Nérija – „Blume“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Blume“ von Nérija

Nérija – „Blume“ (Domino)

Das mit dem Hype ist in London immer so ein Ding. An nur wenigen Orten liegen die Bezeichnungen „Next Big Thing“ und „Eintagsfliege“ so nah beieinander wie in der britischen Metropole. Für jede Überflieger-Band wie zuletzt Black Midi gibt es genug andere Acts, deren Stern nach einem kurzen Aufleuchten ebenso schnell wieder verglüht.

Kwes, der einflussreiche Produzent hinter Tracks von Pusha T, Bobby Womack oder Solange, fühlte sich nach eigener Aussage „sehr geehrt“, von Nérija engagiert worden zu sein. Dabei hatte das Jazz-Septett aus der britischen Hauptstadt gerade erst einmal eine EP veröffentlicht. Die sechs Tracks auf der „Nérija“-EP bescherten der Band ordentlich Aufwind. Spätestens hier sollten die Hype-Alarmglocken läuten.

Doch Nérija sind keine gewöhnliche Band. Und der Hype kommt auch nicht von ungefähr: Alle sieben Mitglieder sind wichtige Akteure der zur Zeit extrem vitalen Jazz-Szene Londons. So ist beispielsweise Saxofonistin Nubya Garcia viel beschäftigte Gastmusikerin bei den großen Acts der Szene, von Ezra Collective bis Sons Of Kemet – und mit ihrer eigenen Band Maisha für furiose Jazz-Fusion-Konzerte bekannt. Auch Gitarristin Shirley Tetteh ist Teil von Maisha, wenn sie nicht als Nardeydey Jazz und Pop vermischt. Trompeterin Sheila Maurice-Grey ist die Anführerin der Afrobeat-Revolutionäre Kokoroko, zu denen auch die zweite Saxofonistin Cassie Kinoshi gehört. Im sowieso schon extrem vernetzten UK-Jazz wirken Nérija wie der Knotenpunkt, an dem alle Fäden zusammenlaufen.

Believe The Hype

Was jetzt erst einmal wie eine professionell gecastete Supergroup klingt, wird in Wahrheit von Freundschaft zusammengehalten. Und das hört man der Musik an: Die zehn Tracks auf ihrem Debütalbum „Blume“ sind dicht verzahnte Kompositionen, wie sie nur von Menschen gespielt werden können, die einander blind vertrauen. Die vier Bläserinnen werfen sich die Bälle in komplizierten Mustern zu. Mangels Klavier bildet Tettehs Gitarre das harmonische Bindeglied, mit einer Mischung aus Highlife-, Jazz-Fusion und Funk-Riffs. Bassist Rio Kai und Schlagzeugerin Lizy Exell bilden ein unverschämt groovendes Fundament – wer versucht, zu „Last Straw“ nicht zu tanzen, wird scheitern.

Man kann versuchen, diese Musik aufzudröseln, in Afrobeat und Fusion à la Miles Davis, vielleicht sogar ein bisschen HipHop-Swagger, verfehlt dabei aber den Punkt: Nérija klingen am meisten wie Nérija. Was diese sieben Menschen hier entfalten, ist fast schon schwindelerregend – auf beste Art und Weise. Und bei all der Virtuosität hat ihre Musik stets etwas Ursprüngliches, was einen unmittelbar in der Magengegend packt. Believe the hype!

Veröffentlichung: 2. August 2019
Label: Domino

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