Bauhaus-Debüt „In The Flat Field“ wird 40 Jahre alt

Bild des Albumcovers von „In The Flat Field“ von Bauhaus, das 40 Jahre alt wird.

Bauhaus – „In The Flat Field“ (4AD)

Eine große journalistische Kunstform ist und bleibt der Verriss. In wenigen Textgattungen können sich Journalist*innen so kreativ ausleben wie im systematischen Zerstören eines Albums. Man denke an den Musik-Blog Pitchfork, der 2006 als Rezension der zweiten LP der australischen Rockband Jet lediglich ein YouTube-Video postete, in dem ein Schimpanse in seinen eigenen Mund uriniert. Oder an Marcel Reich-Ranicki, der Günter Grass‘ „Ein weites Feld“ nicht nur im Spiegel „ganz und gar mißraten (sic)“ schimpfte, sondern das Buch auf der Titelseite der Ausgabe wortwörtlich zerriss. Oder an NME-Kritiker Andy Gill, der 1980 das Debütalbum der britischen Band Bauhaus mit chirurgischer Präzision auseinandernahm: „Neun bedeutungslose Seufzer“, hieß es da unter anderem über das neun Songs starke Album.

Gill war damals nicht alleine mit seiner Meinung. Im Falle von „In The Flat Field“, das am 3. November 2020 40 Jahre alt wird, war sich die britische Presse ziemlich einig. „Keine Songs, nur Tracks“, schrieb Dave McCollough im Magazin Sounds, mit einem „Uff“ zum Abschluss. „Zu hochnäsig und zu arrogant.“ Bauhaus-Biograf Ian Shirley fasst es in „Dark Entries: Bauhaus And Beyond“ so zusammen: „Obwohl das Album von Fanzines hysterisch gefeiert wurde, wurde es von der einflussreichen Wochenpresse absolut vernichtet.“ Oder, in Gills Worten: „Die frühen Singles zeigten, dass Bauhaus ein oder zwei gute Ideen hatten. Die LP zeigt, dass sie beide verbraucht haben.“

Neun ironische Seufzer

Was die Kritik gegen Bauhaus einte, war nicht nur die Negativität – sondern auch ihr Unverständnis. Das liegt wahrscheinlich an den Erwartungen. Es war das Jahr 1980: Die Punk-Explosion war schon seit einiger Zeit dem introvertierten Post-Punk gewichen. Das Wort „Gothic“ schlich durch die Presse, als Sammelbegriff für junge Bands, die Punk-Spirit mit der morbiden Gravitas von The Doors oder The Velvet Underground und Nico verheirateten. Für Gruppen wie Siouxsie And The Banshees, Joy Division und The Cure passte dieses Wort perfekt. Und dann kamen vier Jugendfreunde aus Northampton mit einer Debütsingle namens „Bela Lugosi‘s Dead“ um die Ecke – ein nächtlich vor sich hin groovendes Requiem auf den ikonischen Dracula-Schauspieler. Wenn das nicht „Gothic“ sein sollte, was dann?

Stattdessen veröffentlichten Sänger Peter Murphy, Gitarrist Daniel Ash, Bassist David J und Schlagzeuger Kevin Haskins neun seltsame, sich selbst nicht zu ernst nehmende Seufzer. Ihre Musik war dunkel, im Falle des ultranervösen „Nerves“ oder dem nervenzerfetzenden Noir-Pop „The Spy In The Cab“ sogar mitunter pechschwarz. Doch bei all der Schwermut gab es etwas, das diese Band von ihren Mitstreiter*innen unterschied: Humor. Bauhaus‘ Songs waren voll mit Swagger, wie allein schon das Motiv vom Opener „Double Dare“ beweist: Viele Bands würden mit so einem Riff unironisch nach vorne rocken – doch Ash ließ seine Gitarre lieber verschmitzt kichern. Die Stottergeräusche, die er aus seinem mit allerlei Effekten entfremdeten Sechssaiter schleudert, klingen fast schon wie ein höhnisches Lachen.

Die Gitarre kichert

Was Ash auf diesem Album angestellt hat, ist ohnehin ziemlich irreal. Im satirischen „Small Talk Stinks“ spielt er Boogie-Woogie aus der Hölle. Im Refrain des epochalen Titeltracks lockt er ein bestialisches Kreischen aus seinem Instrument – das sich wie ein unmenschliches Echo auf Murphys eh schon mächtigen Gesang legt. Dessen Vibrato, klar beeinflusst von David Bowie und Iggy Pop, läuft in dem Song zur Höchstform auf: Am Anfang distanziert und entfernt, im Refrain unmittelbar und fast schon panisch. Murphys Stimme ist von einer konstanten Ambivalenz durchzogen. Man weiß nie, ob er gelangweilt in der Ecke steht oder einem gleich an die Gurgel springt.

Diese Ambivalenz war für die zeitgenössische Musikpresse scheinbar ein bisschen zu viel. Gehört wurde das Album trotzdem: „In The Flat Field“ erklomm – nicht zuletzt dank der tatkräftigen Unterstützung von DJ-Legende und Fan erster Stunde John Peel – die Spitze der britischen Indie-Charts. Heute gilt es als Meilenstein des Goth-Rock – der auch von seinen Nachahmer*innen gerne missverstanden wird. Murphy und Co. würden über das, was in den letzten Jahren „Goth“ genannt wurde, wahrscheinlich sehr herzlich lachen. Denn Humor, den hatten sie.

Mehr über das Bauhaus-Debüt hört Ihr heute um 14 Uhr im ByteFM Magazin mit Friederike Herr. Mitglieder unseres Fördervereins „Freunde von ByteFM“ können noch tiefer ins Bauhaus-Universum eintauchen: In der School Of Rock vom 23. August 2020 befasste sich unser Moderator Christian Tjaben eingehend mit den Anfangsjahren der britischen Band.

Veröffentlichung: 3. November 1980
Label: 4AD

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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