Liars – „TFCF“ (Rezension)

Cover des Albums Liars – „TFCF“ (Mute)

8,9

Das neue Liars-Album „TFCF“ beginnt mit einer Akustik-Gitarre. Ich wiederhole: Akustik-Gitarre.
Dabei geht das Instrument eigentlich gegen alles, wofür das australisch-US-amerikanische Projekt um Angus Andrew steht: Brutale Repetition, verzerrte Elektronik, schneidende E-Gitarren. Und nun als allerersten Klang der neuen Platte dieses Instrument, das man sofort mit offener, intimer Musik assoziiert. Doch das ist alles nur ein Ablenkungsmanöver: Liars sind auch auf ihrem achten Album noch genauso gefährlich, wie sie es immer waren.

Liars waren immer eine Band, die nie auf einem Punkt stehengeblieben ist: Vom nihilistischen Dance-Punk ihres Debüts „They Threw Us All In A Trench And Built A Monument On Top“ über den menschenverachtenden Kraut-Doom von „They Were Wrong, So We Drowned“, der repititiven Schönheit von „Drums Not Dead“, dem postmodernen Hardrock von „Liars“ bis zu der tatsächlich tanzbaren Electronica ihres letzten Albums „Mess“ – Liars schlagen immer dann einen subversiven 90-Grad-Haken, wenn man glaubt, diese Band verstanden zu haben.

Für „TFCF“, was für „Theme From Crying Fountain“ steht, hat sich viel bei Liars geändert: Die langjährigen Mitglieder Aaron Hemphill und Julian Gross haben die Band verlassen, Andrew zog sich für den Aufnahmeprozess in sein Heimstudio in der australischen Wildnis zurück. Hier hat er in extremer Isolation den Großteil des Albums aufgenommen. Somit ist es tatsächlich eine Art zartes Solo-Album geworden – so zart, wie ein Liars-Album eben sein kann.

Die erwähnte akustische Gitarre klingt im Opener „The Grand Delusional“ jedoch weit entfernt und Andrew singt mit seinem zitternden Falsett wie ein vom Leben gebrochener Mann. Dann passiert etwas: Die Stimme wird verzerrt und ein kriechender Beat trägt den Song in neue Richtungen. Andrew proklamiert immer wieder: „They can take our insides“. Aus dem intimen Song ist ein bedrohliches Monster geworden.

Das ist ein sich wiederholendes Muster: Andrew baut folkige Strukturen auf, nur um sie wenig später in düstere Abgründe zu reißen. „No Tree Branch“ beginnt mit einer überraschend zugänglichen Indie-Pop-Melodie und strahlend klimpernden Piano, bis ein bedrohlicher Dub-Bass und ein treibendes Schlagzeug die Klangfarbe des gesamten Stückes umkrempeln. Der Trauermarsch „Cliche Suite“ verwandelt sich zur Hälfte in düsteren, an das bedrückende Gonjasufi-Album „Callus“ erinnernden Slow-Motion-HipHop. Und an jeder Ecke findet sich Verzweiflung: „Why can‘t you shoot me through my heart?“.

Es grenzt dabei an eine Meisterleistung, wie organisch Andrew diese harten Brüche wirken lässt. Speziell durch die zahlreichen wunderschönen Passagen des Albums, wie zum Beispiel das über Streicher-Samples schwebende „Ripe Ripe Riot“, zieht sich eine konstante Anspannung. Das Bewusstsein, dass hinter jeder Ecke Wahnsinn lauern kann, führt beim Hören zu einer leichten Panik – lässt diese Momente aber auch noch bedeutender erscheinen.

In der Hinsicht unterscheidet sich „TFCF“ nicht groß von den vorigen Liars-Alben: Man muss sich darauf einlassen, mit beiden Ohren in die Welt dieser Band eintauchen. Traut man sich das, wird man mit einem unglaublich spannenden Album belohnt.

Veröffentlichung: 25. August 2017
Label: Mute

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