Mount Kimbie – „Love What Survives“ (Album der Woche)

Cover des Albums Love What Survives von Mount KimbieMount Kimbie – „Love What Survives“ (Warp Records)

Sieben lange Jahre sind vergangen, seit ein junges, britisches Electronica-Duo namens Mount Kimbie mit seinem Debüt „Crooks & Lovers“ ein neues Genre definierte: Post-Dubstep. Kai Campos und Dominic Maker haben sich seitdem bei ihren zahlreichen Live-Konzerten immer weiter vom basslastigen Club-Sound Londons in Richtung kunstvoller Pop-Musik bewegt. Aus Tracks wurden mit der Zeit Songs. Mit „Love What Survives“ haben Kai Campos und Dominic Maker nun elf höchst organische Exemplare geschaffen, auf denen die Grenzen zwischen akustischen und elektronischen Instrumenten fließend ineinander übergehen. Hier klingen Bläser wie aus Casio-Keyboards und Drumcomputer wie von Menschenhand geschlagen.

Dabei geben Mount Kimbie ihren Songs sehr viel Zeit zum Atmen: Im Album-Opener „Four Years And A Day“ bauen sie in aller Ruhe aus synthetischen Arpeggios weite Sphären auf, bis zur Mitte des Songs ein repetitiver Beat und eine Post-Punk-Bassline langsam Bewegung in das Lied bringen. Das frühe Highlight „Blue Train Lines“ funktioniert ganz ähnlich: Gastsänger Archy Marshall alias King Krule bellt seine paranoid-dringlichen Zeilen über einen minimalistischen Klangteppich aus dezenten Synthesizern. Mount Kimbie verstehen es, ihre Features einzusetzen: King Krules einzigartig raue Stimme benötigt gar keine explosiven Instrumentals, um sich tief in Gehörgängen festzukrallen. Erst nach zwei Minuten Spannungsaufbau treiben sie den Song mit einem plötzlich einsetzenden, gnadenlos treibenden Lokomotiven-Beat in neue Hemisphären. Ein wahnsinnig intensives Stück Pop-Musik.

King Krule ist jedoch nicht die einzige fremde Stimme, die durch „Love What Survives“ geistert: In „Marilyn“ singt Campos, umgeben von verspielt klimpernden Windspielen, ein verträumtes Duett mit dem britischen Multitalent Mica Levi, besser bekannt als Micachu. Mitglied der Mount-Kimbie-Livebesetzung Andrea Balency untermalt den elektronischen Garage-Rock von „You Look Certain“ mit ihrem bittersüßen Gesang. Und der junge Prinz des Alternative-R&Bs und Ex-Post-Dubstep-Kollege James Blake darf gleich zwei Songs seine distinktive Stimme leihen: Zuerst als souliger Crooner in der orgellastigen Vorabsingle „We Go Home Together“, und dann mit zerbrechlichem Falsett in der das Album abschließenden Ballade „How We Got By“, die mit hakenschlagender Akkordfolge, pulsierender Bassline und jazzigen Piano-Tupfern einen weiteren Höhepunkt des Albums darstellt.

Doch auch ohne GastsängerInnen können Mount Kimbie große Musik basteln: „Audition“ erinnert mit seinem krautigem Post-Rock an frühe Tortoise-Alben, „Poison“ an die impressionistischen Klavierstücke von Aphex Twins Doppelalbum „Drukqs“. Und „T.A.M.E.D.“ lässt sich als ein ständig stolpernder Wiener Walzer bezeichnen, der durch Campos getragenen Gesang trotzdem ein großes Maß an Grazie beweist. Es sind diese windschiefen Momente, die „Love What Survives“ zu einem spannenden Album machen. Unter den vielen Synthesizer-Schichten und den elektronischen Klangflächen haben Mount Kimbie organische Pop-Songs versteckt, die nur darauf warten, entdeckt zu werden.

Veröffentlichung: 9. September 2017
Label: Warp Records



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