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Was ist Musik Space ist immer noch the place

ByteFM: Was ist Musik vom 07.09.2014

Ausgabe vom 07.09.2014: Space ist immer noch the place

Die Wahrheit über den Planeten ist eine böse Wahrheit. So lautet das Mantra von „The Truth About Planet Earth“, Sun Ra Live 1978. Nach sieben Minuten bad & sad truth über die Erde zu Schlagzeug und Piano folgt der nächste Song. Gebetsmühlenfunky wiederholen die vier Musiker: Space is the place, Space is the place…

So beginnt ein Text zu Sun Ras 100.Geburtstag am 22.Mai dieses Jahres in der taz, Fortsetzung weiter unten.

Space is the place und 134340 PLUTO sind zwei der besten Tracks auf The Seer of Cosmic Visions, dem neuen Album von HIEROGLYPHIC BEING AND THE CONFIGURATIVE OR MODULAR ME TRIO.
HIEROGLYPHIC BEING ist der Künstlername von Jamal Moss, “Producer and boss of Mathematics records, JAMAL MOSS a.k.a Hieroglyphic Being is a one-off musical explorer. Jamal's music takes cues from the EBM and House that played a huge part in the city's musical underground in the late eighties and early nineties, notably Ron Hardy and Adonis, but also Industrial, Avant-Jazz and Noise.
His tireless schedule of rough low-key releases over the last 12 years and his intense, very physical, psychedelic music, have made him a key exponent or maybe even a pioneer of what's recently come to be named 'Outsider House', although he prefers the more Sun-Ra like descriptors of 'Rhythmic Cubism' and 'Cosmic Be-Bop'.” (Planet Mu-Info)

Vier Monate nach Sun Ras 100.Geburtstag erscheint „Marshall Allen pres. Sun Ra And His Arkestra – In the Orbit of Ra” mit Songs wie “Plutonian Nights”, “Have You Heard The Latest News From Neptune” oder auch “Rocket Number Nine Take Off To Venus”
”Rocket Number Nine” wiederum führt uns zu NRBQ, mehr von denen im kommenden Herbst…


Zu Sun Ras 100.Geburtstag am 22.Mai dieses Jahres in der taz, Fortsetzung:

Nimmt man die beiden Titel beim Wort, dann hat man die Essenz des Sun Ra. Die Erde ist ein feindseliger Ort für einen African American, also laßt uns ein besseres Morgen suchen im Space. Viele zentrale Begriffe bei Sun Ra haben mehr als eine Bedeutung: Space ist der Raum zum Leben und das Weltall. Dass der afroamerikanische Visionär des Freien Jazz Zuflucht im Space sucht, das hat auch damit zu tun, dass er in Birmingham, Alabama zur Welt kommt, „der vielleicht am schärfsten segregierten Stadt der Erde“, so sein Biograf John Szwed. Hier regiert der Ku-Klux-Klan, noch 1963 werden in einer Baptistenkirche vier schwarze Mädchen bei einem Anschlag ermordet, im selben Jahr setzt George Wallace, der Gouverneur von Alabama, die Nationalgarde ein, um die weißen Schulen "negerfrei" zu halten - obwohl die Rassentrennung illegal ist. Zu diesem Zeitpunkt ist der am 22. Mai 1914 als Herman Poole Blount geborene und im Zeichen des Southern Baptism aufgewachsene Pianist und Bandleader längst im toleranteren Norden gelandet. „Space-Stimmen“ und „Space-Weisheit“ haben ihn nach Chicago gebeamt, erklärt der Mann, der sich nach dem ägyptischen Sonnengott Sun Ra nennt und vom Saturn kommt. Balkan Music Co. ist der Name eines Studios im Chicagoer Stadtteil Pilsen, dort versammelt Sun Ra 1956 sieben Musiker zur ersten Session für sein neues Label: El Saturn Records. Slogan: „Beta Music For A Beta World.“ Alabama, Ägypten, Balkan, Chicago, Pilsen, Saturn – der Mann ist rumgekommen, die Grenze zwischen realen und imaginären Orten ist obsolet, wenn Space der einzige Place ist, wo man leben kann als African American. Wie die von ihm viral beeinflußten Dub- bzw- Funk-Gottheiten Lee Scratch Perry („Arkology“) und George Clinton („Mothership Connection“) gilt Sun Ra als Wahnsinnsgenie. Auf der Seite des Wahnsinns verorten auch viele Fans von Ra, Perry & Clinton die kryptoreligiöse bis synkretistische Rede vom Space, der the Place sein soll. Glücklicherweise folgen Sun Ra kluge Sternendeuter, die den Esoterik-Verdacht entkräften und seinen Space-Tick auf eine, nun ja, historisch-materialistische Grundlage stellen. Menschenhandel heißt das Geschäft. Schwarze Frauen und Männer aus Afrika werden auf Schiffen über den Atlantik geschafft, diejenigen, die nicht ins Meer geworfen werden, weil sie schwach sind oder schwanger finden sich in einer unbekannten, unbarmherzigen Welt wieder. Sie werden gemustert, vermessen, taxiert, von ihren Angehörigen getrennt und dienen fortan fremden Herren weißer Hautfarbe. Sun Ra ist nicht zu verstehen ohne die afrikanisch-amerikanische Erfahrungsmatrix namens Sklaverei, eine Erfahrung der Dislokation, der Auslöschung von Geschichte. Historische Antworten: Nein, ich bin nicht Cassius Clay, ich bin Muhammad Ali. Mein Name ist X, Malcolm X, ich scheiß´ auf meinen Sklavennamen. Ich bin Sun Ra, Space ist mein Place. Arkestra nennt er seine Band, noch ein doppelter Boden: Wie Arkestra klingt es, wenn sie im Süden Orchestra sagen. Ark ist die Arche aus der Bibel, das rettende Gegenmodell zu den Sklavenschiffen.
Die intergalaktische Zukunft sei ein Ort der Selbstprojektion, ein utopischer Raum, befreit von der irdischen Last aus Vorurteilen und fleischlichen Ungleichheiten. So erläutert die Kunstprofessorin Camille Norment Sun Ras Anrufung des Außerirdischen und Exotischen. Unabhängigkeit durch Separation statt Integration, diese politische Option hört der Kritiker John Corbett in Sun Ras Space-Mantra. Beide Ra-Analytiker umschreiben so eine komplexe Praxis, für die sich bald der Begriffscontainer Afrofuturismus etabliert. Sun Ra: „Das Unmögliche zieht mich an, denn alles Mögliche ist schon gemacht worden, und die Welt hat sich nicht verändert.“ Obamas Präsidentschaft geht zu Ende, ohne dass sich irdische Glücksversprechen für African Americans über die Maßen erfüllt hätten, da strahlt Sun Ras eskapistisch-separatistische Space-Vision zum 100.Geburtstag umso heller.
Auf der eingangs erwähnten Version von „Space is the Place“ - einer von Tausenden im wuchernden Werk Sun Ras – wird zwei Minuten lang die Titelzeile repetiert, ehe die Instrumente einsteigen, in aller Freiheit, befreit von allem Staub, den Feinde und Freunde des Free Jazz angehäuft haben. Die Dialektik von Freiheit und Disziplin, noch so eine Spezialität des Drogengegners und Disziplinfanatikers Sun Ra, sie ist überliefert von Mitmusikern. „Wir haben so viel geübt, es war eine sehr schwierige Musik“, so der Trompeter Art Hoyle, er berichtet auch von Sun Ras Ermutigungsformeln: „Er sagte mir, ich solle improvisieren, ich fragte in welcher Tonart (key) und er sagte: space key.“
Exzentriker wie Thelonious Monk oder Sun Ra „verweigerten die Lesbarkeit ihrer oft nur instinktiv befolgten Strategie mit jedem Schritt“, schreibt Diedrich Diederichsen und sieht darin ein Modell des autonomen Künstlers, das sich der Fremdbestimmung durch die tonangebende weiße Mehrheit entzieht, und sei es durch exotische Verkleidungen, Soundmaskeraden inklusive. An „tones not notes“ glaube Sun Ra, also benutzt er als einer der ersten Jazzer übernatürliche Instrumente wie Moog Synthesizer und Rhythmusmaschine, die machen Supertöne, auch ohne Notation. Trompeter Hoyle erzählt von einer nächtlichen Begegnung mit dem Arkestra 1961 in New York: „Sie trugen Bergarbeiterhelme mit Grubenlampen, Sun Ra hatte eine riesige Goldkette mit einer Sonne auf der Brust. In der Empfangshalle trafen sie auf eine Lady, die war zu Tode erschrocken, sie hielt sie für Außerirdische.“
Sun Ras Sehnsucht nach dem Außerirdischen ist für den afrobritischen Autor Kodwo Eshun ein Bruch mit den christlich grundierten Erlösungsversprechen von Southern Gospel und Soul, die „das ganze Projekt der Bürgerrechtsbewegung“ geprägt hätten. Außerirdisch war auch Sun Ras Sexualität, zumindest gemessen an der Alabama-Norm des zwanzigsten Jahrhunderts. Darauf weist Tim Stüttgen in der Zeitschrift Testcard hin und schlägt eine bis dato unterbliebene Lesart des Ausnahmekünstlers vor: eine queere. „Oder – wie ich es lieber nennen möchte – quare.“ Quare? Schon wieder doppelter Boden: Der afroamerikanische Queer-Theoretiker J.Patrick Johnson verwendet den Begriff so, wie seine Südstaaten-Großmutter ihn ausgesprochen habe. So soll quare „in die unmarkiert weiße Fundierung queerer Theorien intervenieren.“ Angesichts der ausgeprägten Homophobie im (afro)amerikanischen Jazz, hatte jede Andeutung von Gay Pride die Überlebenschance eines Schneeballs in der Hölle, so Stüttgen. „Bei Sun Ra, dessen Alien Drag sich radikal der geschlechtlichen und menschlichen Normativität entzieht, verkompliziert sich die Quareness noch mehr, wenn man seine angebliche Homosexualität mitdenkt.“ Nach seinem Tod 1993 wird öffentlich, dass Sun Ra schwul war, jedoch kaum sexuelle Kontakte hatte. Sein Biograf John Szwed verschweigt diese Tatsache, zitiert jedoch Sun Ras vielsagendes Credo: Sex habe ihn nie interessiert, das einzig Bedeutende auf der Welt sei die Musik, „a full compensation for any handicaps I have.“ Seine angeborenen Handicaps im irdischen Jetzt kompensiert er mit galaktischer Musik für ein besseres Morgen: „Jazz From Tomorrow´s World“, heißt ein Album, „Of Other Tomorrows Never Known“ ist sein Gruß an die Beatles, deren „Tomorrow never knows“ 1966 der Rockmusik den Weg in ein besseres Morgen weist.
Sun Ra inspiriert die spekulative Intelligenz der hier zitierten (R)Astrologen, er hinterläßt Sonnenstaub an entlegenen Orten, weit ab vom Planet Jazz. Detroits Agit-Rocker MC5 covern sein „Starship“, Detroits Techno Guerilla Underground Resistance bereist die Ringe des Saturn, im Kölner Opernhaus rekonstruiert Karlheinz Stockhausen Sun Ras Alien Drag, im Post-Acid-England beschwört eine Band mit dem sprechenden Namen A.R.Kane „Love from outta space“, Liebe ohne Handicaps. Im Post-Punk England modelliert Jerry Dammers The Specials (& The Special AKA) nach dem Vorbild des Arkestra, bevor er seine Schaffenskraft ganz dem Sonnengott widmet: The Spatial AKA Orchestra. 2014 schließlich kritisiert die Austro-Berliner Band Ja, Panik mit Sun Ra die Abschottungspolitik der Festung Europa:
„Ich wünsch mich dahin zurück, wo's nach vorne geht
ich hab auf back to the future die Uhr gedreht
space is the place, der die Flüchtigen liebt
ganz wie jeder Anfang in Trümmern liegt
not sans papier, but sans patrie. «
Ohne Vaterland, Space is the place. Hätte Sun Ra gefallen.

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Playlist

1.  HIEROGLYPHIC BEING AND THE CONFIGURATIVE OR MODULAR ME TRIO / Space Is The Place
The Seer Of Cosmic Visions / Planet Mu
2.  Sun Ra / Space Is The Place
Media Dreams / Art Yard
3.  Brian Ritchie / Sun Ra - Man From Outer Space Brian
Sonic Temple & Court Of Babylon / SST
4.  Sun Ra / Somebody else’s World
Marshall Allen Pres. Sun Ra And His Arkestra – In the Orbit Of Ra / Strut
5.  HIEROGLYPHIC BEING AND THE CONFIGURATIVE OR MODULAR ME TRIO / 134340 PLUTO
The Seer Of Cosmic Visions / Planet Mu
6.  Sun Ra / Rocket Number Nine Take Off To Venus
Marshall Allen pres. Sun Ra And His Arkestra – In the Orbit Of Ra / Strut
7.  NRBQ / Rocket Number Nine
NRBQ / Columbia
8.  Ja, Panik / Libertatia
Libertatia / Staatsakt
9.  Roger Robinson / Spaceship
Roger Robinson / Hyperdub
10.  Kode 9 / Hole In The Sky (Feat. Space Ape)
Hyperdub / Hyperdub
11.  Future Bible Heroes / The DJ From Outer Space
Future Bible Heroes / Magnet
12.  Spaceheads / Trip To The Moon
Trip To The Moon / Electric Brass