Sampha – „Lahai“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Lahai“ von Sampha, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Sampha – „Lahai“ (Young)

Das Konzept Zeit, die Entstehung von Sternen, die Geburt und der Tod des Universums: Der britische Wissenschaftler Prof. Brian Cox befasst sich in seiner Arbeit mit den wohl größten Fragen, die man sich als Mensch stellen kann. Antworten darauf sucht und gibt er in seiner Serie „Wonders Of The Universe“. Ein Fernsehprogramm, das Sampha Sisay schwer beeindruckt hat. „Brian Cox sprach [in der Serie] über Entropie und Chaos, darüber, dass Dinge von Natur aus chaotischer werden“, sagte der britische R&B-Poet in einem Interview, „es ist immer leichter, Chaos zu verursachen. Einen Haufen Konfetti in die Luft zu schmeißen.“

Chaos ist durchaus ein wichtiges Element von „Lahai“, dem ersten neuen Album von Sampha seit sechs Jahren. Doch es gibt noch ein anderes Bonmot von Cox, das sehr gut zu Samphas Kunst und seinem neuesten Werk passt: „Das ultimative Paradoxon ist, dass wir, obwohl wir alle sterben müssen, in dem Rest unserer Zeit leben müssen.“ Nachdem er auf seinem fokussierten, tieftraurigen Debüt „Process“ versuchte, den Tod seiner Mutter zu verarbeiten, ist „Lahai“ eine vor Kreativität und Vitalität übersprudelnde, im besten Sinne chaotische Feier des Lebens.

Leben im Chaos

Fangen wir an mit dem Chaos. „Process“ war eine relativ solitäre Angelegenheit: Sampha schrieb und produzierte das Album im Alleingang, ausgenommen von einem kleinen Textbeitrag von Kanye West und der Co-Produktion von Rodaidh McDonald. Seit der Veröffentlichung dieser LP, für die er 2017 mit dem Mercury Prize ausgezeichnet wurde, ist sein Rolodex auf jeden Fall deutlich besser gefüllt. Er ist einer der gefragtesten Gastsänger dieser Zeit geworden, der regelmäßig Tracks von Drake, Solange und Kendrick Lamar mit seiner zarten Stimme veredelt. Für „Lahai“ hat Sampha nun selbst eine große Riege an Gastmusiker*innen eingeladen. Keine Superstars, sondern eine geschmackvolle Auswahl an Indie-Darlings: Das Outro der Single „Spirit 2.0“ wird von der koreanisch-US-amerikanischen House-Pop-Künstlerin Yaeji gesungen. Im selben Song ist Lisa-Kaindé Diaz zu hören, eine Hälfte des R&B-Duos Ibeyi. Anderswo erklingt die Stimme der britischen Sängerin Fabiana Palladino, während die Schlagzeuger Yussef Dayes und Morgan Simpson (Black Midi) rhythmische Texturen beisteuern.

Apropos Rhythmik: Die hat es auf „Lahai“ in sich. Bei all der Trauer gab es auf „Process“ schon einige Grooves zu hören, wie auch schon in Samphas Debüt-EP „Dual“, doch auf dieser LP dreht er rhythmisch komplett frei. Gesanglich ist der Opener „Stereo Colour Cloud (Shaman’s Dream)“ klar R&B, der aber von einem hektischen Drum-and-Bass-Beat nach vorne gepeitscht wird. Auch in „Spirit 2.0“ gibt es Breakbeats (wenn auch etwas sanftere), verziert mit gedämpften Afrobeat-Gitarren. „Can’t Go Back“ glänzt mit strahlenden Streicher-Ornamenten, kommt aber im wieselflinken Grime-Tempo daher.

Schwindelerregende Spielfreude

Wie auch auf „Process“ ist das Piano ein tragendes Instrument, das aber (ausgenommen von einzelnen Ausnahmen wie der Gospel-Exkursion „Evidence“) ganz anders verwendet wird. Statt balladesker Akkorde spielt Sampha sich schnell im Kreis drehende Figuren, die sich hypnotisch mit den Beats verzahnen. Das weckt gleichzeitig Erinnerungen an die Piano-Skulpturen von Steve Reich und die Polyrhythmik des Wassoulou, einer in Mali popularisierten Folk-Spielart. Diese Songs sind teilweise schwindelerregend, mit einer ansteckenden, taumelnden Spielfreude.

Und damit kommen wir zu dem Leben, das aus jeder Sekunde von „Lahai“ strahlt. Auch wenn es nicht direkt um großen Verlust geht, ist es wieder eine zutiefst persönliche Angelegenheit geworden. Sampha ließ nicht ohne Grund sechs lange Jahre zwischen seinen LPs ins Land ziehen: 2020, kurz vor Beginn der Pandemie, wurde er Vater. Eine Erfahrung, die gleichzeitig neue Unsicherheiten und große Erkenntnisse mit sich bringt. „Spirit, been looking for some evidence“, singt er euphorisch in „Can’t Go Back“, „Lord knows my daughter here is heaven sent.“ Die Geburt eines Kindes als Bestätigung, dass das Leben lebens- und schützenswert ist. „You’re enough evidence for me“, bestätigt er kurze Zeit später in „Evidence“.

Sampha holt im Verlauf der 14 Tracks noch weiter aus. Er verneigt sich vor seinem Großvater (dessen Name: Lahai) und seinem großen Bruder („Jonathan L Seagull“). Und starrt mit dem Teleskop ins endlose Universum: „Thinking maybe there’s no ends, maybe just infinity“, heißt es in „Satellite Business“. „Maybe no beginnings, maybe just bridges.“ Das scheint die These dieses Albums zu sein: Inmitten dieses chaotischen Lebens ist es unsere größte Aufgabe, Verbindungen zu schaffen.

Veröffentlichung: 20. Oktober 2023
Label: Young

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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