ESG – „Come Away With ESG“

Cover des Albums „Come Away With ESG“ von ESG, das unser ByteFM Album der Woche ist.

ESG – „Come Away With ESG“ (99 Records)

Keine Gitarre. Kein Keyboard. Keine Synths. Keine Bläser. Nur zwei Töne aus dem Bass, ein genussvoll geshuffleter Schlagzeubeat, ein paar Percussions. Und ein „Oh yeah“. Nicht als Aufforderung geshoutet oder gar gegrölt. Sondern mit schlichter Selbstverständlichkeit vorgetragen. Der Groove und seine unwiderstehliche Sogkraft sprechen für sich selbst. So ultra-minimalistisch beginnt eine der unterschätzten wie wegweisenden LPs der 80er-Jahre: „Come Away With ESG“, das Debütalbum von ESG.

So sehr die Musik dieser Platte für sich selbst spricht, ist die Geschichte dahinter aber auch sehr erzählenswert. Sie beginnt in der South Bronx der 70er-Jahre, aus heutiger Sicht betrachtet ein geradezu mythischer Ort: Die ersten Block Partys kündigten HipHop an, auf der Straße tanzten die Leute zu den Beats von Grandmaster Flowers, DJ Kool Herc oder Grand Wizard Theodore. MCs und solche, die es werden wollten, lieferten sich Battles in dunklen Hinterhöfen.

In der Erinnerung der Scroggins-Schwestern war das Gebiet nordöstlich von Manhattan in den frühen 70er-Jahren alles andere als dieser magische Sehnsuchtsort, zu dem er von vielen Protagonisten heute gerne verklärt wird. Für FLINTA-Personen war es vor allem eines: gefährlich. Drogen und Gangs beherrschten die Szenerie. Häuser standen in Flammen. Definitiv kein guter Ort, um seine Töchter großzuziehen. Und um sie aus dieser Gefahrenzone herauszuhalten, beschloss eine Frau namens Helen Scroggins, ihren Töchtern Renee, Deborah, Valerie und Marie Musikinstrumente unter den Weihnachtsbaum zu legen: eine Bass-Gitarre, ein Schlagzeug und ein Tambourin. So hätten sie etwas zu tun und kämen vielleicht nicht so schnell auf dumme Gedanken.

Groove, Groove, Groove

„Eine Band im New Yorker Underground gründen“ – das mag aus elterlicher Sicht betrachtet vielleicht doch eher als „dummer Gedanke“ bewertet werden. Die Musikwelt dürfte Mama Scroggings auf jeden Fall für ihr Geschenk dankbar sein. 1978 gründeten Renee, Deborah, Valerie und Marie ihre Band ESG, kurz für Emerald Sapphire Gold. Sie starteten ihre Karriere inmitten der experimentellen No-Wave-Bewegung, umgeben von Acts wie DNA, Glenn Branca oder Teenage Jesus And The Jerks. Während die Klangkunst ihrer Kolleg*innen aus atonalem Gitarren-Noise bestand, der die Grenzen zwischen Free-Jazz, Punk und moderner E-Musik einriss, war der Motor der Scroggins-Schwestern der Beat. In Form der Bongos ihrer hispanischen Nachbarn oder der Drum-Breaks der Turntables gab er den Takt an, im Alltag und in der Musik. Sie konservierten den Beat der Straße mit ihren Instrumenten – und brachen Funk auf seine Essenz herunter.

Dieser Sound wurde zum ersten Mal 1981 konserviert, auf der selbstbetitelten Debüt-EP der Schwestern, aufgenommen von Joy-Division-Produzent Martin Hannett (einer der frühen Förderer der Band war Factory-Records-Gründer Tony Wilson, der den Kontakt zu Hannett herstellte). Nichts klang 1981 so wie diese drei Songs. Ein radikaler Gegenentwurf zum Funk-Maximalismus eines James Brown. Gerade der letzte Song der EP, das Instrumental „U.F.O.“, sollte die Band unsterblich machen: Deborahs bedrohlich absteigende Bassline und Renees Ein-Ton-Gitarren-Riff wurden bis heute in fast 600 Songs gesampelt, von Public Enemy und The Notorious B.I.G. über J Dilla bis zu Nine Inch Nails. All diese Produzent*innen verstanden: ESGs Minimalismus war nicht nur Statement. Er war extrem catchy.

Catchy Minimalismus

Und genau hier machten ESG zwei Jahre später mit ihrem Album „Come Away With ESG“ weiter. „Well, I went to a bar / And I wanted to dance / All night“, ist sozusagen das Leitmotiv, das Renee im zweiten Song „Dance“ offenbart. Über die Hälfte der Songs sind instrumental, und wenn Renee singt, verschwendet sie keine Worte. Ihre Texte sind auf den Punkt: „My love for you, baby / Is like a roller coaster“, sprechsingt sie in „My Love For You“. „It goes up, down / Anyway you want it baby.“ Diese Songs brauchen keine komplexe Poesie. Sie brauchen Energie – und davon haben ESG mehr als genug.

Fast alle Songs kommen so reduziert arrangiert wie der eingangs im Text beschriebene Opener „Come Away“ daher. Und trotzdem kommt im Verlauf der 32 Minuten keine Langeweile auf. Was vor allem auch an den seltenen, aber effektiven Gitarren-Parts von Renee liegt. In „Parking Lot Blues“ spielt sie das vielleicht effizienteste Surf-Rock-Lick der Musikgeschichte – mal wieder nur aus zwei Noten bestehend. Genauso wie auch das Riff von „Chistelle“, das mit düsterer Klangfarbe jedoch mehr an den Post-Punk von Joy Division erinnert – wenn darunter nicht die Breakbeats von Schlagzeugerin Valerie und Percussionistin Marie hemmungslos Party machen würden. Und auch an anderen Stellen des Albums weitete das Quartett seinen Sound aus: „About You“ und „Moody – Spaced Out“ sind wabernd groovende Dub-Exkursionen während Marie und Gast-Conga-Spieler Tito Libran in „It’s Alright“ und „Tiny Sticks“ sich ganz der lateinamerikanischen Polyrhythmik hingeben.

Hemmungsloses Tanzen in ungerechten Zeiten

Kein Wunder, dass diese mit weitem Horizont erschaffene Musik so viele verschiedene Acts beeinflusste. Sowohl der 20 Jahre später in New York vorherrschende Dance-Punk von LCD Soundsystem und Liars als auch die Riot-Grrrl-Bewegung bezogen sich auf ESG – Kathleen Hanna nannte „Come Away With ESG“ als direkten Einfluss für ihre Band Le Tigre. Und auch wenn ESG nicht dezidiert genannt wurden, erinnern Renees repetitive Party-Shouts stark an spätere House-Tracks, während der frisselnde Lead-Synth von „About You“ von US-Journalist Brian Howe als Vorbote für den G-Funk-Sound genannt wurde.

Kaufen konnten ESG sich davon leider nichts. Kurz nach dem Release von „Come Away With ESG“ ging ihr Label 99 Records pleite, die Band löste sich auf. 1992 kehrten sie mit einer bezeichnend betitelten EP zurück: „Sample Credits Don’t Pay Our Bills“. So reich wie die Produzenten, die sie sampelten, wurden sie nicht ansatzweise. Dass die Welt nicht fair ist, wussten sie aber auch schon 1983 – schließlich ist „Come Away With ESG“ ein Album über hemmungsloses Tanzen in ungerechten Zeiten.

Veröffentlichung: 1. März 1983
Label: 99 Records

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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