Idles – „Tangk“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Tangk“ von Idles, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Idles – „Tangk“ (Partisan Records)

Idles machten sich ihren Namen mit Wut-Musik. Songs, zu denen man die Fäuste in die Luft recken und dem Establishment auf die polierten Schuhe spucken kann. Mit chaotischen, wüsten Live-Shows und dem Schaum-am-Mund-Geschrei von Sänger Joe Talbot. Nun hat das Quintett aus Bristol ein Liebes-Album gemacht. Also nicht nur eine Platte mit ein paar Lovesongs. Sondern eine LP, die ausschließlich aus Liebesliedern besteht. Bisher machten die Briten keinen Hehl aus ihrem Hang zur Romantik, doch es war eher eine Romantik des Widerstands. Die Working Class liegt sich in den Armen, vereint im Kampf gegen die Mächtigen. Doch nun singt Talbot explizit von Liebe. Allein dieses Wort fällt auf „Tangk“ 29 Mal.

Im direkten Vergleich zu ihrem stürmischen 2017er Debüt „Brutalism“ wirkt das schockierend. Schaut man sich den weiteren Verlauf der Idles-Diskografie an, ergibt das durchaus mehr Sinn. Nachdem sie 2020 mit ihrer dritten LP „Ultra Mono“ die explizit politische Wut auf den Höhepunkt trieben, wurden sie 2021 mit „Crawler“ deutlich introvertierter. Talbot wurde Vater und sang nicht mehr über „grabbing Trump by the pussy“, sondern zeigte sich von seiner verletzlichen Seite. Mit Texten über seine eigenen Traumata und seinen Kampf mit der Sucht. Nun, auf dem Nachfolger „Tangk“ (ausgesprochen wie „Tank“, englisch für Panzer, mit einem eingeschobenen weichen „g“), wird es gleichzeitig wieder universeller und weiterhin persönlich – mit der Liebe als Ausdruck des ultimativen Widerstands. Kein neues Konzept für die Band, hieß doch bereits ihre zweite LP „Joy As An Act Of Resistance“.

Liebe als Praxis des Widerstands

Der Fokus auf die Liebe bringt auch eine neue Klangpalette mit sich. Stress-HipHop-Experte Kenny Beats (Rico Nasty, Denzel Curry, Vince Staples), der bereits für „Crawler“ am Mischpult saß, teilt sich dieses Mal den Job nicht wie gewohnt nur mit Idles-Gitarrist Mark Bowen, sondern auch mit Nigel Godrich. Der langjährige Radiohead-Produzent konnte die Band für atmosphärische Tape-Loop-Experimente begeistern, wie der Opener „Idea 01“ demonstriert. Verhallte Klavierschleifen und entfernt durch den Raum flirrende Saiteninstrumente wabern um Talbots Stimme, die nicht etwa schreit oder grölt, sondern schlichtweg singt. Und das überaus zart. Mit einer filigranen Kopfstimme, die man so noch nicht von diesem Mann gehört hat.

Im anschließenden „Gift Horse“ wird zwar direkt wieder über Fleischwolf-Gitarren der König verflucht – aber es gibt einen entscheidenden Twist: „Fuck the king / He ain’t the king / She’s the king.“ Und das sollte nicht mit einer Solidaritätsbekundung zur verstorbenen Queen Elisabeth II. verwechselt werden: Talbot singt hier schließlich über seine eigene Liebste. „My baby, she’s so great / I wake up grateful every day“, grölt er triumphal. „My baby is beautiful / All is love and love is all.“

Fleischwolf-Gitarren und Disco-Geigen

Dass diese erfrischend euphorischen Texte nicht kitschig wirken, liegt am vom Godrich-Beats-Bowen-Triumvirat konstruierten Sound. Der bleibt im Verlauf von „Tangk“ immer überraschend, eine musikalische Kehrtwende folgt auf die nächste. Auf den romantischen Noise-Rock von „Gift Horse“ folgt der grimy Post-Punk von „Pop Pop Pop“ (mit der Zeile „Freudenfreude / Hot like fire“, Talbots hemmungslos optimistischer Variante auf Schadenfreude). Mit „Roy“ schießen Idles ihre Version einer Stax-Soul-Ballade hinterher, mit einem Sänger, der seine Reibeisenstimme in Richtung Otis Redding zieht – und dabei so frei singt wie noch nie. Die balladesken Streicher von „A Gospel“ gehen nahtlos über in die Disco-Geigen der Dance-Punk-Variation „Dancer“ (mit Genre-Expert*innen James Murphy und Nancy Whang von LCD Soundsystem an den Background-Vocals). Mit „Hall & Oates“ und „Gratitude“ gibt es nur zwei straighte Punk-Nummern, umringt von Experimenten wie dem Electro-Clash und Shoegaze mixenden „Grace“.

Idles sind nicht die erste Band, die in ihrer Karriere ihren Sound erweitert. Was „Tangk“ aber besonders macht: Idles machen diese Stil-Exkursionen nicht nur zum Spaß. Sie nehmen jede von ihnen ernst. Nirgendwo merkt man das mehr als in „A Gospel“, dem verletzlichen Höhepunkt des Albums. „Lay me down / On the floor / I’ll take the news better / I’m already torn“, singt Talbot. Wieder ein Liebeslied, wieder mit dieser entwaffnenden Kopfstimme. Seine Mitstreiter begleiten ihn mit weichen Klavierakkorden und warmen Streichern, als wären sie The Cinematic Orchestra. Und plötzlich klingen Idles nicht mehr wie die britischen Vorzeige-Wüteriche. Sondern wie eine Band, die alles sein kann, was sie will.

Veröffentlichung: 16. Februar 2024
Label: Partisan Records

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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