Loverman – „Lovesongs“ (Rezension)

Cover des Albums „Lovesongs“ von Loverman

Loverman – „Lovesongs“ (PIAS)

8,1

Es war die Zeit der leeren Straßen und geschlossenen Geschäfte, als James de Graef alias Loverman wieder zurück zu seinen Eltern zog. Für viele kaum vorstellbar – so auch für den belgisch-britischen Liedermacher: Die Covid-Pandemie und ein „Lockdown des Herzens“ brachten ihn dazu. Der Stillstand und die kollektiv verordnete Ruhe gaben ihm in seiner beklemmenden Situation den nötigen Freiraum, sich nach langem Zögern endlich der Musik zu widmen. Songs schreiben und singen wollte er schon lange, bereit fühlte er sich nie. Und so ironisch es klingen mag: Nicht einmal Gitarren mochte er besonders, fand sie gar albern. Bis er die Klampfe seiner Schwester in die Hand nahm und „Another Place“ schrieb – den Ausgangspunkt für die elf Songs seines Debütalbums „Lovesongs“.

Zwischen Leonard Cohen, Serge Gainsbourg und Scott Walker

Mit jenem „Another Place“ eröffnet er konsequenterweise die Sammlung seiner Liebeslieder. Mystisch und auf das Nötigste reduziert, nur mit Nylon-String-Gitarre und seinem ab der ersten Sekunde unverkennbaren Bariton. Romantisch mutet das Möwengeschrei und das Rauschen der brechenden Gischt im Hintergrund an und verfrachtet die Hörer*innen in eine einsame Kulisse, die man beinahe riechen kann. Loverman – der Name mag bekannt vorkommen, denn so heißt ein fantastischer Song von Nick Cave: „There’s a devil waiting outside your door“, singt Nick Cave. Und dieser Teufel zeigt sich in Lovermans Musikvideo zu „Into The Night“ in schauriger Gestalt des Grafens Orlok aus dem Filmklassiker „Nosferatu“. Zuvor schon als Single erschienen, führt der Track von allen am besten in Lovermans Dunkel-Pop hinein. Dabei könnten die in süßes Verlangen getränkten Lyrics kaum gegenteiliger zum Horror-Schocker stehen: „As daylight fades my peace within is found / As I listen to the sound of chests beating / Into the night“, singt Loverman, dessen sonore Stimme die Lücke irgendwo zwischen Leonard Cohen, Serge Gainsbourg und Scott Walker füllt.

Kaum zu überhören, soll es auf „Lovesongs“ ganzheitlich um Liebe gehen. Ein großes Fass, das der Songwriter hier aufmacht. Bis zum Rand füllen möchte er es zum Glück nicht: „[Die Songs] erzählen eine neue Geschichte, die Ihr alle schon einmal gehört habt, aber dennoch hören müsst“, stellt er zwar bodenständig, aber selbstbewusst fest. Im Kleid aufwendig orchestrierter Retro-Balladen wirken Songs wie „Who’s Going To Love You“ oder „Nothing Ties“ überraschend unkitischig und zeitlos. „I want you to know that I love you forever / Even if nothing ties us togehter“, bekundet er dort im ersten Vers bereits eine bedingungslose Bereitschaft zur Liebe. Ohne die geliebte Person an sich binden zu müssen. An Cello und Violine konnte James de Graef für die Orchesterparts übrigens seine Mutter und ihre Schwester gewinnen, die, einmal gewusst, dem Sound eine familiäre Wohnzimmeratmosphäre verleihen.

Lovesongs für alle, die noch nie verliebt waren

Doch die Titel des Albums sind keinesfalls allesamt gemütlich, sie gehen auch nach vorne. „Limbo (We’ll Meet Again)“ und „Would“ weisen ein ziemlich knackiges Tempo auf und kommen dabei mit wenigen Akzenten eines Drumset aus. Letzterer erinnert in der Komposition stark an den Score eines Italo-Westerns aus der Feder Luis Bacalovs: Das Strumming der Gitarre galoppiert sinnbildlich durch die Wild-West-Kulisse, ein Chor untermalt die epische Erzählung. Eingesungen hat die Backingvocals Lovermans langjährige Partnerin Daisy Ray, mit der er in der Vergangenheit schon im gemeinsamen Projekt Partners musizierte. Angesichts des Liebesmotivs in seinen Texten ist sie vor allem dort als Adressatin allzeit präsent – in der bluesigen Ballade „Call Me Your Loverman“ spricht Loverman sie sogar direkt an: „Daisy, I’m your man / My Love is in your hands.“ Diese persönlichen, wenig abstrakten Botschaften machen die Stücke auf dem Album authentisch und für alle nachvollziehbar, die schon einmal verliebt waren. Und die, die es noch nie waren: „Lovesongs“ kann das ändern.

Veröffentlichung: 27. Oktober 2023
Label: PIAS

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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