Die Rencontres Transmusicales 2017 in Rennes

Eine der Messehallen während des Festivals Rencontres Transmusicales in Rennes (Foto: Marion Bornaz / Rencontres Transmusicales)In überdimensionalen Messehallen finden die Rencontres Transmusicales in Rennes statt (Foto: Marion Bornaz / Rencontres Transmusicales)

Wie eine elektrische Gitarre lässt Laura Perrudin ihr Instrument kreischen, dann klingt es wieder nach einem Jazz-Bass. Dazu klopft sie auf den Korpus, erzeugt düstere Beats und elektronisch-wabernde Melodien. Mit einer Loopstation baut sie sich Schleifen zurecht, in die sie ihre Stimme mal wie sphärischen Feengesang, mal in Form von schnellem Spoken Word hineinlegt. Das wäre alles noch nicht ungewöhnlich, wäre das Instrument der 27-jährigen Französin nicht eine Harfe. So dystopisch und abwechslungreich wie an diesem Abend in Rennes in der französichen Bretagne ist diese selten zu hören.

Etwa 70 Kilometer von der französischen Küste entfernt liegt Rennes, mitten in der maritim-rauen Bretagne, Präfektur des Département Ille-et-Vilaine und Heimat für etwa 200.000 EinwohnerInnen, von denen fast ein Drittel an der Hochschule der Stadt studieren. Rennes, die kleine, gleichermaßen pittoreske und moderne Studentenstadt, beherbergt ein großes Musikfestival: Die Rencontres Transmusicales, die am vergangenen Wochenende in der 39. Ausgabe des Festivals stattgefunden haben.

Über 60.000 Menschen kommen hierher – und vergnügen sich auch beim Off-Festival Bars en Trans, das in den Studentenclubs der Stadt stattfindet oder auf dem Messegelände vor den Toren der Stadt zu den Rencontres Transmusicales. Während bei den Bars en Trans vor allem französische oder französischsprachige NewcomerInnen zu sehen sind, etwa luftiger Elektropop von Angèle (Brüssel) oder introvertierte elektronische Folk-Experimente von Tiny Feet (Brest), ist das Markenzeichen der Transmusicales seine musikalische wie herkunftsbezogene Offenheit: Statt diejenigen Bands, Künstlerinnen und Künstler einzuladen, die das Jahr über Musikpresse oder Mainstream dominiert haben, kann man hier eher Musik hören, die möglicherweise die nächsten Jahre bestimmt. So haben in der Vergangenheit hier etwa Nirvana ihren ersten Auftritt in Europa gehabt oder die britische Rapperin Kate Tempest das erste Mal eine große Pop-Bühne bespielt.

Verantwortlich für diese Weitsicht ist Jean-Louis Brossard. Er ist künstlerischer Leiter der Rencontres Transmusicales, der „zwischenmusikalischen Treffen“ – und zwar durchgängig seit der Gründung 1978. Zum 39. Mal hat sein eklektischer Musikgeschmack in den fünf Tagen des Festivals am vergangenen Wochenende etwa 80 Acts auf die Bühne geholt. Davon kommen ein Drittel nicht aus Europa und den USA – für ein europäisches Festival der Größenordnung ein ziemlich hoher Schnitt. So gibt es etwa am Donnerstag verschiedene Perspektiven auf Tanzmusik aus Kolumbien von Ghetto Kumbé, Mitù und El Leopardo zu sehen, am Freitag Gili Yalo, der aus Äthiopien stammt und in Israel aufgewachsen ist, und am Samstag die französisch-kongolesische Koproduktion Tshegue zu sehen.

Auch Flamingods, die sich in Bahrain gegründet haben und nunmehr in London leben oder Ernest Greene alias Washed Out stehen in Rennes in einer der überdimensionalen Hallen auf der Bühne. Washed Out, live ein Trio, untermalen die Sample-basierten Produktionen Greenes mit surrealen Art-Pop-Visuals, die sich allerdings als das spannendste der Show herausstellen. Greenes Set wirkt auf Platte wesentlich besser. Aus New Orleans kamen Tank And The Bangas nach Rennes. Ihre energiegeladene Band schafft es leider nicht immer, dass sich die Songs wirklich zu solchen entwickeln. Auch die beiden Vokalistinnen, die der Band ihre eigene Handschrift geben und mitunter nach Salt ’n’ Pepa klingen, kommen kaum in den Dialog.

Teil der Transmusicales ist auch immer eine exklusive Bühnenshow, die für das Festival konzipiert wird. In den vergangenen Jahren waren in diesem Rahmen etwa Benjamin Clementine oder Flora Fishbach zu sehen, die danach Europa eroberten. Dieses Jahr zeigte der südafrikanische Künstler Nakhane eine für die Transmusicales entstandene Show zwischen emotionalen Klavierballaden und Synth-Pop-Bombast. Im silbernen Glitzer-Suit ernennt er sich selbst zum „Black Liberace“, anspielend auf den US-amerikanischen Disko-König mit polnisch-italienischen Wurzeln, der vor allem durch sein extravagantes Auftreten in den 60er- und 70er-Jahren in die Annalen einging.

Seine Show zeigt vor allem aber die besondere Wertschätzung einer guten Licht-Show in Frankreich: Hier nehmen viele Bands nicht nur ihren eigenen Ton-Ingenieur mit auf Tour, sondern auch einen Lichtmischer. Im Konzert-Space „Aire Libre“, direkt am Regionalflughafen von Rennes, zeigten sie die Bühne flammend erleuchtet oder im Dunkeln wie eine Theaterbühne mit einzelnem Lichtspot auf Nakhane, der auf dem Boden liegend seinen Song „In The Dark Room“ performte.

Bei ihm im Vorprogramm ist es, wo die virtuose Harfenistin Laura Perrudin, übrigens Lokalmatadorin aus Rennes, für Staunen sorgt. Ausgebildet wurde sie am klassischen Konservatorium, wollte aber unbedingt ihre Vorliebe für Erykah Badu, Georgia Anne Muldrow und Sampa The Great mit zeitgenössischem Jazz, elektronischen Schlafzimmerproduktionen und ihrem Instrument zusammenbringen. Eine eigens für sie angefertigte Harfe erlaubt es ihr. Im nächsten Jahr dürfte sie damit auch auf deutschen Pop-Bühnen stehen.

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