle zuwerfen. Und „Sights In The City“ beschließt das Album mit einem Duett zwischen der Stimme von Sängerin Carleen Anderson und dem Saxofon von Courtney Pine. Guru ist auf diesem Album vielmehr Kurator als Star. Er lässt seine Gäst*innen für sich selbst und miteinander sprechen – und verneigt sich dabei vor allen, die dem HipHop-Genre den Weg geebnet haben. „You can’t tap into this unless you know the roots“, rappt er in „Loungin’“ – und es ist klar, was er meint.

Veröffentlichung: 18. Mai 1993
Label: Chrysalis Records

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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