Solange – „When I Get Home“ (Rezension)

Cover des Albums „When I Get Home“ von Solange (Columbia)

Solange – „When I Get Home“ (Columbia)

8,0

„A Seat At The Table“, das 2016 veröffentlichte Sensationsalbum von Solange, war so konfrontativ, wie der Neo-R&B dieser Zeit sein kann. Mit klaren Worten und kräftigen Beats erzählte die Sängerin unverfälschte Geschichten aus dem Alltag einer schwarzen US-Amerikanerin. Ein Leben zwischen institutionellen Rassismus und „cultural appropriation“.

Nun, fast drei Jahre später, ist die Welt nicht weniger beklagenswert geworden. Solange hat am vergangenen Freitag überraschend ein neues Album veröffentlicht. Doch wer von „When I Get Home“ ausschließlich aufwühlende Conscious-Hymnen erwartet, der wird enttäuscht sein. Solange hat auf ihrer vierten LP ihren Sound und ihre Texte von außen nach innen gekehrt – und ein mysteriöses, zauberhaftes R&B-Album erschaffen.

Tiefe R&B-Zauberei

Ihr aus alten Veteranen und jungen Talenten bestehendes Produzenten-Team (unter ihnen unter anderem Dev Hynes alias Blood Orange, Earl Sweatshirt, Tyler, The Creator, Panda Bear, The-Internet-Wunderkind Steve Lacy und Pharrell Williams) hat tiefe, weiträumige Klangräume gebastelt, die einen nicht sofort umwerfen, sondern langsam und subtil in ihren Bann ziehen. Die musikalischen Höhepunkte sind zahlreich: Der ganz leicht neben die Spur zielende und trotzdem perfekt groovende Synth-Bass in „Binz“; das enge Kreise ziehende Piano in „Down With The Clique“, der Slow-Motion-Engtanz in „My Skin My Logo“, über den Gucci Mane mit schlafwandlerischer Leichtigkeit einen tiefen Flow ausbreitet.

Das Album wirkt wie eine Übung im Spannungsaufbau. Viele der Songs enthüllen ihren ganzen Sog erst zum Ende. Sie beginnen leise und spröde, was den oft erst nach mehreren Minuten einsetzenden „Drop“ noch viel euphorischer macht. „Time (Is)“ startet als körperlos schwebende, einsame Jazz-Ballade, sowohl das himmlische Sampha-Feature als auch ein den Kopf verdrehender 5/4-Beat wird bis zum Ende des Songs aufgespart. Passenderweise hat Solange auch den Hit-tauglichsten Song der Platte nicht an den Anfang der Platte gesetzt, sondern kurz vorm Ende des Albums versteckt. „Sound Of Rain“ heißt er und hält einige Überraschungen bereit: Nach fast zwei Minuten astraler R&B-Zauberei bricht plötzlich der Boden unter den Füßen weg – und enthüllt darunter ein tiefes Meer aus Harmonien und Piano-Grooves.

Feelings statt Statements

Genauso tranceartig und abstrakt wie die Instrumentals sind Solanges Texte. Im Eröffnungsstück sinniert sie über ausgedachte Realitäten und bittere Lügen, ohne zu verraten, welche gemeint sind. Auch im Verlauf der Albums wird sie nicht wirklich direkter. Eine Ausnahme bildet die Thematik des Zuhauses, die „When I Get Home“ seinen Titel gibt. In „Almeda“, benannt nach einem Stadtteil ihres Geburtsortes Houston, Texas sprechsingt sie „Black waves, black days / Black baes, black things / These are black-owned things / Black faith still can’t be washed away“ über einen Southern-Rap-Beat der alten Schule, der explizit klar macht, wie viel der weiße Pop-Mainstream der schwarzen Musik-Kultur schuldet.

Was „When I Get Home“ dennoch leider fehlt, sind die selbstbewussten Banger, die den Vorgänger zu einem der besten Alben des Jahres 2016 machten. Statt Hymnen wie „Cranes In The Sky“ oder „Don‘t Touch My Hair“ dominieren ineinander übergehende Meditationen wie „Dreams“ oder „Jerrod“. Das Ergebnis ist ein Album mit mehr Feelings als Statements. Eine LP, die Zeit und Aufmerksamkeit braucht, um ihre Essenz zu entschlüsseln. Doch wenn man sich eingefühlt hat, wird man mit einem wahrlich verzaubernden Album belohnt – das dazu einlädt, tief einzutauchen und zu verweilen.

Veröffentlichung: 1. März 2019
Label: Columbia

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