Danny Brown – „Uknowhatimsayin¿“ (Rezension)

Cover des Albums „Uknowhatimsayin¿“ von Danny Brown

Danny Brown – „Uknowhatimsayin¿“ (Warp Records)

8,5

Nimmt man Instagram als Maßstab, scheint es eine ziemlich klare Definition des „besten“ Lebens zu geben. Die 3.689.797 Male, die dort zum Zeitpunkt dieses Artikels der Hashtag #livingmybestlife benutzt wurde, malen ein eindeutiges Bild: Ein endloses Meer aus InfluencerInnen, abgelichtet in glamourösen Locations, mit perfekt auf das Outfit abgestimmten Designer-Cocktails in den sonnengebräunten Händen.

Dementsprechend irritierend ist es, dass Danny Brown auf seinem neuen Album „Uknowhatimsayin¿“ davon rappt, dass er nun auch versuche, sein „Best Life“ zu leben. Wieso ist das irritierend? Weil die letzten drei LPs des Detroiter Rappers zu den kaputtesten Ergüssen zählen, die der US-amerikanische HipHop zu bieten hat. Wenn der „Aderall Admiral“ Brown auf „XXX“, „Old“ und „Atrocity Exhibition“ seinen immensen Drogenkonsum besang, war das keine genretypische Angeberei, sondern ein ungefiltertes Porträt von betont unglamouröser Selbstzerstörung. Statt pittoreskem Instagram-Sonnenschein malten seine Reime eine konstante Abwärtsspirale.

Im Vergleich dazu ist „uknowhatimsayin¿“ nahezu beschwingt. Brown kündigte seine fünfte LP im Vorfeld als seine Version eines Stand-up-Comedy-Albums an. Dementsprechend leichtfüßig klingen die Beats, an denen Boombap-Meister und A-Tribe-Called-Quest-Mitglied Q-Tip als Executive Producer beteiligt war. Browns nasaler Flow hat die dringliche Hektik seines Frühwerks verloren, mitunter klingt er sogar entspannt. Aus der verzerrten Grimasse ist ein schelmisches Grinsen geworden.

Nahtod-Erfahrungen und Dates im Burger-King-WC

Auch die Beats sind freundlicher. Klang die Musik von „Atrocity Exhibition“ noch nach musikgewordenen Panikattacken, regiert auf „Uknowhatimsayin¿“ der Groove. Q-Tip hat in „Dirty Laundry“ Spaß mit verspielten Casio-Keyboards, während das von Flying Lotus und Thundercat beigesteurte „Negro Spiritual“ als Kopf und Beine verdrehende Funk-Nummer daherkommt. Dank der unnachahmlich weichen Stimme von Blood Orange ist „Shine“ möglicherweise der anschmiegsamste Song, den Brown je geschrieben hat. Selbst Noise-Rap-Terrorist Jpegmafia lässt in „3 Tearz“ einen saftigen Midtempop-Groove vom Stapel, über den Brown und die Gastrapper Run The Jewels mit spürbarer Freude ihre Lines ausbreiten.

Dabei sei gesagt: Was für Danny Brown ein „gut gelauntes Rap-Album“ ist, wäre für jeden anderen Rapper oder jede andere Rapperin immer noch ganz schön kaputt. „Up all night, toss and turn when I sleep / Pacing around, drowning sorrows in my drink“, ist die erste Hookline, die er auf diesem Album abfeuert. „Dealt with so much pain that I don’t even know what feelin‘ is“, heißt es in „Savage Nomad“. Brown hat seine Narben nicht vergessen. Und findet auch in der schlimmsten Not absurde Pointen – wenn zum Beispiel, seiner Obdachlosigkeit geschuldet, ein Date im Burger-King-WC seinen Höhepunkt erreichen muss.

Die Jokes, die Brown auf diesem „Stand-up-Comedy-Album“ erzählt, sind nur zur Hälfte witzig, die andere ist sehr ernst. „Not supposed to be here, dead, like ‚Weekend At Bernie’s‘“, rappt er im bereits erwähnten „Best Life“. Verwundert scheint er, dass er seine schlimmsten Jahre überlebt hat. Nun lebt er sein bestes Leben – und veröffentlicht im gleichen Atemzug eins der besten HipHop-Alben des Jahres.

Veröffentlichung: 4. Oktober 2019
Label: Warp Records

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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