Johnny Marr wird 55: Fünf hörenswerte Gastauftritte

Foto von Johnny Marr

Johnny Marr (Foto: Niall Lea)

Viele Menschen wären glücklich bis ans Lebensende, nur in einer Band wie The Smiths gespielt zu haben. Mit ihren unwiderstehlichen Jangle-Pop-Melodien und den melancholischen Texten von Steven Patrick Morrissey schuf das 1982 in Manchester gegründete Quartett die Blaupause für das, was heute Indie genannt wird. Doch für den Gitarristen Johnny Marr waren The Smiths nie genug. Nur wenige Monate nach dem Aus der Band stand Marr bereits bei The Pretenders an der Gitarre.

Es folgten sechs Jahre bei den Jangle-Pop-Kollegen The The, eine Supergroup mit New-Order-Mastermind Bernard Sumner namens Electronic, Zusammenarbeiten mit dem Soundtrack-Titanen Hans Zimmer, Gastspiele in Bands wie Modest Mouse oder The Cribs und vier Soloplatten. Das Ende von The Smiths war für Johnny Marr also nur der Anfang.

Neben seinen offiziellen Bandprojekten war Marr auch ein beliebter Session-Gitarrist, der mit seiner Rickenbacker-Gitarre unzählige Songs anderer KünstlerInnen veredelte. Am 31. Oktober 2018 wird er 55 Jahre alt. Darum haben wir an dieser Stelle fünf hörenswerte Gastauftritte von Johnny Marr versammelt.

Talking Heads – „Nothing But Flowers“

Während andere Gitarristen der Post-Punk-Ära Feedback-Lärm und Verzerrung verehrten, war Marrs Spiel immer deutlich versierter: Von der zweistimmigen Melodie, die fröhlich durch die zweite Smiths-Single „This Charming Man“ tanzt, bis zu dem von rechts nach links oszillierenden Stereo-Experimenten von „How Soon Is Now“. 1988, ein Jahr nach der Auflösung von The Smiths, zeigte er als Gastmusiker auf der Talking-Heads-Single „Nothing But Flowers“ eine weitere Facette: Hier steuerte er eine verwinkelte Melodie bei, die mehr nach den gut gelaunten Gitarrenfanfaren des ghanaischen Highlife klingt als nach dem depressiven Lärm Manchesters. Marr lässt mit seiner Gitarre die Sonne aufgehen – ein perfider Kontrapunkt zum gesellschaftskritischen Gesang von Talking-Heads-Frontmann David Byrne.

Billy Bragg – „Greetings To The New Brunette“

Ein weiteres Element, dass The Smiths von ihren MitstreiterInnen abhob, war Marrs Tendenz, möglichst viele Gitarren übereinander zu schichten. Diesen Wall-of-Sound-Ansatz verfolgte er auch als Gastmusiker auf Billy Braggs drittem Album „Talking With The Taxman About Poetry“: Im Eröffnungssong „Greetings To The New Brunette“ spinnt er ein dichtes Netz aus mehrstimmigen Jangle-Melodien und sphärischen Hallfahnen. Ein warmes Meer aus E-Gitarren, in dem Bragg seinen melancholischen Gesang in voller Gänze ausbreiten kann.

Beck – „Milk & Honey“

All seinen Experimenten zum Trotz zeichnet Marrs Gitarrenspiel stets eine große Feinsinnigkeit aus. Dass er auch außerhalb seiner Komfortzone funktioniert, bewies Slack-Pop-Prinz Beck 1999 auf seinem Album „Midnite Vultures“: Hier ließ er seinen Gastmusiker erst einen Haufen machoider Rock-Riffs à la Creedence Clearwater Revival spielen – um sie danach durch den Glitch-Fleischwolf zu jagen. Und trotz all des aufgesetzten Testosterons und der zahlreichen Effekte ist Marrs feine Handschrift immer noch klar erkennbar.

John Frusciante – „Enough Of Me“

Während John Frusciante in seiner Band Red Hot Chili Peppers Funk-Pop in Stadiongröße praktizierte, zeigte sich der von langjährigen Suchtproblemen gezeichnete Gitarrist auf seinen Soloplatten sowohl von seiner verletzlichen als auch von seiner abenteuerlichen Seite. Für sein achtes Album „The Empyrean“ bat er Marr zum Duett: „Enough Of Me“ beginnt als Power-Ballade im Midtempo, ihre beiden Gitarren sind konzentriert verzahnt. Marr ist sich seiner Rolle als Session-Musiker bewusst und spielt sich nicht in den Vordergrund, sondern liefert stattdessen präzise Akzente, die Frusciantes Fuzz-Solo zum Finale an genau den richtigen Stellen zum Strahlen bringen. Hier zeigt Marr, dass es manchmal besser ist, sich ein wenig zurückzuhalten.

Modest Mouse – „Spitting Venom“

Als 2006 ihr langjähriger Gitarrist Dann Galucci Modest Mouse verließ, fand die Band in Johnny Marr einen mehr als adäquaten Ersatz. Seine Handschrift lässt sich überall auf ihrem fünften Album „We Were Dead Before The Ship Even Sank“ finden – am stärksten auf dem achteinhalb Minuten starken Herzstück „Spitting Venom“. Im Intro tänzelt seine E-Gitarre noch verspielt um die manische Stimme vom Sänger Isaac Brock, bis sich zum großen Finale die Akkorde in die Höhe schrauben. Die Band zieht alle Register, während Marr sein ganzes Klangspektrum aus seiner Gitarre fließen lässt – so aufregend klang er seit den 80er-Jahren nicht mehr.

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