Micachu & The Shapes – „Jewellery“ (Rezension)

Cover des Albums „Jewellery“ von Micachu & The Shapes

Micachu & The Shapes – „Jewellery“ (Rough Trade)

Es gibt nur wenige Worte, die den Akkord akkurat beschreiben können, mit dem Mica Levi das erste Album ihrer Band Micachu & The Shapes beginnt. Dissonant wäre naheliegend. Aber nicht ganz richtig. Anfangs klingt er, als würde ein neugieriger Säugling auf eine Gitarre einhämmern. Wie eine wahllos ausgewählte Sammlung von Tönen. Steht er so alleine für sich wie im Intro von „Vultures“, dann ist er ziemlich nervig. Doch dann ergibt auf einmal alles Sinn: Plötzlich erklingt eine Orgel, verzerrte Synthesizer und ein schneller Punk-Beat gesellen sich dazu, die den Song mit Vollgas in die Wall of Sound krachen lässt. Nach 70 Sekunden lässt diese Wand einen vergleichsweise greifbaren Pop-Refrain durchscheinen, doch Levis Gitarren-Sound ändert sich nicht. Es geht der Britin nicht um die Töne, sondern um den Klang. Ihr Instrument singt nicht, es kratzt und es schabt.

Wer 2009 das Album „Jewellery“ auflegte, konnte kaum ahnen, dass sich die Schöpferin dieses Albums im Verlauf des nächsten Jahrzehnts zu einer oscarnominierten Komponistin entwickeln würde. Hört man es heute, dann wundert einen nichts mehr. Die klassisch ausgebildete Künstlerin ist mittlerweile eine der umtriebigsten Gestalten der abenteuerlichen Musik: In Hollywood orchestriert sie schweißtreibende Soundtracks für Filme wie „Under The Skin“ oder „Jackie“. In ihrer Heimat arrangiert und produziert sie den Raum und Zeit dehnenden R&B von Tirzah. In New York arbeitet sie mit dem Noise-Rapper Wiki zusammen. „Jewellery“, der Grundstein für die außerordentliche Karriere von Mica Levi, wird am 9. März 2019 zehn Jahre alt.

Wahnsinnig selbstbewusst, selbstbewusst wahnsinnig

Das Kratzen und das Schaben hört auch mit dem zweiten Song der Platte nicht auf. „Lips“ ist ein seltsames Biest: Das Instrumental besteht aus blubbernden Störgeräuschen und wie betrunken stolpernden Gitarren-Melodien, über das Levi ihre hedonistischen HipHop-Muskeln spielen lässt. „I love the sound of bass and fear / I want to live for twenty years / When I die of a fast fun death / There will be nothing I have left“, rappt sie – und klingt dabei mindestens so angepisst wie Sleaford Mods.

Gemeinsam mit ihrem Produzenten, dem Techno-Avantgardisten Matthew Herbert, schufen Micachu & The Shapes ein Album, in dem HipHop, Noise-Punk und Anti-Folk fließend ineinander übergehen. In „Eat Your Heart“ geben sich 808-Drums, verzerrte Hooklines und verstimmte Akustikgitarren die Hand. „Ship“ klingt so, als würden Animal Collective eine Grime-Platte remixen. Das melancholische „Turn Me Well“ könnte fast als ein Tirzah-Track durchgehen, wenn da nicht das gesamplete Dröhnen eines Staubsaugers wäre.

Und in all diesem Chaos lässt Levi dann doch immer wieder den Pop durchblitzen. Lässt man sich nicht von den schrägen Textzeilen aus der Bahn werfen („I won‘t have sex because STDs“) oder vom Glitch-Noise abschrecken, dann bekommt man mit Songs wie „Golden Phone“ oder „Just In Case“ kleine Meisterwerke vorgesetzt. Micachu & The Shapes bearbeiten den Pop wie Kinder Knete, zerteilen ihn, verdrehen ihn – doch lassen stets die Essenz intakt. Eine Methode, der Levi bis heute treu geblieben ist. „Jewellery“ ist das wahnsinnig selbstbewusste Debüt einer selbstbewussten, wahnsinnigen Künstlerin. Alles, was Mica Levi zu der unvorhersehbaren Musikerin macht, als die wir sie heute kennen, lässt sich in diesen zwölf Songs finden.

Veröffentlichung: 9. März 2009
Label: Rough Trade Records

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