Ghost Funk Orchestra – „A Song For Paul“ (Rezension)

Cover des Albums „A Song For Paul“ von Ghost Funk Orchestra

Ghost Funk Orchestra – „A Song For Paul“ (Karma Chief Records)

7,4

„A Song For Paul“ ist ein sonderbares Biest. Psychedelischer Sunshine-Pop-Jazz-Funk. Der Sound ist auf nahezu unheimliche Weise originalgetreu 1968/69, nur mit fetteren Bläsern. Durch diese Gleichzeitigkeit verschiedener Sound-Zeitebenen entsteht ein geisterhaftes Der-Zeit-entrückt-Sein, ein Schwebezustand. Der Gesang ist an 5th Dimension oder The Association angelehnt, der Bass ist 60er-Soul-verliebt wie bei The Soundcarriers aus Manchester. Zusammen erinnert das bei „Slow Down“ fast an die 90er-Jahre Indie-HipHop-Band Luscious Jackson.

Die schepperigen, schnarrenden Gitarren könnten direkt aus Surf-Punk-Tracks der 60er kommen, dann erinnert die Bläsersektion an Platten von Steely Dan aus den späten 70ern, bevor eine Pink-Floyd-Orgel die Verwirrung komplett macht. Mit anderen Worten: Eigentlich sollte hier gar nichts zusammenpassen. Dafür, dass es dann doch passt, gibt es keine naturwissenschaftliche Erklärung. Das ist Alchemie.

Ein Tarantino der Musik

Ghost Funk Orchestra wurden 2014 von dem New Yorker Gitarristen Seth Applebaum gegründet und entwickelten sich im Laufe der Zeit zu einer zehnköpfigen Live-Band, die von Stoner Rock bis Lalo-Schifrin-Soundtracks alles spielen kann. Gleichzeitig. Seth Applebaum ist eine Art Quentin Tarantino der Musik. Womit die positiven wie die negativen Seiten hinreichend beschrieben sind. Er packt Elemente und Verweise genreübergreifend zusammen, schert sich einen Teufel darum, ob die Konventionen das erlauben und erschafft dabei schließlich ein eigenständiges Werk. Eine Aufgabe, an der Tarantino bisweilen scheitert.

Es treten immer wieder Spannungen zwischen den Referenzpunkten auf, die in unversöhnlichen Epochen und Subkulturen liegen: Der Surfpunk, der den aktiven Aufbruchsgeist der Mittsechziger verkörpert, das vollreife Stadium der Spätpsychedelik des Jahrzehntwechsels von 1969 auf 1970, der satte Funk in den Filmmusiken der Mittsiebziger. Alle diese Elemente sträuben sich dagegen, im selben Raum zu sein. Da sie es aber nun einmal müssen, weil die Natur – in Gestalt von Seth Applebaum – es so eingerichtet hat, wird aus dem, was als wildes, formloses Sammelsurium hätte enden können, ein interessantes Spiel von Anziehungen und Abstoßungen.

„A Song For Paul“ ist ganz sicher keine Platte, die sich ausschließlich an Nerds richtet. Sie macht vor allem Spaß. Denn ihr Funk wiegt schwerer als ihr Geschichtswissen. Ob dieser Spaß dauerhaft ist oder sich wiederholen lässt, steht in den Sternen. Aber Spaß ist ja immer für den Augenblick.

Veröffentlichung: 23. August 2019
Label: Karma Chief Records

Das könnte Dich auch interessieren:

Miles Davis‘ „Kind Of Blue“ wird 60 Auf Miles Davis‘ Meilenstein „Kind Of Blue“ strecken sechs Menschen die Zeit bis in die Unendlichkeit. Heute, am 17. August 2019, wird das Album 60 Jahre alt.
Kwaku Asante – „Molasses“ „Molasses“ ist ein funky Track am unteren Tempolimit. Der Londoner Kwaku Asante singt über einen klebrig-zähen Groove, ist in purpurnes Licht getaucht und das Publikum trinkt aus Plastikbechern.
Kamauu – „Ivy“ „Ivy“ ist ein Gospel-HipHop-Track aus New York. Kamauu lehnt sich künstlerisch weit aus dem Fenster. Sein souliger Flow verwandelt in großen Pop, was bei anderen nach spannendem Experiment klänge.


Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.