L.A. Salami – „Ottoline“ (Rezension)

Cover des Albums „Ottoline“ von L.A. Salami.

L.A. Salami – „Ottoline“ (Sunday Best)

7,4

Die Musik von L.A. Salami hatte schon immer mehr als ein Gesicht. Reduzierte Folk-Songs in klassischer Bob-Dylan-Tradition stellte er neben Garage-Rock mit voller Bandbesetzung. In beidem machte er dank seiner poetischen, politisch aufgeladenen Texte und einem großen Melodiegespür eine gute Figur. Auf seinem mittlerweile vierten Studioalbum „Ottoline“ sind Genregrenzen nun praktisch gänzlich aufgehoben. Schon auf dem Vorgänger „The Cause Of Doubt And A Reason To Have Faith” deuteten sich Veränderungen in Richtung HipHop und einem insgesamt psychedelischeren Sound an. Diesen Weg geht Salami auf „Ottoline“ jetzt stringent weiter. Rauhe Indie-Rock-Songs wie einst „The Isis Crisis“ sucht man hier vergebens. Stattdessen schichtet er schon im Opener „Desperate Times, Mediocre Measures“ Streicher, Backgroundchöre und diverse Samples auf einen HipHop-Beat und erschafft damit einen geradezu sphärischen Sound. Konterkariert wird das durch seinen zurückgenommenen Vortrag, der zwischen Rap und Spoken Word pendelt und immer kurz davor ist, von dem ihm umgebenden Soundgebilde verschluckt zu werden.

Der Opener könnte einen auf die falsche Fährte locken, ein HipHop-Album zu erwarten. L.A. Salami vollzieht aber mit „Ottoline“ weniger einen konkreten Genrewechsel als einen Soundwechsel. Von der Struktur her sind viele Songs weiterhin klassische Folk- bzw. Rocksongs. Sie werden nur jetzt von Streichern, Bläsern und gesampelten Beats begleitet. Das Album ist zu großen Teilen in Lockdown-Zeiten entstanden. Mit seinem entrückten Sound und den oftmals sehr langsamen und introvertiert klingenden Songs schafft der britisch-nigerianische Musiker dem Gefühl dieser Zeit ein musikalisches Gegenstück. Auch textlich hat die Pandemie und ihre gesellschaftlichen Begleiterscheinungen Einzug gehalten. Das spiegelt sich schon plakativ in Titeln wie „Systemic Pandemic“. L.A. Salami beschreibt aber nicht einfach das Leben im Lockdown, sondern nutzt das Setting, um größere Überlegungen über die Rollen von Kapital, Klasse oder Gruppenzugehörigkeit anzustellen. Das verpackt er in eine poetische Sprache und verfällt dabei gerne mal in abschweifende Stream-Of-Consciousness-Lyrik. Das lässt stellenweise aufmerken, ist aber oftmals auch schlicht schwer verständlich.

It won’t be dark forever

Er selbst nennt seine Musik „Lyric-centered“, was allerdings nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass auch in der Instrumentierung sehr viel passiert: Auch wenn die Arrangements nie aufdringlich sind, sind sie äußerst abwechslungsreich. Streicher wechseln sich mit Flöten ab. Eine Gitarre wird gezupft, im Hintergrund spielt ein Klavier. Ähnlich wie die Texte fordert auch die Musik ein genaues Hinhören ein, nur dass sie auch beim beiläufigen Hören Wohlklang erzeugt. Dieser sich durch das Album ziehende, warme und unaufgeregte Sound hat allerdings auch die Kehrseite, dass er dazu verführt, sich nicht so stark auf die Songs einzulassen und das Album an einem vorbeiziehen zu lassen. Das wäre schade, sind die Songs einzeln betrachtet durchaus spannend.

Gerade zum Ende des Albums warten mit „As Before“ und „In Honor Of The Street Light“ gleich zwei Highlights. Beides sind introspektiv, aber dennoch sehr verschieden. „As Before“ resümiert melancholisch eine vergangene Beziehung und setzt dabei an Nick Drake erinnernde Streicher und Flöten ein, die dem fast siebenminütigen Track eine besondere Dramatik verleihen. Diese eher düstere Stimmung wird vom Closer „In Honor Of The Street Light“ wieder aufgelockert. Hier kehrt Salami doch noch einmal zum klassischen Folksong zurück und lässt eine zaghafte Hoffnung durchschienen: „‘Cause you must confess / And this is just a guess / It won’t be dark forever …” Mit ähnlich zaghaften Saxofonklängen endet „Ottoline“ dann zwar nicht gerade euphorisch, aber durchaus versöhnlich.
Insgesamt zeigt das Album eine beeindruckende künstlerische Weiterentwicklung. Der komplette Verzicht auf Up-Tempo-Songs und die verträumte Produktion führen allerdings dazu, dass „Ottoline“ eher ein kontemplatives, als ein mitreißendes Album ist.

Veröffentlichung: 14. Oktober 2022
Label: Sunday Best

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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