Neue Platten: Thurston Moore – „The Best Day“

Cover des Albums The Best Day von Thurston MooreThurston Moore – „The Best Day“ (Matador)

7,9

Das vorläufige Ende von Sonic Youth schien das Schlimmste und gleichermaßen Beste heraufzubeschwören, was dem einflussreichen Krachkollektiv widerfahren konnte. Jenes dialektische Verhältnis speist sich einerseits aus der enormen Relevanz, die jene Gruppe nicht nur als Rolemodels und Identifikationsfläche für die einst so medienwirksam betitelte Generation X darstellte, sondern darüber hinaus für eine radikale Politisierung und Subversion mittels Ästhetik und die Verbindung von Sub- und Hochkultur, von Neuer Musik, Jazz und Punk hatte. Die unprätentiöse – trotz oder gerade wegen Kunsthochschule zumeist autodidaktische – Herangehensweise des No Wave im New York der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre wurde konsequent weitergedacht und so waren die Makers of Cool mit einer Bandgeschichte von fast drei Dekaden ein popkulturelles Relikt, was die symbiotische Umsetzung verschiedenster kreativer Felder wie Musik, Film, Literatur, Performing Arts und bildender Kunst angeht. Ich möchte bewusst vermeiden, an dieser Stelle von „in Würde altern“ zu sprechen.

Waren die Soloarbeiten der jeweiligen Individuen einst Nebenschauplätze und vom Projektcharakter geprägt, so entstand ab der dramatischen Trennung vom einstigen Indie-Traumpaar Gordon-Moore nach 27-jähriger Ehe und einer gemeinsamen Tochter Raum für Neues und so wurde mit durchaus spannenden Releases über die schleichende Auflösung (?) hinweggetröstet. Steve Shelley sprang kurzzeitig als vollwertiges Mitglied der Chicagoer Kraut-Wiedergänger Disappears ein und ist als Session-Drummer für Spectre Folk, Sun Kil Moon (et al.) tätig. Lee Ranaldo veröffentlichte indes zwei zeitlos-frische, von Psychedelic, Yo La Tengo und seiner Jugend bzw. Kindheit beeinflusste Alben. Kim Gordon widmete sich u. a. ihrer bald erscheinenden Autobiografie und dem fordernden Noise-Duo Body/Head. Und Thurston Moore?

Der stets extrovertierteste der vier alternden Ewig-Jugendlichen veröffentlicht nach Chelsea Light Moving und gar gruseligen Ausflügen im Black Metal mit „The Best Day“ sein insgesamt viertes Soloalbum und zugleich erstes seit vier Jahren bzw. der Trennung, welcher eine rund sechsjährige (!) Affäre mit der gemeinsamen Freundin und Verlagspartnerin Eva Prinz – die Moore im Übrigen über Gordon kennenlernte – vorausging. Dieser Fakt und die gleichzeitige Verehrung des künstlerischen Schaffens (Stichwort Dialektik) lässt „The Best Day“ zunächst vielmehr als Worst Case erscheinen, sodass es ein schier unmögliches Unterfangen darstellt, die Platte unvoreingenommen zu rezensieren. Damit einhergehend bin ich dazu geneigt, solch breitbeinige Gitarrensoli wie im Titelsong nicht mehr als ironische, überaffirmative Aneignung stilistischer Mittel klassischer Rockwerke der 70er-Jahre (wie es hingegen auf „Daydream Nation“ aus dem Jahre 1988 der Fall war) zu dechiffrieren, sondern differenzierter und wesentlich kritischer in einem Kontext zu bewerten, von dem sich Moore jederzeit explizit distanzierte und wahrscheinlich auch noch heutzutage lossagen würde – nämlich vom sogenannten „Dude-Core“ (O-Ton Moore), dem Großteil des kulturindustriellen Establishments von Typen, die mit phallisch eingesetzten Gitarren Musik im Allgemeinen und Punk bzw. Indie-Rock im Speziellen für ein männliches Publikum produzieren. Von Jungs für Jungs eben.

Doch zurück zum besten Tag: Das Coverartwork zeigt Moores Mutter. Diese sieht darauf ähnlich unbeschwert und losgelöst aus, wie der Eröffnungstrack mit dem Titel „Speak To The Wild“ klingt. Bewegte sich der passionierte Sammler von Sun-Ra-Platten zuvor meist im Spannungsfeld von Avantgarde, Impro bzw. Noise und 12-saitigen Akustikversionen mit Beck Hansen, so vermag „The Best Day“ noch mehr als die letzten Outputs von Lee Ranaldo Assoziationen zu den Spätwerken Sonic Youths oder auch „A Thousand Leaves“ (von 1998) hervorzurufen und spielt mit altbekannten Songwriting-Trademarks wie dissonanten, atonalen Akkorden und Steve Shelleys Neu!-beeinflussten Motorik-Beats, aber auch mit Moores Affinität für endlos mäandernde Jams, wie das darauffolgende gut 11-minütige „Forevermore“ hypnotisch-vertrippt unter Beweis stellt. Aber Diversität möchte nach wie vor gewahrt werden: So jongliert das akustische „Tape“ erneut mit arabischen Skalen und ein eigentlich so prädestinierter Kim-Gordon-Track wie „Grace Lake“ oszilliert in einem entrückten Intrumental. Neben Shelley – dem bereits erwähnten Weggefährten aus Sonic-Youth-Zeiten – wird Moore des Weiteren vom britischen Musiker James Sedwards und Debbie Googe von My Bloody Valentine begleitet, was den Wegfall von Gordon und Ranaldo natürlich nicht kompensieren kann, dies womöglich aber auch gar nicht will.

Insofern ist dieses Album als für sich allein stehender, begeisternder Neuanfang mit fadem Beigeschmack zu verorten, der es durchaus versteht, das entstandene Vakuum zu füllen und gespannt in eine ungewisse Zukunft blicken lässt.

Und vielleicht wird es ja irgendwann doch noch was mit einer Reunion, wenn auch nur als Finanzspritze. So gab Moore bereits 2007 gegenüber einer Onlineplattform offen zu, sich darüber zu ärgern, Sonic Youth nicht frühzeitig aufgelöst zu haben und im Gegensatz zu Dinosaur Jr. oder den Pixies nun keine gut bezahlten Reunion-Shows zu spielen.

Label: Matador
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