Brian Eno in sechs Songs

Brian Eno in sechs Songs

Bildender Künstler, Produzent, Musiker und Erfinder des Ambient: Brian Eno wird 70 Jahre alt (Foto: Shamil Tanna)

Ob mit David Bowie, Talking Heads, U2 oder Grace Jones: Brian Enos Status als einer der wichtigsten Produzenten der letzten 50 Jahre ist unbestritten. Der britische Künstler, der mit bürgerlichem Namen Brian Peter George St. John le Baptiste de la Salle Eno heißt, beschreibt sich oft ganz bescheiden als „Nicht-Musiker“ und hat dennoch eine beachtliche Solo-Karriere hingelegt. Am 15. Mai wird er 70 Jahre alt – ein guter Grund, das musikalische Schaffen des Brian Eno in sechs Songs zusammenzufassen.

Der Außerirdische: „Ladytron“ (1972)


Bereits während seiner Ausbildung an der Kunsthochschule Winchester School Of Art zweckentfremdete Eno Kassettenrekorder als Musikinstrumente und experimentierte mit ihnen. Mit dem Abschluss in der Tasche begann er in den frühen 1970er-Jahren, diesen Ansatz als Teil der Band Roxy Music auf den Glam-Rock anzuwenden. Für die Single „Ladytron“ verlangte Frontmann Bryan Ferry von ihm einen „Sound, der klingt wie der Mond“ – er bekam dieses außerirdische Intro, in dem Eno einen VCS3-Synthesizer durch seine selbstgebauten Kassetten-Delays jagt.

Der Unabhängige: „Needles In The Camels Eyes“ (1974)

Roxy Music war für Brian Eno nur der Anfang. 1973 verließ er die Band, genervt von Ferrys Star-Allüren und gelangweilt von der Rockmusik. Nur ein Jahr später folgte sein erstes Soloalbum: „Here Comes The Warm Jets“, eine kunstvolle Platte, auf der Eno den Art-Rock von Roxy Music in neue Stratosphären schoss. In den ersten Sekunden des Eröffnungsstücks „Needles In The Camels Eyes“ wird man von Gitarren-Wellen überspült, während Enos Gesang majestätisch auf der Wall Of Sound thront. Er brauchte nur diesen einen Song, um sich von Roxy Music zu emanzipieren.

Der Songwriter: „By This River“ (1977)

Im Anschluss an „Here Comes The Warm Jets“ veröffentlichte Eno die sowohl von der Kritik gelobten als auch von der Hörerschaft geschätzten Art-Rock-Platten „Taking Tiger Mountain (By Strategy)“, „Another Green World“ und „Before And After Science“. Eine seiner größten Leistungen versteckte er kurz vor dem Ende von „Before And After Science“: „By This River“. Ein wundervolles Klavierthema, gespielt vom deutschen Cluster-Gründer Hans-Joachim Roedelius, bildet die Grundlage für diese fragile Ballade, in der Eno in selten gehörter Verletzlichkeit einige seiner schönsten Textzeilen offenbart: „You talk to me as if from a distance / And I reply with impressions chosen from another time.“

Der Innovator: „Help Me Somebody“ (1981)

Als Eno 1978 das zweite Talking-Heads-Album „More Songs About Buildings And Food“ produzierte, fand er im Frontmann David Byrne einen ebenbürtigen musikalischen Freigeist. Parallel zu den Arbeiten an der Talking-Heads-Platte „Remain In Light“ experimentierte das Duo mit von Fela Kuti inspiriertem Afrobeat, Bandmaschinen und im Radio aufgenommenen Sound-Schnipseln. Das Ergebnis wurde „My Life In The Bushs Of Ghosts“, das erste von zwei Eno/Byrne-Alben. Songs wie „Help Me Somebody“, in dem eine aufgezeichnete Gospel-Predigt auf dicht verstrickten, polyrhythmischen Afrobeat trifft, zeigten der Musikwelt das Potential der Sampling-Technologie.

Der Ambient-Meister: „The Lost Day“ (1982)

Noch bevor er mit Byrne das Sampling revolutioniert, erfand Eno mit seinem 1978er-Album „Ambient 1: Music For Airports“ ganz nebenbei die moderne Ambient-Musik. Lautete sein Credo zu Beginn noch „die Songs sollten genauso interessant wie ignorierbar sein“, klang das Ergebnis 1982 plötzlich anders: Auf „Ambient 4: On Land“ ließ er seine abstrakten Kompositionen zum ersten Mal Geschichten erzählen. Ein gutes Beispiel: „The Lost Day“, ein unheimliches, neunminütiges Ambient-Epos, das mehr nach einem surrealen David-Lynch-Soundtrack als nach belanglosem Hintergrund-Gedudel klingt.

Der Weise: „2 Forms Of Anger“ (2010)

Dass Eno auch im 21. Jahrhundert noch ein relevanter Künstler ist, konnte er mit seinem 2010er Album „Small Craft On A Milk Sea“ beweisen. Gemeinsam mit dem jungen Techno-Prinzen Jon Hopkins und dem Soundtrack-Komponisten Leo Abrahams schuf er eine dichte, pulsierende Electronica-Platte, die so gar nicht nach altersmildem Spätwerk klingt. Das verstörende Highlight „2 Forms Of Anger“ macht auf eindringliche Art und Weise klar: Auch im Alter hat Brian Eno nichts von seiner Experimentierfreudigkeit eingebüßt.

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