Grizzly Bear & Phoenix: 10 Jahre „Class Of ‘09“

Cover von Grizzly Bear – „Veckatimest“ und Phoenix – „Wolfgang Amadeus Phoenix“

Zwei Alben, die im Mai 2019 zehn Jahre alt werden: Grizzly Bear – „Veckatimest“ und Phoenix – „Wolfgang Amadeus Phoenix“

2009 ist nur zehn Jahre her. Das ist keine lange Zeit. Doch schaut man sich rückblickend den Musik-Markt dieses Jahres an, scheint es eine Ewigkeit entfernt. Das einzige soziale Medium, das im Musik-Bereich zählte, hieß Myspace. Spotify war nur eine obskure Plattform, die kaum wer kannte. Und Indie-Rock war auf seinem Zenit. Vor wenigen Monaten noch unbekannte weiße Jungs mit Gitarren konnten binnen weniger Monate die Pop-Welt regieren – mit einer Menge Hype bewaffnet.

Zwei dieser Bands: Grizzly Bear und Phoenix. Beide veröffentlichten im Mai 2009 ihre Durchbruchsalben, „Veckatimest“ und „Wolfgang Amadeus Phoenix“, die dieser Tage ihr zehnjähriges Jubiläum feiern.

Flanell-Weirdos und Fashion-Models

Die beiden Platten haben an der Oberfläche nicht viel gemeinsam: Auf der einen Seite Grizzly Bear, vier in Flanell gekleidete Weirdos aus Brooklyn, die detailverliebten Psych-Folk spielten. „Veckatimest“ war nicht das erste Album von Grizzly Bear – aber es war die LP, mit der sie sich endgültig etablierten. Die Haupt-Songwriter Ed Droste und Daniel Rossen schufen filigranen Kammer-Pop, der einerseits kompliziert und verschnörkelt arrangiert war (man achte auf die verzahnten Percussions und ineinander überfließenden Gesangsharmonien des Openers „Southern Point“), an anderen Stellen aber auch puren Pop durchscheinen ließ (das sich direkt ins Hirn bohrende „Two Weeks“, das garage-rockig swingende, fast schon an The Black Keys erinnernde „While We Wait For The Others“).

Auf der anderen Seite mit Phoenix vier stylische Franzosen, deren strahlende Indie-Pop-Songs auf Hochglanz poliert wurden – und die allesamt auch als Fashion-Models hätten arbeiten können. Im Vergleich zu Grizzly Bear hört man hier eine LP, die voll und ganz in Richtung Weltherrschaft ausgerichtet war: „Wolfgang Amadeus Phoenix“ hat nicht nur einen großspurigen Titel, sondern ist auch ein Album voller kleiner und großer Hits, etwa „Lisztomania“. Selbst das zweiteilige Experiment „Love Like A Sunset“ ist zum Ende mit einem großen Refrain gesegnet. Dieser Pop-Appeal war fast schon schamlos – und trotzdem durchweg charmant. Phoenix ließen das alles unglaublich mühelos wirken.

Die Indie-Invasion in den Mainstream & „Poptimism“

Was haben diese beiden Bands gemeinsam, außer dass die Veröffentlichung ihrer Durchbruchsalben im Mai 2009 in kurzen Abständen aufeinander folgten? Einerseits wurden Singles aus beiden LPs schnell als Werbesoundtracks verwurstet: Die Stakkato-Pianos und „Aaah-Oooh-Aaah-Oooh-Aaah-Oooh“-Chöre aus Grizzly Bears „Two Weeks“ untermalten Werbespots zweier Autohersteller; eine Spielekonsole wurde zu den Klängen von Phoenix‘ butterweichem Indie-Disco-Smashhit „1901“ verkauft. Mit dieser neuen Popularität waren aber auch Grizzly Bear und Phoenix nicht alleine, auch Animal Collective und Yeah Yeah Yeahs erging es mit ihren ungewöhnlichen Hits „My Girls“ und „Heads Will Roll“ ähnlich. Selbst die betont sperrigen Dirty Projectors konnten im selben Jahr mit „Stilness Is The Move“ ungeahnte Erfolge verbuchen: Indie-Bands wurden nicht nur von KritikerInnen umjubelt, sondern auch in den Mainstream katapultiert.

Doch 2009 war eines der letzten Jahre, in dem von Indie diese pop-bestimmende Wirkung ausging. Mit dem neuen Jahrzehnt kam Kanye Wests Opus Magnum „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“, das im Nachhinein für einen Paradigmenwechsel im Musik-Journalismus verantwortlich gemacht wird. Plötzlich wechselten Indie-Blogs ihren Fokus in Richtung R&B und HipHop, featureten aber auch Mainstream-Ikonen Taylor Swift. Sie und Künstlerinnen wie Lady Gaga, Beyoncé oder Katy Perry verkörperten den Begriff „Poptimism“, der besagt, dass Mainstream-Pop, der zuvor noch das Feindbild war, plötzlich nicht nur cool wurde – sondern auch künstlerisch wertvoll. Und den vorherigen „Rockism“ ablöste.

Die Retrospektive lässt „Veckatimest“ und „Wolfgang Amadeus Phoenix“ wie Relikte aus einer vergangenen Ära wirken. Das ist nicht ganz fair, denn es sind beides sehr unterschiedliche, höchst effektive Alben. Beide auf ihre ganz eigene Art und Weise charmant, beide Meilensteine von Bands, die auch bis heute noch in der Lage sind, gute Platten zu produzieren. Dass diese nur ein Jahrzehnt jungen Alben trotzdem stark nach Nostalgie riechen, sagt viel darüber aus, wie viel sich in den letzten Jahren verändert hat. Eine Entwicklung, die auch den Horizont der Popberichterstattung öffnete.

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