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Was ist Musik

Too much on my mind – zum Tod von Mark Fisher

ByteFM: Was ist Musik vom 22.01.2017

Ausgabe vom 22.01.2017: Too much on my mind – zum Tod von Mark Fisher

Christian Werthschulte in der taz vom 16.1.:
Die Geister seines Lebens

Der britische Theoretiker Mark Fisher analysierte die Nostalgie der gegenwärtigen Popkultur als Zeichen einer verloren gegangenen Zukunft.

(…) In „Ghosts of my life“ von 2014 durchstreift Marc Fisher die Popkultur der Gegenwart auf der Suche nach den Überresten eines besseren Morgen. Im Dubstep von Burial hallt ihm die Euphorie seiner Erfahrungen auf Jungle-Raves nach, die englischen Riots von 2011 erkundet er mittels der Militanz der Filme des Black Audio Film Collective aus den mittleren 80ern. In einem großartigen Essay über Joy Division begreift er deren stilisierte Negativität als Vorhersehung eines depressiven Jetzt.

Wie Ian Curtis, der Sänger von Joy Division, war auch Mark ein Kind der britischen Arbeiterklasse, der dank des britischen Sozialstaats viel Zeit zum wilden Lesen hatte. Diese Herkunft konnte und wollte er niemals ablegen. Seinen ostenglischen Akzent hatte er sich an der Uni abtrainiert, seitdem konnte er die Privilegien des von der Mittelklasse geprägten Kulturbetriebs parodieren. Denn selbst als Mark längst Professor am Londoner Goldsmiths College war, hatte er das Gefühl, dort nicht wirklich hinzugehören.

Genau wie seine Klassenherkunft war auch die Depression eines der Gespenster, die ihn immer wieder heimgesucht haben. Sein letztes Buch „The Weird and the Eerie“ (2017) konnte er noch fertigstellen, für „Acid Communism“, sein Buch über die verlorenen Potenziale der Gegenkultur der 1960er, hat die Depression ihm die Kraft geraubt. Politisch ist er bis zuletzt Optimist geblieben.

Im Mai 2015 war Mark Fisher in Köln zu Gast. Die Labour Party, in der er Mitglied war, hatte kurz zuvor die Parlamentswahlen deutlich gegen David Camerons Tories verloren. Aber Mark war voller Energie. Für ihn war es der Beginn einer neuen Form von Organisation – ihm war klar, dass der neoliberale Flügel der Partei abgewirtschaftet hatte. Die Wahl Jeremy Corbyns zum Labour-Vorsitzenden durch eine neue Basisbewegung ein paar Monate später hat ihm recht gegeben.

Am Abend hat Mark in einer Bar einen Vortrag über Depressionen gegeben. Der Raum war voll, das Publikum saß ihm buchstäblich zu Füßen. Mark hat eine Stunde über Depressionen geredet und, wie immer, hat er dabei Theorie, Politik und seine eigenen Therapieerfahrungen so gemischt, dass sich ein Moment der Gegenwart eröffnete.

„Wann wird das Sprechen über Gefühle ein politischer Akt?“, fragt er in seinem mittlerweile veröffentlichten Vortragstext und antwortet: „Wenn es Teil einer Praxis der Bewusstseinsbildung ist, durch die die unpersönlichen und intersubjektiven Strukturen sichtbar gemacht werden, welche in der Regel von der Ideologie vernebelt sind.“

Am Freitag, den 13.1., hat sich Mark Fisher das Leben genommen. Er wurde 48 Jahre alt.


Mark Fisher:
„Es sollte an dieser Stelle bereits deutlich geworden sein, dass der Terminus Hauntology verschiedene Bedeutungen trägt. Es gibt den spezifischen, im Hinblick auf die populäre Musikkultur verwendeten Sinn, und ebenso gibt es die stärkere allgemeine Bedeutung, in der Hauntology sich auf Persistentes, Repetitives oder Präfiguratives bezieht. Und es gibt mehr oder weniger gutartige Varianten von Hauntology. Das vorliegende Buch wird sich zwischen diesen verschiedenen Bedeutungen bewegen. Das Buch handelt zudem von den Gespenstern meines Lebens, im hier Vorgetragenen gibt es daher notwendigerweise eine persönliche Dimension. Doch nehme ich das alte Motto »Das Persönliche ist politisch« als Aufforderung, nach den kulturellen, strukturellen und politischen Bedingungen der Subjektivität zu fragen. Die produktivste Art, das Persönliche politisch zu verstehen, ist, das Persönliche als nicht persönlich anzusehen. Es ist für uns alle elend, wir selbst sein zu müssen (und mehr noch, gezwungen zu sein, uns selbst zu vermarkten). Kultur und Kulturanalyse hat ihre Bedeutung nicht zuletzt dadurch, dass sie uns vor uns selbst zu entkommen erlaubt. Der Weg zu solcherart Einsichten war mühsam. Depression heißt der böse Spuk, der mein Leben lang an meinen Fersen klebt. (Ich verwende den Ausdruck Depression, um einen trostlosen, solipsistischen Zustand von der eher lyrischen – und kollektiven – Ödnis hauntologischer Melancholie zu unterscheiden.) In einem Zustand der Depression, der mir das alltägliche Leben kaum erträglich scheinen ließ, habe ich 2003 zu bloggen angefangen. Das Schreiben war verschiedentlich Teil der Auseinandersetzung mit diesem Zustand, und es ist kein Zufall, dass mein (bislang erfolgreicher) Ausweg aus der Depression mit einer gewissen Externalisierung von Negativität einherging: Das Problem ist nicht (nur) meines, sondern eines der gesamten Kultur um mich herum. Für mich steht fest, dass die Zeit von ungefähr 2003 bis heute, zumindest was die (Pop-)Kultur anbelangt, als die schlimmste seit den 1950er Jahren angesehen werden wird – und das nicht in irgendeiner fernen Zukunft, sondern schon bald. Die kulturelle Ödnis festzustellen heißt allerdings nicht, andere Möglichkeiten hätten nicht existiert. Dieses Buch ist ein Versuch, solchen Spuren nachzugehen.“ (Mark Fisher„Gespenster meines Lebens – Depression, Hauntologie und die verlorene Zukunft“, aus dem Englischen von Thomas Atzert, Edition Tiamat)

Dabei schlägt Fisher mühelos in wenigen Zeilen den Bogen von Kanye West über Britney Spears zu Suicide (die Band, nicht der Suizid). Der Suizid von Ian Curtis kommt vor im brillianten Kapitel über Joy Division.

Simon Reynolds:
My first encounter with Mark was actually unawares – I wrote a piece for Melody Maker about a group he was in called D-Generation, in which many of the ideas and themes that would obsess him in his later writing were rehearsed. But the phone interview was with another member of the group, Simon Biddell. Year later Mark shyly revealed that I had actually written about him, in effect, and I went back and checked the piece and there he was, in the photo. With long hair! But then we all had long hair in the early Nineties...

I first met Mark when doing a profile of the CCRU in the late Nineties, when he stood out – even in a milieu crackling with intellectual energy – for his eloquence and urgency. Already the hallmarks of his work were evident in his conversation and in the tracts he penned for CCRU publications: the lucidity, the rigour, the exuberance, the capacity and the compulsion to connect things across far-flung fields, the ability to focus in with vivid attention to aesthetic particulars and zoom out to the widest possible scope.


Owen Hatherley:
I met Mark for the first time in a pub, in north London, where there was a panel discussion launching Simon Reynolds's Rip it Up and Start Again. For a few years at this point I had been reading K-Punk, religiously, for writing of a sort that wasn't supposed to exist anymore, and that elsewhere, off the internet, largely didn't. Working as a filing clerk for T Brown and Sons Heating Engineers, I would use a proxy server to wait for, and then read, the latest K-Punk post, many of which had the same sense of anticipation that you would have waiting for a new record, the next episode of some sort of dream-serial. Then you'd be rewarded, when just under the document you were meant to be working on, you could bring out something like his essay on Joy Division, his account of Fleetwood Mac via John Le Carre, and later, his astonishing series on The Fall. These names might make it all sound like one of those Rock History magazines, but K-Punk involved an entire canon, one where Japan's 'Tin Drum', Visage's second album, Gladys Knight's 'The Way We Were' were of more import than the entire collected works of Bob Dylan.

Kommentare

klauswalter vor 3 Jahren
danke, christian und ricardo...no depression!

christian fausten vor 3 Jahren
Mark Fisher tot und vergangenen Sonntag starb Jaki Liebezeit. Auch dieses Jahr kommt auf Touren (siehe 2016). It's getting cold in this hotel. Und nun? Depression? Gut möglich, aber ich nehm's nicht persönlich. Lieber Klaus, vielen Dank für diese Sendung. Gruß Christian

ricardo vor 3 Jahren
Das war eine super spannende Sendung. Chapeau
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Kommentare

klauswalter vor 3 Jahren
danke, christian und ricardo...no depression!

christian fausten vor 3 Jahren
Mark Fisher tot und vergangenen Sonntag starb Jaki Liebezeit. Auch dieses Jahr kommt auf Touren (siehe 2016). It's getting cold in this hotel. Und nun? Depression? Gut möglich, aber ich nehm's nicht persönlich. Lieber Klaus, vielen Dank für diese Sendung. Gruß Christian

ricardo vor 3 Jahren
Das war eine super spannende Sendung. Chapeau
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Playlist

1.  Sade / King of Sorrow (Cottonbelly Remix)
King of Sorrow / CBS
2.  Burial / Fostercare
5 Years Of Hyperdub / Hyperdub
3.  The Kinks / Too Much On My Mind
Something else / Pye
4.  Dizzee Rascal / Sittin’ Here
Sittin’ Here / XL
5.  D-Generation / 73-93
Entropy in the UK / Mythago
6.  Sleaford Mods / Liveable Shit
Liveable Shit / Beggars
7.  New Age Steppers feat. Ari Up / Got To Get Away From Here
Got To Get Away From Here / On-U Sound
8.  Gladys Knight & The Pips / The way we were
The way we were / Motown
9.  Joy Division / She´s lost control
She´s lost control / Factory
10.  The Rolling Stones / Gimme Shelter
Let it bleed / Decca
11.  The Pet Shop Boys / I made my excuses and left
Fundamental / EMI