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Was ist Musik

Strategie Nervensägen

ByteFM: Was ist Musik vom 05.06.2011

Ausgabe vom 05.06.2011: Strategie Nervensägen

Binnen weniger Tage sind drei sehr unterschiedliche MusikerInnen gestorben, denen doch einiges gemeinsam ist: sie forderten ihr Publikum, sie strapazierten seine Nerven, sie artikulierten ihr Nichteinverstandensein mit einer gewissen künstlerischen Radikalität.
Rap-Pionier, Vietnam-Veteran-Violinist, Punk-Sirene - zum Tod von Gil Scott-Heron, Billy Bang und Poly Styrene.


Hier meine Besprechung des letzten Albums mit/von Gil Scott-Heron, erschienen im Frühjahr in der taz.

Gil Scott-Heron And Jamie XX: We´re new here (XL)

Im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit hat es ein Ende mit der Endlichkeit des Kunstwerks. Endlos ist Pop remixbar, der digitalen Revolution sei Dank. „The Revolution will not be televised“, das war vorgestern. Mit dieser Parole schrieb sich Gil Scott-Heron in den 70ern als Pate des modernen Rap in die Geschichte ein. Auf seine alten Tage muss er sich jetzt mit der Kulturtechnik Remix anfreunden. Und mit einem Typen, der sein Enkel sein könnte.

Jamie XX, Kopf einer der wenigen aufregenden britischen Bands des 21.Jahrhunderts, remixt Gil Scott-Heron, Meister des politischen Sprechgesangs zu Soul-Jazz-Begleitung. Ein sehr spezielles Setting, weit weg von der Remixt-du-mich-Remix-ich-dich-Tauschökonomie. Die Kombination unterläuft gängige Zuschreibungen. Eigentlich trennt die Beiden so viel: Atlantik, Alter, Hautfarbe, digital gap.

Der Reihe nach: Gil Scott-Heron ist ein 61 Jahre alter Amerikaner, Jamie XX ein 21-jähriger Brite, Scott-Heron ist schwarz, Jamie XX trägt schwarz, als Kontrast zur blassen Haut. Gil Scott-Heron hat keine Mail-Adresse, Jamie XX schon. Es gibt logischere Konstellationen. Anstifter der unwahrscheinlichen Paarung ist Richard Russell. Der Boss der Londoner Plattenfirma XL hatte Scott-Heron 2009 aus der Versenkung geholt, um nach 16 Jahren ein neues Album mit dem Rap-Pionier zu produzieren. Genau genommen hat er ihn mit dem naiven Idealismus, zu dem Fans fähig sind, im Gefängnis besucht und so lange gegen die Lebensmüdigkeit eines bankrotten und aidskranken (Ex-?)Crack-Junkies angekämpft, bis sich der vom ungesunden Leben Gezeichnete breitschlagen ließ und neue Songs aufnahm.

Die Produktion übernahm Russell selbst und ließ sich inspirieren vom Sound seiner labeleigenen Band The XX. Die drei Teenager kommen 2009 mit einem Sound daher, der den Young Marble Giants so viel verdankt wie Burial und dem vergessenen Brooklyn/Crooklyn-Wordsound-Dub der 90er. Gegen jede Erwartung werden The XX preisgekrönte Popstars, Vorboten des hybriden Zehnerjahre Bastard-Entwurfs, der mangels besserer mit den Schlagworten Entschleunigung und Post-Dubstep versehen wird. Für Gil Scott-Heron in New York böhmische Dörfer. XL-Chef Russell bringt das ungleiche Paar zusammen. Dabei ist egal, ob der alte Afroamerikaner und der junge Goth-Dub-Brite sich jemals von Angesicht zu Angesicht begegnet sind.

Als Rohmaterial dient Scott-Herons Album „I’m New Here“ von 2010. Gegen die Remix-Orthodoxie geht Jamie XX äußerst freizügig mit dem Material um. Statt jeden einzelnen Song neu abzumischen, zerschneidet und rekombiniert er das komplette Album und fügt sogar Vokal-Takes aus Scott-Herons glorreicher Vergangenheit ein, darunter den Klassiker „Home Is Where The Hatred Is“. Und er ignoriert markante Songs von „I’m New Here“, etwa das hochsymbolische Robert Johnson-Cover „Me And The Devil“. So wird aus „I’m New Here“ via Cut & Paste tatsächlich: „We’re New Here.“

Es geht los mit einem doppelselbstreflexiven Coup: „I did not become someone different, that I did not want to be“, krächzt Scott-Heron ohne Musikbegleitung mit aller Zahnlosigkeit, zu der er fähig ist. Der größte Kontrast zur juvenilen Bling-Männlichkeit der Goldgebissrapper da draußen. Ein kranker alter Mann behauptet seine Würde: „Ich bin kein anderer geworden, durch diesen neumodischen Remix-Quatsch, keiner, der ich nicht sein wollte.“ Toller Anfang für ein Album, das Gil Scott-Heron zu einem ganz Anderen macht, ohne ihn zu verraten. Man hört förmlich die frühreife Liebe des Jamie XX zu dieser unvergleichlichen Stimme. Wie ein Instrument setzt er sie ein, manchmal kippt das ins Ornamentale. Das ist aber schon der einzige Einwand gegen diesen stripped-down triumph, so das Uncut-Magazin.

Starring: Esther Philips, Kanye West, X-Ray Spex, Eric Burdon & War, Robert Johnson…

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Playlist

1.  Gil Scott- Heron / I’m New Here
I’m New Here / XL
2.  Theo Parrish / Black Mist
Chemistry / Sound Signature
3.  Gil Scott-Heron & Jamie XX / New York Is Killing Me
We’re New Here / XL
4.  Gil Scott-Heron / Ain’t No New Thing
Free Will / RCA
5.  Eric Burdon & War / The Vision Of Rassan/Roll On Kirk
Eric Burdon Declares War / United Artists
6.  Billy Bang / Saigon Phunk
Vietnam: The Aftermath / Justin Time
7.  Gil Scott- Heron And Brian Jackson / South Carolina
From South Africa To South Carolina / Arista
8.  Gil Scott- Heron And Brian Jackson / Johannesburg
From South Africa To South Carolina / Arista
9.  Gil Scott- Heron / B-Movie
Reflections / Arista
10.  Kanye West / My Way Home (ft. Common)
Late Registration / Roc-A-Fella
11.  Esther Phillips / Home Is Where The Hatred Is
Home Is Where The Hatred Is / Raven
12.  Poly Styrene / Black Christmas
Generation Indigo / Future Noise Music
13.  X-Ray Spex / Oh Bondage Up Yours
Germ Free Adolescents / Castle
14.  Poly Styrene / Thrash City
Generation Indigo / Future Noise Music
15.  X-Ray Spex / Plastic Bag
Germ Free Adolescents / Castle
16.  Gil Scott- Heron / Watergate Blues
Winter In America / Arista
17.  Gil Scott- Heron / Inner City Blues
Reflections / Arista
18.  Robert Johnson / Me And The Devil Blues
The Complete Recordings / CBS
19.  Gil Scott- Heron & Brian Jackson / Me And The Devil Blues
I’m New Here / XL