Brian Eno – „Before And After Science“ (Album der Woche)

Cover von Before And After ScienceBrian Eno – „Before And After Science“ (Polydor)

Während sich das Jahr 2017 dem Ende entgegen neigt und traditionell wenig neue Musik veröffentlicht wird, nutzen wir die Chance, den Blick nach hinten zu richten: Statt neuer Langspieler stellen wir wegweisende Alben vor, die in 2017 Jubiläum feiern. Den Anfang macht das fünfte Soloalbum des britischen Art-Rock- und Ambient-Pioniers Brian Peter George St. John le Baptiste de la Salle Eno aka Brian Eno, das im Dezember 1977 veröffentlicht wurde.

Was „Before And After Science“ von seinen ebenso gefeierten Vorgängern „Here Come The Warm Jets“, „Another Green World“ und „Taking Tiger Mountain (By Strategy)“ absetzt, ist die nahezu schwindelerregende Menge an versammeltem Talent: Der langjährige Eno-Kollaborateur und King-Crimson-Cheffrickeler Robert Fripp an der Lead-Gitarre, Enos Ex-Roxy-Music-Kollege Phil Manzanera an der Rhythmus-Gitarre, das ehemalige Soft-Machine-Mitglied Percy Jones am bundlosen Bass, die deutschen Ambient-Wegbereiter Hans-Joachim Roedelius und Dieter Moebius an den Tasten. Und die Tatsache, dass hier Can-Rhythmusgeber Jaki Liebezeit und Bombast-Pop-Maschine Phil Collins Seite an Seite Schlagzeug spielten, machte „Before And After Science“ zu einer der großen Kuriositäten des Pop.

„Before And After Science“ liest sich also auf dem Papier wie eine Enzyklopädie der alternativen Musik der 70er- und 80er-Jahre. Strukturell ähnelte die Platte interessanterweise einem anderen von Eno produzierten Album aus dem selben Jahr: Nicht nur das von oszillierenden Synthesizern untermalte Boogie-Woogie-Piano von „Backwater“ erinnert an die A-Seite von „Low“, dem ersten Teil von David Bowies Berlin-Trilogie. „No One Receiving“ eröffnete das Album mit einem repetitiven Afrobeat-Groove, der stark an eine andere spätere Eno-Produktion erinnert: „Remain In Light“, das vierte Studio-Album der Talking Heads. Passenderweise ist der Titel des ähnlich treibend groovenden fünften Songs „King’s Lead Hat“ ein Anagramm der New Yorker Art-Punk-Band.

Ein starkes Argument für die Zeitlosigkeit von „Before And After Science“ ist der dritte Song „Kurt’s Rejoinder“: Jones‘ funky Basslines klingen auch heute noch so, als hätte Thundercat sie gestern für ein neues Flying-Lotus-Album eingespielt. Im Gegensatz dazu gab sich Eno auf der B-Seite (genau wie bei Bowies „Low“) ganz der experimentellen Pop-Musik hin: „Julie With“ ist eine schwerelose, abstrakte Synthesizer-Ballade, das formlos schwebende „Through Hollow Lands“ und „Spider And I“ deuteten seine ein Jahr später realisierte Astralmusik „Ambient 1: Music For Airports“ an.

Die prophetische Natur von „Before And After Science“ gestaltet sich im Nachhinein als zweischneidiges Schwert: Einerseits ist es nahezu unmöglich, das Album losgelöst von Enos Diskografie und der seiner zahlreichen Gastmusiker zu betrachten – andererseits ist es ein atemberaubender Querschnitt durch eines des wegweisenden Gehirne der Populärkultur, das auch mit 69 Jahren und nach 26 Alben die Suche nach Innovation und Grenzüberschreitung in der Musik nicht aufgegeben hat. Bestes Beispiel dafür ist das 2017er Album „Reflections“, ein 54-minütiger Track, für den Eno eine App konzipiert hat, die unendliche, sich ständig verändernde Versionen dieses Stück kreiert. Spannende Projekte wie dieses gerieten zuletzt zunehmend den Hintergrund, was vor allem der Tatsache geschuldet ist, dass Eno als Unterstützer der BDS-Kampagne zum kulturellen, wirtschaftlichen und akademischen Boykott Israels aufruft und damit regelmäßig für Schlagzeilen sorgt.



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