Brian Eno – "Small Craft On A Milk Sea"

VÖ: 29.10.2010
Web: http://brian-eno.net/
Label: Warp

Als im Sommer die Meldung die Runde machte, es würde ein neues Brian-Eno-Album auf Warp Records geben, liefen die elektronischen Musikdepeschen heiß wie bei wenig anderen Vorankündigungen unterhalb der Millionensellergröße. Die bloße Ansage, das Verlautbaren des Albumtitels, wurden gemeldet, als handele es sich um neueste Nachrichten von höchster Wichtigkeit. Da trafen zwei Mythen aufeinander. Elektronik-Vaterfigur Eno und das Indie-Überlabel Warp Records, ein Match gemacht im Himmel der synthetischen Produktionen.

Als einer der Künstler, die entdeckten, dass man das Tonstudio an sich als Instrument benutzen kann, das den Produzenten zum Künstler machte, ist Eno natürlich der ewige Vorvater aller möglichen Aphex Twins dieser Welt. Und tatsächlich ist das nun erscheinende Album „Small Craft On A Milk Sea“ eine absolut Warp-kompatible Platte. Ein mäßig massentaugliches Stück elektronischer Musik.

Das dürfte allerdings viele verunsichern, um nicht zu sagen, enttäuschen, die von der Konstellation erwartet hatten, es käme nun der große, allumfassende Wurf eines Alternative Megastars. Aber an Meisterwerken bastelt Brian Eno als Künstler eigentlich schon lange nicht mehr. Der Versuch, etwas auf eine verbindliche Form hin zu verdichten, die dann als Monolith des momentanen Ausdruckspotentials im Raum steht, das ist, was Bands wie U2 machen müssen, wenn sie weiterhin Stadien füllen wollen.

Brian Eno sucht da lieber nach Erneuerung, nach spannenden Versuchsanordnungen und überreicht zum gegebenen Zeitpunkt eine Tüte mit bunter Mischung zum gefälligen Gernhaben. Warum das nun so eine Meldung ist, warum man das mit Spannung erwarten soll, warum so etwas ein „Album der Woche“ sei kann, erklärt sich nur aus dem großen, mit Pfauenfedern geschmückten Eno-Ganzen.

Es ist ein sinnloses Unterfangen, auf kleinem Raum einen Künstler angemessen zu würdigen, dessen Verdienstliste noch länger ist als die seiner Vornamen. Also nur ganz kurz die Eckpunkte: Brian Eno ist Gott, weil er mit Roxy Music und seinen frühen Soloalben Art School, Prog Rock und Glam Rock zu einer Befreiung geführt hat, die in den Jahren seit 1972 das Vokabular und das ganze Sprachverständnis von dem, was eigentlich „Rockmusik“ ist, unendlich erweitert hat. Mit „Discreet Music“(1975) und den folgenden Platten, die entsprechend veranlagt sind (voran natürlich die namensgebende „Ambient“ Reihe), hat er das Ambient-Genre quasi im Alleingang erfunden und für immer geprägt (und nebenbei Gedanken von Erik Satie und John Cage in die Popgeschichte überführt). Mit David Bowie hat er ab 1977 sie sogenannte Berlin Trilogie (die Alben „Heroes“, „Low“, Lodger“) realisiert. Mit Ultravox!, Devo und Talking Heads hat er drei essentielle New Wave Bands produziert und parallel mit den Größen der deutschen Krautrock Szene wie Neu! und Cluster Platten aufgenommen.

Mit der Compilation „No New York “ hat er eine der essentiellen Post Punk Platten produziert, ein definierendes Statement zum No Wave, dem damaligen Sound der Lower East Side. Mit David Byrne hat Eno auf „My Life In The Bush Of Ghosts“ 1981 gesamplete „Vocals“ (gefundene Stimmen aus Radiosendungen etc.) ins Poprepertoire eingeführt. In den letzten 30 Jahren hat Eno als Produzent (und kreativer Guru) Bands wie U2 und Coldplay zur Seite gestanden (was man auch als Vorwurf formulieren kann). Wer seine Mainstream-Arbeiten (Pavarotti! Olympia! Dido!) verabscheut, findet aber immer genug Kunstvolles im Werkskatalog von Brian Eno und kann neben Bono und Co eben auch Namedrops wie Derek Jarman, Jah Wobble, Jon Hassell, Laurie Anderson und viele mehr auf sich einprasseln lassen, um des Mannes Sphäre zu erahnen.

In Teilen ist die Eno Geschichte wie eine Vorlage zum LCD Soundsystem Song „Losing My Edge“. Eno war immer da, wenn irgendwo etwas passierte, von dem man zig Jahre später noch reden würde. Der ewige Hipster. Ein entscheidendes Detail dürfte dabei aber sein, dass Eno bei diesem Hase-und-Igel-Spiel der Stilbildung nicht der Typ ist, der auf fahrende Züge springt, sondern als eine Art künstlerischer Katalysator zu wirken scheint, der kreative Energien freisetzt, wo immer er auf Musiker, Bands oder auch andere Künstler trifft.

Auf seinen eigenen Platten dominiert eine Mischung aus Unberechenbarkeit, Experimentierlust und manchmal auch ein irgendwie unkonzentriert wirkendes, indifferentes Verhältnis zum Konzept „Album“. Und entsprechend ist auch „Small Craft On A Milk Sea“ mehr Skizzensammlung als geschlossene Werkgruppe. Als Ganzes bleibt das Album ungreifbar, bleibt eine Aneinanderreihung einzelner Tracks. Eno spricht von „sound-only movies“ und tatsächlich fühlt man sich an seine „Music For Films“-Sammlungen erinnert. Die Stücke litten sozusagen an einem Mangel an „Persönlichkeit“ lautet ein weiteres Statement Enos zum neuen Album. Es gebe keinen Erzähler, keinen Gesang, keine Anleitung, wie man sich zu fühlen habe. Statt Starvehikel gibt Eno uns Andeutungen, improvisiert mit seinen Mitmusikern Jon Hopkins und Leo Abrahams.

Und auch Enos Vorliebe für Zufallsgeneration ist in den Produktionsprozess von „Small Craft On A Milk Sea“ eingegangen. Seit er mit dem deutschen Künstler Peter Schmidt 1975 die „Oblique Strategies“ erfunden hat (bitte googlen), kennt man von Eno das (an John Cage gemahnende) Spiel mit dem Zufall. Diesmal durften Hopkins und Abrahams beliebige Akkorde angeben und deren jeweils gewünschte Länge durch ein Zahlensystem festlegen, auf das Eno anhand dieser Angaben Möglichkeiten hatte, alles durcheinander zu bringen und daraus eine Partitur zu erstellen. Es könnte ja sonst langweilig werden für den Mann, der offensichtlich nichts mehr hasst als Stillstand und Wiederholung und doch gerade darum Musik macht, die auf den ersten Eindruck eintönig, ereignislos wirken kann. In Wirklichkeit aber schraubt Brian Eno mit jeder neuen Platte weiter an unseren Hörgewohnheiten. Und auch wenn „Small Craft On A Milk Sea“ über Strecken Musik zum Entspannungsbad in Milch zu enthalten scheint, so ist die Platte trotzdem weit entfernt vom esoterischen Wellness-Geschwalle einschlägiger „Chill-Out“ & Co Muzak.

Brian Eno ist bei aller Immersionstauglichkeit der Existentialist unter den Klangtauchern. Hier will nichts in Fantasy-Welten entfliehen, keine preiswerte Spiritualität wird angestrebt, sondern eine künstlerische Praxis gezeigt, die eben immer schon da war, wo andere sich nach reiflicher Forschung hinbegeben, auf einer hörbaren Metaebene. Brian Enos Musik ist eher Bewusstseinszustand als Handwerk, und doch ist es seine Handschrift als Musiker, sind es seine Piano-, Bass- und Synthiesounds, die „Small Craft On A Milk Sea“ zu einem typischen Eno-Album machen. Für sich alleine genommen vielleicht etwas unterwältigend, aber als Einstieg in einen der reichhaltigsten Gärten der elektronischen Musik gerade recht.

Das ByteFM Album der Woche – mit freundlicher Unterstützung von Panasonic.

Jeden Tag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 15 und 17 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland – der Sendung mit den neuen Platten.

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Diskussionen

0 Kommentare
  1. posted by
    Brian Eno – “Small Craft On A Milk Sea” : ByteFM Magazin
    Okt 25, 2010 Reply

    […] hier den Beitrag weiterlesen: Brian Eno – “Small Craft On A Milk Sea” : ByteFM Magazin […]

  2. posted by
    Maytree
    Okt 26, 2010 Reply

    In letzter Zeit häufen sich Artikel zu Gruppen wie U2 , Genisis oder auch über Sting wo immer wieder hervorscheint, dass diese Gruppen oder Sänger nicht ernstgenommen werden, weil Sie vielleicht inzwischen zu komerziell geworden seien(iii pfui). Dieses Halbwissen über manche Gruppen macht mich sauer. Auch Brian Eno (wie oben beschrieben) hat schwache Alben gemacht. Was ist an U2 schlecht, das man darüber die Nase rümpfen müsste. Es gibt gute Alben wie October und War und es gibt auch schlechte. Aber man kann doch keinem Produzenten vorwerfen Bands wie U2 oder Coldplay unterstützt zu haben. Was isn das fürn Blödsinn. Sei nicht so hochnäsig byte.fm

  3. posted by
    01.11.: Holy Shit! : ByteFM Magazin
    Nov 1, 2010 Reply

    […] aber auch längere Ausführungen über Macro- und Micro-Composition, sein neues Album (unser Album der Woche in der letzten Woche) und seine präzisen Höreigenschaften: “I remember when in the early […]

  4. posted by
    Brian Eno And The Words Of Rick Hollland – “Drums Between The Bells” : ByteFM Magazin
    Jun 27, 2011 Reply

    […] er das Album „Small Craft On A Milk Sea“. ByteFM kürte es zum Album der Woche und schwärmte: „Brian Eno ist bei aller Immersionstauglichkeit der Existentialist unter den Klangtauchern. Hier […]

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