Various Artists – „The Endless Coloured Ways: The Songs Of Nick Drake“ (Rezension)

Various Artists – „The Endless Coloured Ways: The Songs Of Nick Drake“ (Chrysalis Records)

6,9

Nick Drake hätte in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag gefeiert. Zu diesem Anlass erscheint mit „The Endless Coloured Ways“ ein 23 Tracks starkes Tribute-Album, das sich der anspruchsvollen Aufgabe stellt, die Songs des Folkmusikers neu zu erfinden. Darauf vertreten sind so unterschiedliche Acts wie John Grant, Fontaines D.C. oder Aldous Harding.

Nick Drake starb 1974 praktisch unbekannt; in den folgenden Jahrzehnten flossen seine Songs aber, dank Verwendung in Filmen und Werbespots, in den Kanon der Popkultur ein. Heute ist Drake so mythologisiert, dass herkömmliche Cover seiner Songs praktisch immer damit konfrontiert sind, aus einem übergroßen Schatten heraustreten zu müssen. So gesehen ist es eine kluge Idee von Chrysalis Records, eine Cover-Compilation in Auftrag zu geben, die möglichst freie und von den Originalen weit entfernte Versionen enthält. So müssen die Neuinterpretationen nicht so stark einem direkten Vergleich standhalten. Tatsächlich ist die angestrebte Neuerfindung der Songs auf „The Endless Coloured Ways“ aber nur teilweise geglückt.

Gelungene Crossover und Neuinterpretationen

Dem Vorhaben gerecht werden direkt zum Einstieg Fontaines D.C. Ähnlich wie Nick Drake hat die irische Band eine ausgeprägte Vorliebe für Lyrik und einen Sinn für eine hintergründige Schwermut, die praktisch durch ihr gesamtes Werk durchschimmert. So verwundert es dann auch nicht, wie gut sich Drakes „Cello Song“ in Fontaines D.C.s Soundgewand einfügt. Ihre Version ist ein gelungenes Crossover, das die gezupfte Gitarre und das titelgebende Cello aus dem Original mitdenkt und gleichzeitig mit dem für Fontaines D.C. typischen treibenden Post-Punk verbindet.

Es gibt auch noch weitere Beispiele für wirklich interessante Neuinterpretationen auf „The Endless Coloured Ways“, die teilweise sogar noch weiter von den Originalen abweichen. Aldous Harding und John Parish betonen zum Beispiel die psychedelischen Anleihen von Nick Drake sehr stark in ihrer Version von „Three Hours“. Über einen Stakkato-Beat führen sie den Song in Gefilde von Kraut- und Psychedelic-Rock und damit sehr weit weg von seinem folkigen Ursprung. Hier ist die Idee der „Neuerfindung“ deutlich spürbar. Trotzdem schaffen Harding und Parish es, das Entrückte, etwas Weltabgewandte, das Nick Drakes Musik innewohnte, in ihre Interpretation zu übertragen.

Easy-Listening-Geplätscher statt innerer Zerrissenheit

Nick Drake konnte kompositorisch äußerst raffinierte Songs schreiben. Eine seiner größten Gaben war aber, wie er mit einer kaum greifbaren Leichtigkeit und oft nur wenigen Worten, intensiv Gefühle und vielschichtige Stimmungen vermittelte. Diese Qualität wird besonders deutlich, wenn man seine Songs neben die Cover stellt, die ihnen musikalisch nah bleiben. So ist Ben Harpers Version von „Time Has Told Me“ instrumental recht originalgetreu. Harpers Vortrag hat nun aber im Gegensatz zu Nick Drake überhaupt nichts Zweifelndes oder Zerbrechliches an sich. Das führt dazu, dass der Song seine Vielschichtigkeit verliert und plötzlich zu einer ziemlich gewöhnlichen Country-Rock-Nummer zerfällt.

Wirklich unangenehm wird es, wenn die Sanftheit der Originalsongs zu schlichtem Wohlklang reduziert wird. So geschehen in der Version von „Northern Sky“ von den schottischen Folk-Musiker*innen Karine Polwart und Kris Drever. Die eigentlich geradezu ätherische Komposition, die ihrerzeit in Zusammenarbeit mit John Cale entstand, wird hier zum süßlichen Easy-Listening-Geplätscher, das die Gebrochenheit des Songs nicht einmal mehr erahnen lässt. Derart ungelenke Versionen finden sich leider mehrfach auf dieser Zusammenstellung. Und auch die Interpretationen, die drastische Genrewechsel mit sich bringen, schaffen nicht immer zu überzeugen. So entführt die US-amerikanische Sängerin Liz Phair „Free Ride“ musikalisch in Cowboystiefeln auf den Highway, was ein ziemlich merkwürdiges Bild ergibt, und so weit entfernt vom ursprünglichen Song ist, dass man kaum noch von einer „Neuerfindung“ sprechen kann. Es ist eher ein komplett anderer Song, der zufällig das gleiche Gitarrenriff hat.

Apokalyptische Synthesizer-Kaskaden

Wie man der eigenen musikalischen Herkunft und dem Geist des Originals gleichzeitig gerecht werden kann, zeigt zum Ende der Compilation John Grant. In einer über sechsminütigen Version von „Day Is Done“ untermalt er die existenzielle Hoffnungslosigkeit des Textes mit geradezu apokalyptisch anmutenden Synthesizer-Kaskaden. Das könnte schnell over the top wirken, Grant schafft es aber, dem Song mit so viel Ernsthaftigkeit und Einfühlungsvermögen zu begegnen, dass die Stimmung des Originals gewahrt wird und die Version auch auf seinem Album „Pale Green Ghosts“ gut aufgehoben gewesen wäre. Für solche Perlen lohnt es sich allemal „The Endless Coloured Ways“ anzuhören. Der Sampler lässt einen außerdem gebündelt Künstler*innen aus unterschiedlichsten Genres und Generationen entdecken, die einem gegebenenfalls anders nicht aufgefallen wären. Am besten lässt sich die Compilation aber als Einladung verstehen, sich mit dem vielfältigen, poetischen und leider viel zu kleinen Werk Nick Drakes auseinanderzusetzen.

Veröffentlichung: 7. Juli 2023
Label: Chrysalis Records

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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