Album der Woche: Der Mann – „Wir Sind Der Mann“

Der Mann - Wir Sind Der MannVÖ: 21. November 2014
Web: dermann.tv
Label: Staatsakt
Kaufen: artistxite-Shop

„Doch selbst das Reformhaus braucht eine Reform. Und das Leben ist keine Pusteblume, das Leben ist kein Dinkelbrot. Das Leben ist nicht grob geschrotet und wäre das Leben ein Reformhaus – wäre ich lieber tot. Ja, ihr habt richtig gehört, dies ist eine Kampfansage an die Wurzel allen Übels.“

Was für eine Ansage. Und was für eine charmante Methode, mit Texten wie diesem ein Album zu beenden. Ein Album, bestehend aus zwölf Songs über Einsamkeit, die Fehlbarkeit des Menschen und – Männer.

Der Mann nennt sich das Kollektiv, bestehend aus Mitgliedern der Berliner Band Die Türen, dem Berliner Maler Helmut Kraus und einer Kölner Animationsfirma. Zusammen wird so ein regelrechtes Gesamtkunstwerk erschaffen: Die Liebe zum Detail findet sich sowohl im entzückend-inszenierten Musikvideo und dem kunstvollen Plattencover, als auch in der Musik selbst.

Die drei „Ur-Türen“ finden mit „Wir Sind Der Mann“ nach längerer Pause wieder zusammen. Bassist Ramin Bijan, Gitarrist Gunther Osburg und Sänger Maurice Summen gründen 2002 Die Türen – und weil sich kein Label für sie interessiert, wird kurzerhand ein eigenes namens Staatsakt aufgebaut, das bis heute von Summen geleitet wird. Vor zwei Jahren kam der letzte Streich der Türen heraus. Der Albumtitel: „ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ“.

„DER MANN. Wer soll das sein? Ist nicht auch bei „dem MANN“ das Ego auch nur eine Konstruktion, die versucht den Stimmen aus dem Chor der Welt zu folgen – oder sie zu ignorieren?! Also kann es ihn überhaupt geben? Den MANN?“, fragt sich das Label auf seiner Homepage. Ein musikalisches Pendant zu diesen Fragen ist der Song „Wo Fängt Mann An?“. Die wohl unterhaltsamste Definition von Männlichkeit seit Herbert Grönemeyers „Männer“ vertonen die Musiker im Song „Ich Bin Ein Mann“. Maurice Summen klagt darin über verschiedenste Dinge: „Was mich an Teenagern stört, sind ihre Pickel. Was mich an ihren Eltern stört, sind ihre Ratgeberbücher im Regal.“ Oder: „Was mich am Sex stört, ist das Hinterher.“

„Wir Sind Der Mann“ ist ein augenzwinkerndes, kurzweiliges und kluges Album: Maurice Summen jongliert mit Wörtern wie kein Zweiter. Und trotzdem gelingt es ihm, verständlich und vor allem authentisch zu klingen; pseudo-intellektuelle Phrasen sucht man hier vergeblich: „Ich steh nicht auf die Süddeutsche Zeitung, steh nicht auf den FC Bayern – nicht, dass ich was gegen Bayern hätte, doch das elitäre Gehabe ist nicht so mein Ding, ich steh mehr auf die einfachen Dinge im Leben. Ich glaub ich neig zum Mittelmaß, ich neig zur Untertreibung, ich mag nicht so das Rampenlicht.“, gibt er im theatralischen „Von Der Kneipe In Die Cloud“ zu verstehen. Ein weiterer Höhepunkt des Album ist „Alles Keine Arbeit“. Hier kritisieren die Musiker durch eine satirische Betrachtungsweise den wachsenden, gesellschaftlichen Leistungsdruck.

Das anfangs zitierte „The Rise Of The Reforming House“ hat nicht umsonst als einziges Stück einen englischen Titel: Die Anspielung auf den Folkklassiker „The House Of The Rising Sun“ ist nicht zu übersehen. Besonders wenn Maurice Summen das Reformhaus genüsslich als „Freudenhaus des Stuhlgangs“ besingt.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare der kunstvollen Vinyl-Edition. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Der Mann“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.

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