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Was ist Musik Wenn man Euch die Gespenster zeigt (26.04.2015)

ByteFM: Was ist Musik vom 26.04.2015

Ausgabe vom 26.04.2015: Wenn man Euch die Gespenster zeigt

In seinem neuen Buch „Gespenster meines Lebens“ betont Mark Fisher die politische Dimension der Melancholie, die hauntologische Musik transportiert, „insofern sie es ablehnt, sich mit dem begrenzten Horizont des kapitalistischen Realismus zu arrangieren.“ Und der englische Autor, der mit seinem Blog K-Punk und dem Buch „Kapitalistischer Realismus ohne Alternative“ bekannt wurde, beklagt das Verschwinden der Zukunft aus der Pop-Musik. Hauntologische Musik? Da ist er wieder, der Container-Begriff, der von zehn Leuten auf elf verschiedene Arten begriffen wird – und verwendet.

Mark Fisher schreibt:
„Es sollte an dieser Stelle bereits deutlich geworden sein, dass der Terminus Hauntology verschiedene Bedeutungen trägt. Es gibt den spezifischen, im Hinblick auf die populäre Musikkultur verwendeten Sinn, und ebenso gibt es die stärkere allgemeine Bedeutung, in der Hauntology sich auf Persistentes, Repetitives oder Präfiguratives bezieht. Und es gibt mehr oder weniger gutartige Varianten von Hauntology. Das vorliegende Buch wird sich zwischen diesen verschiedenen Bedeutungen bewegen. Das Buch handelt zudem von den Gespenstern meines Lebens, im hier Vorgetragenen gibt es daher notwendigerweise eine persönliche Dimension. Doch nehme ich das alte Motto »Das Persönliche ist politisch« als Aufforderung, nach den kulturellen, strukturellen und politischen Bedingungen der Subjektivität zu fragen. Die produktivste Art, das Persönliche politisch zu verstehen, ist, das Persönliche als nicht persönlich anzusehen. Es ist für uns alle elend, wir selbst sein zu müssen (und mehr noch, gezwungen zu sein, uns selbst zu vermarkten). Kultur und Kulturanalyse hat ihre Bedeutung nicht zuletzt dadurch, dass sie uns vor uns selbst zu entkommen erlaubt. Der Weg zu solcherart Einsichten war mühsam. Depression heißt der böse Spuk, der mein Leben lang an meinen Fersen klebt. (Ich verwende den Ausdruck Depression, um einen trostlosen, solipsistischen Zustand von der eher lyrischen – und kollektiven – Ödnis hauntologischer Melancholie zu unterscheiden.) In einem Zustand der Depression, der mir das alltägliche Leben kaum erträglich scheinen ließ, habe ich 2003 zu bloggen angefangen. Das Schreiben war verschiedentlich Teil der Auseinandersetzung mit diesem Zustand, und es ist kein Zufall, dass mein (bislang erfolgreicher) Ausweg aus der Depression mit einer gewissen Externalisierung von Negativität einherging: Das Problem ist nicht (nur) meines, sondern eines der gesamten Kultur um mich herum. Für mich steht fest, dass die Zeit von ungefähr 2003 bis heute, zumindest was die (Pop-)Kultur anbelangt, als die schlimmste seit den 1950er Jahren angesehen werden wird – und das nicht in irgendeiner fernen Zukunft, sondern schon bald. Die kulturelle Ödnis festzustellen heißt allerdings nicht, andere Möglichkeiten hätten nicht existiert. Dieses Buch ist ein Versuch, solchen Spuren nachzugehen.“

Dabei schlägt er mühelos in wenigen Zeilen den Bogen von Kanye West über Britney Spears zu Suicide (die Band, nicht der Suizid). Der Suizid von Ian Curtis kommt vor im brillianten Kapitel über Joy Division, in dem Fisher sich mitunter an der eigenen Formulierungskunst berauscht.

„Joy Division folgen Schopenhauer durch den Schleier der Maya, verlassen Burroughs’ Garten der Lüste und unternehmen es, die furchterregende Maschinerie zu mustern, die die Welt als Erscheinung immer wieder hervorbringt. Was entdecken sie da? Nur das, was der Depressive, der Mystiker immer schon sieht: das obszöne, spukhafte Zucken des Willens im Bestreben, die Illusion zu wahren, dieses eine Objekt, auf das er JETZT fixiert ist, werde sein Verlangen befriedigen, während alle anderen bislang versagten. Joy Division durchschauen all diese Listen der Reproduktion, in einer archaisch anmutenden Weisheit (»Ian klang alt, als hätte er schon in jungen Jahren ein ganzes Leben hinter sich«, schreibt Deborah Curtis), einer Weisheit, die auf eine Zeit vor der Entwicklung der Mammalia, der Vielzeller, organischen Lebens überhaupt zurückzugehen scheint. Die Erkenntnis stoppt Ian Curtis’ Angst; »Insight« zeigt die beruhigende Verzweiflung, die den Willen bezwingt, mehr zu wollen. Joy Division betrachten das Leben, wie Poe in »The Conqueror Worm« (dt. »Der Sieger Wurm«) oder auch Thomas Ligotti es sehen: als einen Automaten, der Marionetten tanzen lässt – »In sich selbst stets zurück läuft die Zirkelbahn und der Irrsinnsreih’n« –, eine ultradeterminierte Kette von Ereignissen, die mit unerbittlicher Zwangsläufigkeit eintreten. Wir sehen einen Film, dessen Drehbuch immer schon vorlag, und sind dazu verdammt, die sich erbarmungslos immer langsamer drehenden Filmrollen zu beobachten, während alles dem Ende zustrebt.“

Starring (vielleicht): Burial, Japan, Tricky, Drake, Chra, Little Axe, Goldie, Autopilot, Lightning Bolt
Mark Fisher„Gespenster meines Lebens – Depression, Hauntologie und die verlorene Zukunft“, aus dem Englischen von Thomas Atzert, Edition Tiamat

Mark Fisher Live Vortrag und Diskussion
Gegen die Therapie: Anti-Psychiatrie und Anti-Ödipus in der therapeutischen Gegenwart
Eine Veranstaltung in der Reihe »Depression ohne Alternative?«
In Zusammenarbeit mit der Akademie der Künste der Welt
Donnerstag, 14.05.2015
King Georg, Sudermanstr. 2, 50670 Köln
Einlass: 20.00 Uhr
Beginn: 21.00 Uhr
Eintritt: 3 Euro
Vortrag in englischer Sprache mit deutscher Übersetzung

In seinem Vortrag untersucht der Kulturtheoretiker Mark Fisher zwei emanzipatorische Momente moderner Psychologiegeschichte: die Anti-Psychiatrie-Bewegung sowie Gilles Deleuzes und Felix Guattaris Buch "Anti-Ödipus". Die Anti-Psychiatrie-Bewegung hinterfragte die Beziehung von Patient und Therapeut, indem sie die Psychotherapie im Kontext von sozialen Machtverhältnissen betrachtete; "Anti-Ödipus" griff die Freud'sche Orthodoxie an, indem es argumentierte, dass das Verlangen allgegenwärtig ist und eine Gesellschaft formt, anstatt lediglich durch soziale Normen unterdrückt zu werden. Mark Fisher wird diese Theorien im Angesicht einer Gegenwart betrachten, die von therapeutischen Begriffen durchdrungen ist. Der therapeutische Alltagskonsens hat dazu beigetragen, den vom neoliberalen Kapitalismus verursachten Stress zu privatisieren. Ist es also Zeit, die Ideen der Anti-Psychiatrie-Bewegung und des "Anti-Ödipus" wiederzubeleben und zwar als Teil des Kampfes gegen den depressiven Status Quo eines kapitalistischen Realismus?

Mark Fisher lebt in Suffolk und lehrt am Goldsmiths College der University of London, sowie an der University of East London. Er schreibt u.a. für The Wire, The Guardian, Film Quaterly und frieze. Er ist der Autor von »Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?«, Hamburg 2013. Gerade ist sein aktuelles Buch »Gespenster meines Lebens. Depression, Hauntology und der Verlust der Zukunft« in Berliner Verlag Edition Tiamat erschienen.

Die Veranstaltungsreihe »Depression ohne Alternative?« will die indivuduell-somatische Perspektive auf das Phänomen der Depression überwinden und kollektive Handlungsoptionen jenseits der Subjektivierung durch Medikamente und des individualisierten Wettbewerbs um ökonomisches und kulturelles Kapital aufzeigen.

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Playlist

1.  Scritti Politti / I’m In Love With Jacques Derrida
Songs to remember / Rough Trade
2.  Chra / Fits Of Asthma
Empty Airport / Editions Mego
3.  Rufige Kru / The Ghosts Of My Life
The Ghosts of my life
4.  Chra / Luminescent
Empty Airport / Editions Mego
5.  Japan / Ghosts
Tin Drum / Virgin
6.  Chra / Landmine
Empty Airport / Editions Mego
7.  Tricky / Aftermath
Maxinquaye / Island
8.  Chra / Contaminated Landscapes
Empty Airport / Editions Mego
9.  Specials / Ghost Town
Ghost Town / 2 Tone
10.  Chra / Empty Airport
Adorable Vanity / Editions Mego
11.  Chra / Empty Airport
Empty Airport / Editions Mego
12.  Burial / Ghost Hardware
Ghost Hardware / Hyperdub
13.  Burial / Blackdown Crackle Blues
Blackdown Crackle Blues / Hyperdub
14.  Little Axe / If I Had My Way
Stone Cold Ohio / On-U-Sound
15.  Joy Division / Disorder
Unknown Pleasure / Factory