Mos Def: „The Ecstatic“ wird zehn Jahre alt

Cover von „The Ecstatic“ von Mos Def

Mos Def – „The Ecstatic“ (2009)

Der Titel entliehen von einem Roman des afroamerikanischen Autors Victor LaValle. Das Albumcover eine Szene aus dem obskuren 1978er Sozialdrama „Killer Of Sheep“. Collagenartige Instrumentals, die in Sekundenbruchteilen zwischen Jazz, Flamenco, Afrobeat, Bollywood oder Eurodance wechseln können. Als Yasiin Bey alias Mos Def 2009 nach einer längeren Musik-Pause mit seinem vierten Soloalbum zurückkehrte, legte er der Welt eine enigmatische LP vor, genauso verkopft wie verspielt. „The Ecstatic“ ist ein kleines Meisterwerk – und wird am 9. Juni 2019 zehn Jahre alt.

Als Mos Def in den 90er-Jahren als Teil des HipHop-Duos Black Star auf der Bildfläche erschien, war er einer der wenigen MCs, der mit dem butterweichen Flow von A Tribe Called Quest mithalten konnte. Mit seinem 1999 erschienen Solodebüt „Black On Both Sides“ festigte er seine Position als neuer Platzhirsch des New-Yorker Alternative-HipHop. Doch dann kamen die Nuller-Jahre – und mit ihnen die nachfolgenden LPs „The New Danger“ und „True Magic“, die sich zwar gut verkauften, aber von der Kritik enttäuscht aufgenommen wurden.

Bey suchte und fand seinen Erfolg woanders. Parallel zu seiner Musik-Karriere arbeitete er als Schauspieler. Während seine Soloalben weniger einschlugen, war seine Hollywood-Laufbahn auf ihrem Höhepunkt. Bey spielte Lead-Rollen in Filmen wie „Per Anhalter durch die Galaxis“ oder „16 Blocks“, ebenbürtig Seite an Seite mit Stars wie Bruce Willis oder Sam Rockwell. Ganz zu erfüllen schien ihn Hollywood aber nicht: Im November 2007 kündigte er sein großes musikalisches Comeback an.

Globale Poesie

Bey wusste, wie viel Druck auf „The Ecstatic“ lag. Dementsprechend versammelte er eine Unmenge an musikalischem Talent für dieses Comeback: eine prominente Produzenten-Riga, zusammengesetzt aus den Chart-Wundern The Neptunes, dem Beat-Zauberer Madlib, dessen Bruder Oh No – und sogar ein posthumer Beitrag von der wenige Jahre vorher verstorbenen HipHop-Legende J Dilla. Am Gastgesang und Piano zu hören war Georgia Anne Muldrow, außerdem gab es Features vom HipHop-Urgestein Slick Rick und Talib Kweli, Beys Black-Star-Kollegen.

Auch in seinen Zeilen zeigte Bey sich von seiner besten Seite. „The way I feel, sometimes it’s too hard to sit still / Things are so passionate, times are so real“ rappt er im frühen Highlight „Auditorium“, fast wie eine Vorwarnung auf die komplizierten Themen, mit denen er sich im Verlauf dieser LP befasst. Im gleichen Song kotzt er sich über den Irak-Krieg aus. In „Revelations“ konfrontiert er die christliche Apokalypse, während er in „Wahid“ über seine Beziehung zum islamischen Glauben reflektiert („But when all is said and done there’s only / La ilaha ill’Allah“).

Genau wie Beys globale Poesie reist auch die Musik auf diesem Album in entlegene Ecken. „Supermagic“ eröffnet das Album mit einer gesampleten Bollywood-Sängerin. In „No Hay Nada Mas“ erklingen Flamenco-Gitarren – während Bey auf Spanisch rappt. „Casa Bey“ ist ein Samba-Funk-Cocktail, dessen Basis von der brasilianischen Gruppe Banda Black Rio entliehen wurde. Und in „Auditorium“ samplet Madlib persische Streicher und Zupfinstrumente – ein perfekter Kontrapunkt zu Beys Irak-Krieg-Kritik. Sowohl im Text als auch in der Musik schauen Bey und seine KollegInnen stets über den Tellerand. „The Ecstatic“ ist mehr als nur ein grandioses Comeback, es ist ein Album, das von seinen ZuhörerInnen viel abverlangt – und sie mit einem großen, globalen Conscious-Rap-Album belohnt, das seinesgleichen sucht.

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