The Düsseldorf Düsterboys – „Duo Duo“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Duo Duo“ von The Düsseldorf Düsterboys, das unser ByteFM Album der Woche ist.

The Düsseldorf Düsterboys – „Duo Duo“ (Staatsakt)

Wir schreiben das Jahr 1510. William Cornysh ist seit Kurzem Hofkomponist der britischen Krone, der „Master Of The Children Of The Chapel Royal“. In dieser hohen Stellung schreibt er ein Stück namens „Adieu Adieu, My Heartes Lust““, ein kleines Vokalwerk von herzzerreißender, zeitloser Schönheit. Wir springen ins Jahr 1968. An William Cornysh erinnert sich kaum noch jemand, selbst sein Geburtsdatum ist nicht mehr überliefert. Stattdessen regiert in England Psychedelic-Rock und Beat-Musik. In São Paulo mischen die Brüder Arnaldo und Sérgio Dias Baptista und die Sängerin Rita Lee mit ihrer Band Os Mutantes diesen hippen Stil mit der Musik Brasiliens, mit Samba und Bossa Nova. Die Tropicalismo-Bewegung wird geboren.

Ein letzter Zeitsprung führt uns in Jahr 2022. Nicht zum britischen Königshof, nicht nach São Paulo, sondern nach Essen. Hier, im tiefsten Ruhrgebiet, laufen diese zwei räumlich und zeitlich weit voneinander entfernten Fäden zusammen. Und noch viele mehr. Dieser ominöse Knotenpunkt trägt den Namen „Duo Duo“ und es handelt sich hierbei um das zweite Studioalbum von The Düsseldorf Düsterboys. Eine LP, auf der die Musiker Peter Rubel und Pedro Goncalves Crescenti den zarten Baldrian-Folk ihres 2019er Debüts „Nenn mich Musik“ in viele Richtungen weiterdenken.

Von São Paulo über London nach Essen und wieder zurück

„Stars/Sternchen“ eröffnet das Album noch mit sehr gewohnten Klängen, mit sich freundlich anschmiegendem Baritongesang und gezupften Akustikgitarren, die so sanft rascheln wie Laub im Oktober (wie schön, dass Düsterboys-LPs immer im Herbst erscheinen!). Doch im folgenden „Ab und zu“ wird der dichte Sound mit Rumba- und Bossa-Nova-Rhythmen ergänzt. Dieser Mix aus europäischem Folk und lateinamerikanischen Einflüssen zieht sich durch das gesamte Album, durch das Piano-Outro von „Das erste Mal“ oder die verschrobenen Akzente von „Die Hand heilt“. Wie sehr die Musik von Os Mutantes die Songs von „Duo Duo“ beeinflusst haben, verriet der Deutsch-Brasilianer Crescenti bereits in einer Sonderausgabe seiner ByteFM Sendung Bossa Brasil. Was er besonders an dieser Band schätzt, ist, wie sie den Spaß an der Musik, das Experimentelle „über die Sauberkeit der Signale“ stellten.

Diese Freude am Experiment überträgt sich auch auf „Duo Duo“. Mit Ergebnissen, die den stellenweise recht lauten Art-Rock der Schwesterband International Music noch übertreffen. In Songs wie „Gangster“ spielen Rubel und Crescenti verstrahlten Freak-Folk, der stellenweise an die Mittelalter-Exzentrik von Richard Dawson erinnert. In „Lavendeltreppen“ kann Rubel mit seinen Kompositionsskills flexen – und lässt über einen einzigen Akkord mal dissonante, mal majestätische Streicher flirren. „Schlaf Dich aus“ ist eine eineinhalb Minuten lange Dada-Exkursion mit grölenden Posaunen und kreischenden Stimmen. Und dann gibt es noch die absolute Kulmination dieser Südamerika-Europa-Fusion: ein Cover von Cornyshs „Adieu Adieu …“ – von The Düsseldorf Düsterboys in ein avantgardistisches Samba-Gewand gehüllt. Erstaunlich, wie gut das alles funktioniert. Nur wenige können Raum und Zeit so schön aus den Angeln heben wie dieses magische Duo.

Veröffentlichung: 7. Oktober 2022
Label: Staatsakt

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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