Sudan Archives – „Athena“ (Rezension)

Cover des Albums „Athena“ von Sudan Archives

Sudan Archives – „Athena“ (Stones Throw)

9,2

Auf „Athena“ setzt Brittney Denise Parks den Weg fort, den sie mit den beiden bislang veröffentlichten EPs „Sudan Archives“ und „Sink“ bereits vorgezeichnet hat: westafrikanische Rhythmen, Geigenspiel inspiriert von sudanesischer Volksmusik, Texte über Identität und Rollenverständnis. Darunter liegen HipHop-Beats, produziert von Washed Out, Paul White (Danny Brown, Charli XCX) und Rodaidh McDonald (The xx, Sampha, Adele). Klang die selbstbetitelte (und im Alleingang aufgenommene) Debüt-EP noch nach der unbehauenen Heimaufnahme, die sie war, wird die Soundoberfläche mit jeder Veröffentlichung smoother und glänzender. Das mag die Authentizitätshuber stören, aber das ist auch der Sinn der Sache. Denn das Suchen nach einer vermeintlichen Echtheit im vermeintlich Exotischen ist der kaum verschleierte Rassismus von Weißen, die eine empfundene Lücke in ihrem Leben zu füllen versuchen. Eine erdrückende Umarmung, gegen die sich die Umarmten wehren müssen, um nicht zu ersticken.

Soundpolitik & Soul

Sudan Archives setzt dagegen slicke R&B-Oberflächen, die sie nach wie vor mit afro-futuristischen Ideen verbindet. Der Titel „Athena“ spielt auf das Buch „Black Athena“ des britischen Wissenschaftlers Martin Bernal, in dem dieser das weitgehende Verschweigen des Ägyptischen und Phönizischen Einflusses auf die griechische Antike – und somit auf die gesamte westliche Kultur – kritisiert. Dieser Titel ist der programmatische Hintergrund, vor dem die Geschichten von Alltagssituationen, Beziehungen zu sich selbst, zu Anderen und zu Ideen spielen. Die oft gezupfte sudanesische Geige trifft bisweilen auf klassische europäische Streichertexturen, auf 70er-Jahre-Keyboards und den Glitzer des modernen Soul. Aber niemals entsteht ein beliebiges Durcheinander, jeder Sound hat auch eine inhaltliche Funktion, steht nicht nur für sich selbst, sondern auch als Repräsentant verschiedener kultureller Hintergründe und Identitäten.

Subtilität und Hartnäckigkeit

Die vorab veröffentlichte Single „Confessions“ ist ein fieser Ohrwurm, die ideale Single, die sich sofort im Kopf verankert. Das unmittelbarste Stück des Albums, aber nicht das Beste. Die Stärke von „Athena“ liegt eigentlich im Subtilen, aber Hartnäckigen. In Grooves, die sich langsam des Unbewussten bemächtigen. Die Gleichzeitigkeit der unterschiedlichen Einflüsse schafft eine faszinierende innere Spannung. „Athena“ ist ein äußerst individuelles, originelles Album mit Haltung und überbordendem Ideenreichtum, eine adäquate Umsetzung des Inhalts in Musik. Und Sudan Archives eine der interessantesten Künstlerinnen des Augenblicks.

Veröffentlichung: 1. November 2019
Label: Stones Throw

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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