Freddie Gibbs & Madlib – „Bandana“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Bandana“ der US-Musiker Freddie Gibbs und Madlib

Freddie Gibbs & Madlib – „Bandana“ (Keep Cool/RCA Records)

Die Geschichte des HipHop ist gespickt mit ungleichen Duos. Man denke an die grundverschiedenen Flows und Persönlichkeiten von André 3000 und Big Boi. An die seltsame Kombination des ernsten Revolutionärs Chuck D und des Party-Chrashers Flava Flav. An Kids See Ghost, die Zusammenarbeit des maximal introvertierten Rappers und Sängers Kid Cudi mit dem maximal extrovertierten Enfant terrible Kanye West. Unzählige Fälle, in denen sich Gegensätze nicht nur anziehen, sondern auch gegenseitig befruchten – und dabei das Beste aus dem jeweiligen Gegenüber hervorbringen.

Möglicherweise ist kein HipHop-Duo so verschieden wie Freddie Gibbs und Madlib. Auf der einen Seite ein breitschultriger Toughtalker aus Gary, Indiana – einer der härtesten und heruntergekommensten Städte der USA. Gibbs veröffentlichte seit 2009 unzählige Mixtapes, mit denen er den Hardcore-HipHop der 90er-Jahre am Leben hält – mit einem Flow, so präzise wie die Waage beim Kokain-Deal.

Auf der anderen Seite ein schlitzohriger Beat-Exzentriker und Plattennerd, der Deep-Cuts aus aller Welt zu kaleidoskopartigen Instrumentals verwebt – die wie beim Tagträumen jede Sekunde in eine neue Richtung abdriften können, aber nie den Groove aus den Augen verlieren. Ein harter Hund und ein verträumter Stoner. Wenn man eins aus US-amerikanischen High-School-Filmen gelernt hat, dann dass sich Jocks und Nerds eigentlich nicht ausstehen können.

Breitschultriger Toughtalker trifft verträumten Exzentriker

2011 trafen diese beiden Gegensätze das erste Mal aufeinander und veröffentlichten einige EPs unter dem Namen MadGibbs. 2014 folgte die Debüt-LP „Piñata“, mit der die beiden endgültig bewiesen, dass ihre Kombination aus den Boxen deutlich besser klingt als sie sich auf dem Papier liest. Mit seinen 17 Tracks und unzähligen Gastauftritten fehlte „Piñata“ jedoch der Fokus. Außerdem erweckte das Album den Eindruck, dass sowohl Gibbs als auch Madlib ihre jeweiligen Stärken nicht ganz ausspielten.

Diese Zurückhaltung ist auf dem nun erscheinenden Nachfolger „Bandana“ Geschichte – und das ist gut so. Madlib lässt seinen Beat-Meditationen freien Lauf: „Crime Pays“ ist ein kompliziertes Soul-Instrumental, das alle dreißig Sekunden den Takt und die Richtung wechselt. „Fake Names“ beginnt als harter Boom-Bap, verziert mit persischen Streichern, nur um zur Mitte hin zu psychedelischem Querflöten-Jazz zu mutieren. In „Flat Tummy Tea“ treffen dröhnende Bläser auf flirrende Psych-Rock-Gitarren, als hätten The Beatles aus der „Revolver“-Ära beschlossen, HipHop zu produzieren. Das Vinylknistern ist im Abschluss „Soul Right“ genauso laut wie die blubbernde Bass-Drum, fast ein eigenes Instrument.

Gibbs lässt sich von diesem Wahnsinn in höhere Bewusstseinsebenen tragen, rappt im gleichen Atemzug über Kolonioalismus und entgiftende Tee-Sorten, mischt seine düsteren Porträts über den Drogen-Dealer-Alltag mit Stream-of-Consciousness-Episoden über Cartoons – ohne dabei seine virtuose Präzision einzubüßen. Gibbs und Madlib werfen sich nicht einfach nur die Bälle zu – sie jonglieren und tanzen dabei Pirouetten umeinander. Und bringen das Beste in ihrem Gegenüber zum Vorschein.

Veröffentlichung: 28. Juni 2019
Label: Keep Cool/RCA Records

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