John Maus – „Screen Memories“ (Album der Woche)

Screen Memories von John MausJohn Maus – „Screen Memories“ (Ribbon Music)

Für einen Menschen, der sein letztes Album – frei nach einem großspurigen Zitat des französischen Philosophen Alain Badiou – „We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves“ betitelt hat, ist John Maus ein sich erstaunlich wenig ernst nehmender Typ. Der US-amerikanische Chef-Intellektuelle des Synth-Pop ist zwar Doktor der Philosophie und Connaisseur der Renaissance-Polyphonie, aber auch selbstironischer Pop-Entertainer, der seine Konzerte als punkig-chaotische Karaoke-Shows gestaltet. Auf seinem vierten Album „Screen Memories“ demonstriert Maus erneut, was ihm vom 80er-Jahre-Nostalgie-Einheitsbrei absetzt: Sein spitzfindiges Melodien-Gespür und sein Humor – der so trocken wie seine motorisch-statischen Beats ist.

Dabei beginnt das Album mit einem düsteren Thema – der Apokalypse: In „The Combine“ sieht Maus einen alles vernichtenden Mähdrescher bedrohlich näherkommen. Diese Endzeit-Vision orchestriert er mit einem angemessen epischem Klangfeuerwerk: Synthetische Streicher und Bläser verschmelzen zu Bombast à la Hans Zimmer. Unter ihnen pulsieren stoisch die omnipräsenten Drum-Computer – und bieten einen angenehmen Kontrast zur überbordenden Emotionalität des Arrangements.

„The Combine“ findet die Absurdität im Bombast – die Vorabsingle „Teenage Witch“ findet sie im bizarren Namedropping: Während die Synthesizer eine verwaschene Hookline spielen, reimt Maus „For that icy titty“ mit „I played in Haunted Graffiti“. Apropos Ariel Pink: Die Garage-Rock-Miniatur „Find Out“ hätte auch auf dessen neustes Album „Dedicated To Bobby Jameson“ passen können. Die beiden Pop-Exzentriker Pink und Maus verbindet eine langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit. So ist zum Beispiel Ersterer auch Co-Autor des Songs „Bombs Away“, der zum Abschluss des Albums Motor-Drums in eine melancholischere Richtung lenkt.

Maus erlaubt sich auf „Screen Memories“ noch viele weitere kleine Scherze, wie ein verschmitztes „You dirty fucker“ oder eine prollige Football-Metapher über einem depressiven New-Order-Beat. Glücklicherweise hat er bei all dem Zwinkern nicht vergessen, tatsächlich packende Pop-Songs zu schreiben: So kombiniert er im irrwitzigen „Over Phantom“ in treibenden Post-Punk-Tempo paranoide Gesangs-Synkopen mit polyphonen Synthesizern. Und in „Walls Of Silence“ zieht er die tiefen Register seines Gesangs-Organs – und entfaltet mit nur acht simplen Worten die Intensität eines Ian Curtis. Das ist John Maus‘ große Kunst: Im ersten Moment möchte man schmunzeln, im zweiten ist man seinem Bann verfallen.

Veröffentlichung: 27. Oktober 2017
Label: Ribbon Music



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