Bonnie „Prince“ Billy – „Keeping Secrets Will Destroy You“ (Rezension)

Cover des Albums „Keeping Secrets Will Destroy You“ von Bonnie „Prince“ Billy

Bonnie „Prince“ Billy – „Keeping Secrets Will Destroy You“ (Drag City)

8,5

Nach der zweiten Zusammenarbeit mit Matt Sweeney „Superwolves“ und dem Pandemie-Monumentalwerk „Blind Date Party“ mit Bill Callahan hat Will Oldham aka Bonnie „Prince“ Billy „Keeping Secrets Will Destroy You“, sein erstes Soloalbum seit vier Jahren vorgelegt. Aber was heißt schon solo? Billy mag so ganz alleine nicht mehr arbeiten und hat sich deswegen erneut allerhand Gäste ins Studio geholt: Sara Louise Callaway (Violine), Kendall Carter (Klavier), Elisabeth Fuchsia (Bratsche/Violine), Dave Howard an der Mandoline und Drew Miller (Saxofon). Das Instrumentarium für eine zünftige Hausmusik, möchte man meinen. Aber das ganze Orchester bringt Oldham nur selten für einen Song zusammen. Stattdessen dominieren behutsame, wie mit feinem Pinselstrich gemalte Miniaturbilder. Oldham weiß sein Klangspektrum sparsam und akzentuiert einzusetzen, um so die größtmögliche Wirkung zu entfalten.

Der Klang der Einzelteile ist wichtig: das präzise Fingerpicking der Akustikgitarre, die Ruhe und Sorgfalt der in den Vordergrund gemischten Vocals, der weibliche Hintergrundgesang und obendrauf die weiche Streicher-Decke. Die Musik auf „Keeping Secrets Will Destroy You“ lässt sich leicht herunterbrechen. Aber das nimmt ihr nicht den Zauber. Unzählige Details wirken eventueller Formelhaftigkeit einzelner Lieder entgegen und zeigen nebenbei, was Bonnie „Prince“ Billy in den letzten Jahren gelernt hat: Seien es die drone-artigen Nachklänge seiner Zusammenarbeit mit Bryce Dessner und Eighth Blackbird auf „When We Are Inhuman“ von 2019, die in „Tree Of Hell“ auftauchen oder die kompositorische Variabilität, die auf seinen Soloalben in dieser Form bisher nicht zu hören war („Blood Of The Wine“).

Gemeinschaft in gedeckten Farben

Es ist eben so: Zwischenzeitlich war Will Oldham immer von dem abgerückt, was den musikalischen Markenkern von Bonnie „Prince“ Billy ab „I See A Darkness“ von 1999 ausgemacht hat. Als schwermütiger Eremit mit Hang zu irgendwie keltisch anmutender Mystik bestand bei Oldham stets die Gefahr, dass er zu „baumisch“ werden könnte, wie es bei den Ents aus Tolkiens „Der Herr der Ringe“ über diejenigen Baumhirten heißt, welche im Laufe der Zeit aufhören, sich zu bewegen und sich an Ort und Stelle festsetzen. Geholfen haben ihm auch unzählige Kollaborationen mit z. B. Tortoise, Three Queens In Mourning oder Bitchin Bajas, die ganz unterschiedliche Folk-Ansätze möglich gemacht haben. Dazu hat er sich am Banjo und an der Slide-Gitarre versucht und richtige Country-Bandmusik gemacht.

Nun ist Will Oldham musikalisch dahin zurückgekehrt, wo nach der juvenilen Lo-Fi-Phase mit Palace Music die Erfolgsgeschichte mit Bonnie „Prince“ Billy begann. Textlich allerdings ist längst nicht mehr alles dunkel auf „Keeping Secrets Will Destroy You“. Trotzdem, um im Malerei-Vokabular zu bleiben, dominieren gedeckte Farben. „Keeping Secrets Will Destroy You“ ist ein Album für den Herbst, der kommen wird. Oldham singt selten alleine, Dane Waters übernimmt mindestens den Hintergrundgesang. Manchmal, wie bei „Like It Or Not“, ist es ein Duett. Das erinnert sehr an „The Letting Go“ von 2006, als Dawn McCarthy genau diesen Part übernahm. Gemeinsam haben beide Alben auch den leichten Mittelalter-Touch. Den muss man mögen, ganz klar.

Ausnahmsweise sei hier der Waschzettel der Plattenfirma zitiert. Treffend heißt es dort: „Streicher, Holz, Tasten und singende Stimmen.“ Baum und Borke halt. Die Songs heißen „Trees Of Hell“ oder „Willow, Pine and Oak“. Oldham singt: „It’s how I like to look at folks – as willow trees or pines and oaks.“ Zur Körperlichkeit des Albums gesellt sich die Beschwörung von Transzendenz durch das gemeinschaftliche Musizieren in einem Raum. Bonnie „Prince“ Billy, das mystische und doch nahbare Wesen. Sehr schön nachzuvollziehen ist das auch im Video zu „Crazy Blue Bells“: Alles ist zum Anfassen da.

Veröffentlichung: 11. August 2023
Drag City: Drag City

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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