Der mit der Lampe tanzt – zum 60. Geburtstag von David Byrne

Foto: Chris Buck (via Warner Music Group)
Foto: Chris Buck (via Warner Music Group)

Der schottisch-amerikanische Musiker und Künstler David Byrne erforscht seit 35 Jahren die Neurosen der westlichen Gesellschaft und begegnet ihnen mit Ironie und afrikanischen Rhythmen. Als Sänger der Post-Punk Ikonen Talking Heads hat er den popkulturellen Bildungskanon einer ganzen Generation geprägt und sich anschließend um die Vermittlung insbesondere der brasilianischen Musik verdient gemacht. Byrne hat seit der Auflösung der Talking Heads 1989 diverse Soloplatten veröffentlicht und arbeitet in NewYork als Künstler und konzeptueller Fotograf. Zuletzt veröffentlichte er ein Buch mit Essays über das Fahrradfahren, eine Disco-Oper („Here Lies Love“) zusammen mit Fatboy Slim (und diversen namhafte Gastsängerinen), in der es um das Leben der Diktatoren-Gattin und Schuh-Fetischistin Imelda Marcos geht, sowie eine Live-Platte mit Caetano Veloso.
Am 14. 05. feiert David Byrne seinen 60. Geburtstag.

David Byrne wurde 1952 in Schottland geboren, um als Kind mit seinen Eltern an die amerikanische Ostküste zu ziehen, wo er vornehmlich in Baltimore aufwuchs. Anschließend ein Studium an der Rhode Island School Of Design und dem Maryland Institute College of Art. Dort trifft Byrne Chris Frantz und Tina Weymouth, mit denen er 1974 Talking Heads (zunächst als „The Artictics“) gründet. Die Band, als deren Sänger er heute noch bekannt ist, obwohl sie sich bereits 1989 aufgelöst hat. Neben der Musik arbeitet Byrne auch mit Photographie, Performance und Video Produktion, macht Kunst. Verstärkt um Jerry Harrison beginnt 1977 die Karriere von Talking Heads (ein “the“ gehörte nie zum Namen) als eine der aufregend neuen Bands der New Yorker Boheme, als Intellektuelle unter den New Wave Prototypen, als eine der Bands, die das CBGBs zur Legende machen. Auf „77“, dem Debut von Talking Heads befindet sich mit „Psycho Killer“ einer der Songs, die Byrne nie wieder losgelassen haben.

„I can’t seem to face up to the facts / I’m tense and nervous and I / Can’t relax“.

Byrne wird das Urbild, des von der Wirklichkeit getrieben Großstadtmenschen, ein Entfremdungskünstler, der Botschafter von Neurotica. Sein fast tonloser, stakkatohafter Gesang, seine verstockte Rhythmik, seine „herky-jerky“ Art, sich zu bewegen, werden zum Markenzeichen. Byrne wird Poet des Prosaischen, der Inspiration im Alltäglichen findet und banale Gegenstände und Situationen aus ihrem Zusammenhang reißt, neu kombiniert, zum Symbol macht. Heilig gesprochen und pervertiert zugleich.
Die zweite Talking Heads Platte erscheint 1978, heißt „More Songs About Buildings And Food“ und ist ein weiteres Bekenntnis zur Entfremdung, vertont in schnörkellosem Wave-Pop, der hier und da funky und manchmal auch naiv ist, aber vor allem sehr druckvoll und treibend.

„I guess it’s healthy / I guess the air is clean / I guess those people have fun with their neighbors and friends / Look at that kitchen and all of that food / Look at them eat it‘ guess it tastes real good / … I wouldn’t live there if you paid me / I couldn’t live like that, no siree! / I couldn’t do the things the way those people do / I couldn’t live there if you paid me to.“ („The Big Country“).

Im Gegensatz zum Erstling wird „More Songs…“ nicht in New York aufgenommen, sondern im Compass Point Studio auf den Bahamas, co-produziert von Brian Eno. 1979 folgt „Fear of Music“, wiederum mit Eno, und zeigt anstelle der bisherigen fast spielerischen Leichtigkeit der Talking Heads eine neue Neigung zum Düsteren in Text und Musik.

„This ain’t no party, this ain’t no disco / This ain’t no fooling around / No time for dancing, or lovey dovey / I ain’t got time for that now“ („Life During Wartime“).

Waren die ersten beiden LPs musikalisch noch in Passagen verwandt mit Teenie-Pop und von fast schlichter Machart, tauchen 1979 komplexere Rhythmen, Sounds und Strukturen auf, die das vierte Album „Remain In Light“ durchgehend bestimmen und zum vielleicht vielschichtigsten Album der Band machen. 1980 erschienen, zeigt diese Platte ein erweitertes Spektrum. Afrikanische Polyrhythmik statt CBGBs-tauglicher Gradlinigkeit, vielschichtige Chorgesänge und Gesangsebenen statt des bisher einsamen Protagonisten Byrne und eine ganze Reihe von Mitmusikern und Instrumenten, statt der ursprünglichen Besetzung als Quartett. Die Songschreiber-Credits gelten zuerst David Byrne und Brian Eno und dann, der Legende nach nur auf Druck der anderen Bandmitglieder, auch Talking Heads. „Once In A Lifetime“ wird zur weiteren Hymne für eine Epoche und nichts ist geblieben vom unbeschwerten Pop der frühen Tage.

„I’m ready to leave – I push the fact in front of me / Facts lost – Facts are never what they seem to be / Nothing there! – No information left of any kind / Lifting my head – Looking for danger signs“ („Crosseyed And Painless“).

Die Platte, ein paranoid machender Brocken von Bedeutsamkeit und Basslines, Elektronik und Percussion, markiert einen Bruch, gefolgt von Soloprojekten der Talking Heads. Gerüchte von Trennung machen die Runde. Weymouth und Frantz gründen den Tom Tom Club, Harrison geht solo, Byrne vertont ein Tanztheaterstück für die Choreographin Twyla Tharp („The Catherine Wheel“), produziert die B-52s und Fun Boy Three und macht mit Brian Eno die sehr einflussreiche Platte „My Life In The Bush Of Ghosts“: „Gefundene“ Vocals (TV-Evangelisten, Teufelsaustreiber, arabische Popsänger) werden mit prä-digitaler Elektronik konfrontiert, bis heute ein Blueprint für Sampling Bastler. 1982 wird „The Name Of This Band Is Talking Heads“ veröffentlicht, eine Art „Best Of“ im Live-Format, zusammengestellt aus Konzertmitschnitten von den Anfängen bis zur aktuellen extended Besetzung. 1983 erscheint nach drei Jahren Studiopause überraschend doch ein fünftes Talking Heads Album: „Speaking In Tongues“. Brian Eno ist nicht mehr im Boot, dafür gibt es eine Erstauflage mit einem Robert Rauschenberg Cover und der Sound ist verhältnismäßig poppig. David Byrnes Texte wirken weniger disparat, eine neue Quasi-Normalität hält Einzug.

„Home is where I want to be / Pick me up and turn me round / I feel numb – burn with a weak heart / (So I) guess I must be having fun“ („This Must Be The Place (Naive Melody“).

Die Tour zum Album gerät zur wahrscheinlich relevantesten Werkschau der Band, dokumentiert im bis heute faszinierenden Konzertfilm „Stop Making Sense“ von Jonathan Demme. Hier finden sich die Lower East Side Künstlerwurzeln neben Bernie Worrells funkadelischen Keyboards, das fast beschauliche „Heaven“ neben multiinstrumentalen, perkussiven Grooveorgien wie „Crosseyed and Painless“. Die Inszenierung der Show ist purer Byrne. Theatralische Elemente, großflächige Dias, selbst die in die Show integrierten Bühnenarbeiter sind choreographiert und gestyled. Der Legende nach erlaubte es Byrne seinen Musikern nicht, sich Wasserflaschen auf die Bühne mitzunehmen, weil die das Gesamtbild gestört hätten.

Man kann darüber streiten, ob die drei letzten regulären Talking Heads Alben viel zu bieten haben, soweit es um musikgeschichtlich Bedeutsames geht. Das schlicht-ergreifende „Little Creatures“ von 1985, die Platte-zum-Film „True Stories“ von 1986 und die finale Jam Session in Paris „Blind“ von 1988 gehen sehr unterschiedliche Wege, haben eigentlich nur einen richtigen Hit („Road To Nowhere“ vom 85er Werk), einige gute Stücke, aber auch Redundanz. Musik, die sich nicht ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Als sei man in Gedanken woanders gewesen. Was sogar verständlich wäre.

David Byrne hat zum Beispiel 1986 den Film „True Stories“ gedreht, 1987 für seinen Anteil an der Filmmusik zu Bernardo Bertoluccis „Der Letzte Kaiser“ neben Ryuichi Sakamoto einen Oscar bekommen und 1988 „Storytelling Giant“ produziert, eine Videokollektion der Talking Heads (Byrne hat mit seinen Videos MTV Pionierarbeit geleistet), versehen mit Interviews von „normalen“ Menschen über ihr Leben. Und er hat 1988 sein Label Luaka Bop gegründet. Der Film „True Stories“ mit John Goodman ist eine absurd-visionäre Bestandaufnahme amerikanischer Lebensart, erzählt in Anekdoten und Liedern aus und über ein Kaff in Texas. Wer je ein Pandemonium der Achtziger braucht, das sich nicht in hippen Retro-Betrachtungen wiederfindet, kann hier fündig werden. Nebenbei führt Regisseur und Autor Byrne, der selbst im Film als entrückter Kommentator Cowboyhut bewappnet direkt in die Kamera spricht, per eingebautem Videoclip sein Konzept von Culture Jamming ein und schafft es, bei allem Witz und aller Satire Sympathie für seine Protagonisten zu erzeugen, so schräg sie auch sein mögen.

Luaka Bop wiederum zeigt Byrnes Seite als Kulturforscher, als jemand, der gelangweilt ist vom Prinzip der englischsprachig dominierten Popmusik. Er veröffentlicht Weltmusik, wenn er auch den Begriff ablehnt: Kuba, Indien, Afrika, Japan – woher auch immer. Als er 1989 ein Latin Album namens „Rei Momo“ und direkt anschließend „The Forest“, eine düstere Theatermusik für Robert Wilson veröffentlicht, gilt dies als denkbar schlechter Karrieremove. Seine Fanbase kommt nicht mit. Der Mann mit dem zu großen Anzug aus „Stop Making Sense“ hat das Gebäude verlassen. Das hat Byrne Populariät gekostet, definiert seine Hauptrolle in der breiteren Öffentlichkeit bis heute als „Sänger der Talking Heads“, scheint aber im Nachhinein eigentlich genauso nötig wie sinnvoll. Er hat schließlich noch anderes zu tun, als seinem Image als schlauer Rockstar hinterherzulaufen. Und ist wohl auch zu weise, um stumpf nach einer Öffentlichkeit zu suchen, die nur zu dem Preis zu haben ist, dass man seine Arbeit ganz in ihren Dienst stellt, sie mit Hits, heißem Klatsch und hochtrabenden Projekten beliefert.

David Byrne dreht aber lieber eine Dokumentation über afro-brasilianische Religion („Ile Aiye – The House Of Life“ von 1989). Er heiratet, wird Vater einer Tochter und nimmt sich wieder rein künstlerischen Arbeiten an. Zusätzlich zur Arbeit als Labelmacher veröffentlicht er in der Zeit nach den Talking Heads bis heute Solo-Alben, 2008 auch wieder eine Zusammenarbeit mit Bria Eno („Everything That Happens Will Happen Today“). Daneben kommen Ausstellungen, Installationen und Künstlerbücher. Mal geht es bei Byrnes Kunst und Büchern um „Sacred Objects“ (1993), mal um das Thema Motivations-Selbsthilfe und Werbung („Your Action World“ 1998), dann um „The New Sins“ (2001, unter anderem Hoffnung, Schönheit und Sinn für Humor) oder um das Microsoft Power Point Programm („Envisioning Emotional Epistemologic Information“, 2003).

In seiner Kunst findet sich viel von dem, was Byrne auch als Texter und Musiker ausmacht. Verschiebungen zwischen Inneneinsichten und Außenansichten, die Suche nach der Zeichenkraft des Normalen, nach dem Geist in der Pfandflasche. Viele Arbeiten beruhen auf Rekontextualisierung, Byrne sucht eine Metaphorik des Alltags. Dabei bleibt er immer zweideutig, mal der ernste Künstler, dann wieder jemand, der sich selbst nicht ganz ernst nimmt. Er ist ein Kunst-Macher, begeisterungsfähig für technische Details. Eher im Blaumann als im Showfummel.

Er ist von Timothy Leary zur Verkörperung des „21st century concept of international global coming together through electronics“ erklärt worden und verteidigt die Bedeutung des Rhythmus gegen die Bevorzugung von Melodie und Harmonie durch unsere „offizielle“ Kultur. Wenn er seine Steuererklärung abgibt, schreibt er unter „Beruf“ manchmal „Boss“, manchmal „Herrscher auf Lebzeiten“ und manchmal „blasierter Pseudo-Bohemien“.

ByteFM gratuliert David Byrne zu 60. Geburtstag.

Christian Tjabens School Of Rock zu David Byrne ist im Archiv für Freunde von ByteFM zugänglich.

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