Zum 80. Geburtstag: Bob Dylan für Einsteiger*innen

Schwarz-Weiß-Foto des US-Musikers Bob Dylan, der am 24. Mai 2021 80 Jahre alt wird.

Wer kein*e Dylanolog*in ist, kann beim Werdegang von Bob Dylan schon mal den Überblick verlieren – wir geben Orientierung (Foto: Sony Music)

Bob Dylan in einem einzigen Text zu ehren, ist eine schwierige Aufgabe. Dafür braucht es eigentlich Bücher. Oder mindestens einen Spielfilm, wie beispielsweise das 2007 veröffentlichte experimentelle Biopic „I’m Not There“. Das Leben und Schaffen der US-amerikanischen Songwriting-Legende ist so notorisch ungreifbar, dass Regisseur Todd Haynes hier Dylan von gleich sechs verschiedenen Schauspieler*innen porträtieren lässt. Richard Gere spielt ihn als alternden Outlaw. Marcus Carl Franklin spielt einen vagabundierenden Teenager. Heath Ledger einen talentierten Schauspieler, dessen Ehe auseinanderfällt. Und Cate Blanchett gibt ein stets von einer Sonnenbrille verhülltes Genie, das mit seiner E-Gitarre ein Folk-Publikum schockiert.

Dylan selbst war und ist sich dieser Vielseitigkeit absolut bewusst. „Ich glaube nicht, dass ich mir selbst greifbar bin“, sagte er 1997 in einem Interview mit The Daily Beast. „Ich verändere mich im Lauf eines Tages, ich wache auf und bin eine Person und wenn ich schlafen gehe, bin ich mir sicher, dass ich eine andere bin. Für die meiste Zeit weiß ich überhaupt nicht, wer ich bin. Es ist mir eigentlich egal.“ Diese menschliche Ungreifbarkeit ist für ihn kein Rätsel, sondern eine schlichte Selbstverständlichkeit. Erst im vergangenen Jahr sang er auf seinem neuesten Album „Rough And Rowdy Ways“ diesen Satz: „I’m a man of contradictions, I’m a man of many moods / I contain multitudes.“

Heute, am 24. Mai 2021, wird Bob Dylan 80 Jahre alt. Dieser Zeitraum beinhaltet viele Leben – das hier sind mindestens acht von ihnen.

Der junge Robert Allen Zimmerman

Am 24. Mai 1941 wurde in Duluth, Minnesota ein Kind namens Robert Allen Zimmerman geboren. Als Junge war er begeisterter Radio-Fan, erst von den Folk- und Blues-Stationen des US-amerikanischen Südens, bis im Teenager-Alter der Rock ’n’ Roll von Little Richard und Elvis Presley folgte. An der Highschool spielte Zimmerman in einer Coverband die Songs seiner Teen-Idole, nur um wenig später von der seiner Meinung nach inhaltsleeren Spaßmusik Rock ’n’ Roll desillusioniert zu werden. So fand er zurück zu Folk und Americana, besonders zu der humanistischen Ernsthaftigkeit von Woody Guthrie.

Während seines Studiums in Minneapolis begann Zimmerman, alleine mit seiner Gitarre und seiner Mundharmonika in Coffehouses aufzutreten. 1961 brach er das Studium ab und zog nach New York, um dort Guthrie persönlich kennenzulernen. Ein Jahr später veröffentlichte er sein erstes Album. Der Name der LP war der gleiche, unter dem Zimmerman ab nun auftrat: „Bob Dylan“. Das Album bestand zum größten Teil aus Traditionals, zwei Originalkompositionen ausgenommen. Eine von ihnen: „Song To Woody“, eine Ode an den Musiker, der ihn zurück zum Folk brachte.

Der protestierende Poet

In New York etablierte Dylan sich schnell als talentierter Folk-Künstler mit einer genauso eigenwilligen wie faszinierenden Stimme. Ab seinem zweiten Album „The Freewheelin’ Bob Dylan“ nahm die Menge an Eigenkompositionen deutlich zu. Damit einhergehend geriet die politische Dimension seiner Musik in den Fokus – während Dylan selbst zu einem der (weißen) Gesichter der Bürgerrechtsbewegung wurde. 1963 kulminierte diese Entwicklung in einem Auftritt beim historischen „March On Washington“. Dylan sang ins selbe Mikrofon, in das Martin Luther King Jr. seine „I-Have-A-Dream“-Rede hielt. Dort spielte er unter anderem „Only A Pawn In The Game“ von seinem bis dato politischsten Album „The Times They Are A-Changin“, in dem er die rassistisch motivierte Ermordung des Bürgerrechtlers Medgar Evers anprangerte.

Das elektrische Genie

Einst stand Folk-Musik für Dylan für ernsthafte, menschliche Kunst, im Kontrast zum hedonistischen Rock ’n’ Roll. Mitte der 60er-Jahre fühlte er jedoch eine starke Abneigung gegen den musikalischen Konservatismus der US-Folk-Szene. Somit begann Dylans „elektrische Phase“, in der er mit einer lauten, verstärkten Band auftrat und aufnahm. Doch nicht nur der Sound war elektrisch – innerhalb von nur eineinhalb Jahren veröffentlichte er eine schwindelerregende Menge an Meisterwerken: Das rasiermesserscharfe erste elektrische Album „Bringing It All Back Home“, das epische „Highway 61 Revisited“ und der psychedelische Folk-Rock-Meilenstein „Blonde On Blonde“. Von März 1965 bis 1966 konnte niemand mit Bob Dylan mithalten.

Der Americana-Eremit

Die „elektrische Phase“ Bob Dylans endete 1966 in einem schweren Motorradunfall. Der zusätzlich von vielen turbulenten Jahren ausgebrannte Musiker nutzte die Chance, um sich aus dem Rampenlicht zurückzuziehen – es sollten acht Jahre bis zu seiner nächsten Tour vergehen. Was nicht heißt, dass er keine Musik machte: Zwischen 1967 und 1969 veröffentlichte Dylan zwei Alben mit The Band als Backup-Gruppe, deren spartanischer Americana-Sound seinem ähnelte. Und wie auch die Vorgänger geizen „John Wesley Harding“ und „Nashville Skyline“ nicht mit ikonischen Songs: Das später von Jimi Hendrix unsterblich gemachte „All Along The Watchtower“. Das Johnny-Cash-Duett „Girl From The North Country“. Die liebliche Country-Ballade „Lay Lady Lay“. Der Bob Dylan dieser Zeit zeigte sich geerdeter, entspannter als je zuvor – auf „Nashville Skyline“ legte sich sogar die charakteristische, nervöse Nasalität in seiner Stimme ein bisschen.

Der bittere Geschichtenerzähler

Nach einem (für seine Verhältnisse) künstlerisch schwachen Start in die 70er-Jahre fand Dylan zur Mitte des Jahrzehnts zu seiner vollen Kraft zurück. Zuerst kam 1975 „Blood On The Tracks“. Dylans 15. Album gilt als eines der wichtigsten Trennungsalben der Pop-Musik, obwohl der Künstler selbst die autobiografische Natur dieser bitteren Songs abstreitet. Doch Musik wie „Shelter From The Storm“, „Simple Twist Of Fate“, „Idiot Wind“ oder „Tangled Up In Blue“ brauchen dieses Hintergrundwissen gar nicht. Das sind schlichtweg einige der besten Folk-Rock-Songs, die das Genre zu bieten hat. Gefüllt mit Schmerz und Liebe, die den Klatsch-Kontext transzendieren. Ein Jahr später folgte „Desire“, auf dem Dylan seine Texte in epische Längen streckte – ohne seine Scharfsinnigkeit einzubüßen. Nebenbei ist es eines der musikalisch differenziertesten Alben seiner Karriere, von den beißenden Violinen-Soli in „Hurricane“ bis zur fühlbar erdrückenden Schwermut von „One More Cup Of Coffee“.

Der Wiedergeborene

Ende der 70er-Jahre vollzog Bob Dylan erneut eine Transformation, die einen großen Teil seiner Fangemeinde verwunderte: Er wurde Christ. Das Alte Testament und der judeo-christliche Gott war für den jüdisch aufgewachsenen Dylan schon lange eine (oftmals sarkastische) Inspirationsquelle, doch 1979 konvertierte er vollständig. Musikalisch resultierte das in drei betont klerikalen Alben, mit einem musikalischen Fokus auf Gospel. Im Vergleich zu den mittelmäßigen Nachfolgern ist das erste von ihnen, „Slow Train Coming“, ein weiterer Klassiker, vom seltsam schmierigen Opener „Gotta Serve Somebody“ bis zum ergreifenden Piano-Gospel „When He Returns“.

Der ewig Reisende

Die 80er-Jahre waren für Dylan eine künstlerisch durchwachsene Dekade. Erst zum Ende des Jahrzehnts konnte er wieder Fahrt aufnehmen. Möglicherweise inspiriert vom Erfolg seiner neuen Supergroup The Traveling Wilburys (gemeinsam mit anderen Pop-Titanen wie George Harrison, Tom Petty, Jeff Lynne und Roy Orbison) begann 1988 Dylans „Never Ending Tour“, die theoretisch bis heute andauert. In diesem Zeitraum spielte er nicht nur Tausende Konzerte (im Schnitt 100 pro Jahr), sondern veröffentlichte auch einige seiner besten Alben: Vom Comeback „Oh Mercy“ (1988) über die altersweisen Glanzstücke „Modern Times“ (2006) und „Tempest“ (2012) bis zu „Time Out Of Mind“ – ein unruhiges Meisterwerk, aufgenommen kurz nach einer lebensbedrohlichen Herzbeutelentzündung. Diese Songs haben dementsprechend viel Gewicht, ohne zu erdrücken. „It’s not dark yet / But it’s getting there“, singt Dylan im Refrain zum buchstäblich herzzerreißenden „Not Dark Yet“.

Der epische Historiker

2020 war das erste Jahr seit 1988, in dem Dylans „Never Ending Tour“ pausieren musste (die Gründe sind bekannt). Trotzdem war es für ihn ein musikalisch großartiges Jahr – einzig und allein dank der Veröffentlichung von „Rough And Rowdy Ways“, seinem neuesten Beitrag zu seinem beeindruckenden Spätwerk. Dieses Meisterstück kulminiert in „Murder Most Foul“, einem 17-minütigen Epos, in dem Dylan durch 60 Jahre US-Geschichte reist. Nicht in nostalgischer Verklärung, sondern erstaunlich gedrückt, traurig und erhaben.
„What’s new, pussycat? What’d I say? / I said the soul of a nation been torn away / And it’s beginning to go into a slow decay / And that it’s thirty-six hours past judgment day“, singt seine altersschwere Stimme, umringt von tiefen Streichern und klimpernden Pianos (u. a. gespielt von Fiona Apple!). Viele Künstler*innen wären stolz, nur ein einziges Album in dieser Qualität in ihrem Leben geschafft zu haben. Für Bob Dylan ist es eines von vielen – und ein weiterer Einblick in eines seiner vielen Leben.

Bob Dylan im Programm von ByteFM

Wer Mitglied unseres Fördervereins „Freunde von ByteFM“ ist, und damit auf unserer Sendungsarchiv zugreifen kann, hat die Möglichkeit, noch viel tiefer ins Dylan-Universum einzutauchen: Zu seinem 75. Geburtstag im Mai 2016 widmete beispielsweise Knut Benzner His Bobness einen ByteFM Container. Ein Ständchen zum 70. Geburtstag brachte ihm 2011 Michael Kleff in seiner Sendung This Land – Your Land?, genau wie Volker Rebell in seiner Sendung Kramladen vom 26. Mai 2011. Letzterer würdigte dann im Kramladen vom 25. Juni 2020 Dylans Album „Rough And Rowdy Ways“. Die Zusammenarbeit von Bob Dylan und Johnny Cash in den 60er-Jahren nahm wiederum Klaus Walter in seiner Sendung Was ist Musik genauer unter die Lupe. Jener Klaus Walter untersuchte auch anlässlich von Dylans 70. Geburtstag dessen Einfluss auf die deutsche Pop-Musik.

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Rainer Kirmse , Altenburg
    Mai 24, 2021 Reply

    Bob Dylan – Happy Birthday!🥀

    80 und kein bisschen leise,
    Bob wie immer klug und weise.
    Nobelpreis und Sprechgesang,
    His Bobness forever young!
    Like a Rolling Stone,
    Like a Hurricane;
    Bob, do it again!
    The answer is blowin‘ in the wind.

    Ein Junge aus Duluth, Minnesota,
    mit Gitarre und Mundharmonika;
    aus Midwest nach New York gekommen
    und Newports Folkolymp erklommen,
    schockte die Szene mit E – Gitarre,
    das Reden war nie seine Sache.
    Von Woody Guthrie inspiriert,
    hat er fleißig komponiert;
    die Texte immer aktuell
    und literarischer Quell.
    Eine blendende Karriere
    bis hin zur Nobelpreisehre!
    Robert Allen Zimmermann – yes, you can!

    Rainer Kirmse , Altenburg

    Herzliche Grüße aus Thüringen

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