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Was ist Musik Baby, baby, baby, where did our fear go? Jonathan Lethem und die Talking Heads, Part II. (31.08.2014)

ByteFM: Was ist Musik vom 31.08.2014

Ausgabe vom 31.08.2014: Baby, baby, baby, where did our fear go? Jonathan Lethem und die Talking Heads, Part II.

The Name Of This Band Is Talking Heads. Das ist der mit doppeltem Boden selbstreferenzielle Titel eines Live-Albums der späten Talking Heads. Der Name war Talking Heads, nicht David Byrne Band. Diese Erkenntnis bestätigt „Fear Of Music – ein Album anstelle meines Kopfes“, das neue Buch von Jonathan Lethem.

Lethem erzählt vom 15-jährigen Jonathan, der 1979 in New York City eine Stimme aus dem Radio hört: »Talking Heads have a new album. It’s called Fear Of Music.« Die Stimme gehört David Byrne, dem Songwriter, Sänger und Kopf der Heads. Fear Of Music erwischt Lethem in einer Übergangsphase. Er wird vom Jungen zum Mann und erwischt auch die Talking Heads in einer Übergangsphase. Mit ihrem dritten Album wächst die Band aus dem New Yorker Clubformat heraus, »This ain ́t no Mudd Club, no CBGBs« lautet die berühmte Zeile aus »Life During Wartime«. Gleichzeitig wächst Byrne aus dem Bandformat heraus, seine Zweifel an der Kunstform Rock führen zu einer Expansion der Band, Brian Eno gibt als Produzent von Fear Of Music den fünften Talking Head, weitere werden folgen. Kurze Zeit später startet Byrne mit Eno sein erstes Projekt außerhalb der Band, My Life In The Bush Of Ghosts.

So gesehen hat Lethem Recht, wenn er Fear Of Music als das letzte Band-Album der Talking Heads bezeichnet. Es folgt die Afro-Funkifizierung mit Remain In Light, dafür rekrutiert Byrne Bernie Worrell von Funkadelic/Parliament und Nona Hendryx als zweite Stimme. Aus einem Manhattan-Quartett wird ein von David Byrne kuratiertes Projekt mit wechselnden Programmen und Protagonisten. Aus heutiger Sicht liegt es nahe, hier den Anfang vom Ende zu sehen, das Ende der Talking Heads als Band und das Ende von David Byrne als erratisch sprechendem Kopf dieser Band. Lethem liebt Byrne und Band zu sehr, um sich so einer Verfallsgeschichte hinzugeben. All die Filme, die Bücher, Theater mit Robert Wilson, die Erschließung Brasiliens für den amerikanischen Popmarkt, die Soloplatten, das ganze Byrne-Œuvre sei ja schön und gut, so Lethem, »but baby, baby, baby, where did our fear go?« Und er will keine »fearless fear«, mit dieser Bemerkung erledigt er nebenbei die kommerziell erfolgreiche Spätphase, quasi die Band-eigene Postmoderne, für die exemplarisch der Hit steht: »We’re On The Road To Nowhere«.

Klar kapriziert sich der Autor Lethem auf den Autor Byrne, er textet über Texte, aber er kriegt auch in einem Satz den Bogen von The Velvet Underground zu KC & The Sunshine Band, erzählt Wissenswertes über die Atemtechnik von Diana Ross und Impotenzmetaphern bei Blind Willie McTell und Randy Newman. Und er hat Soul genug, um eine O.V.-Wright-Spur im sonic space der Talking Heads zu wittern. Diesen sonic space hat nicht Byrne erfunden, er ist das Resultat einer Gruppenarbeit: »You can feel the bass player’s feet on the floor«, schreibt Lethem. Bass player ist Tina Weymouth, deren Anteil am sonic space der Talking Heads hier zu kurz kommt, zumal sie mit ihrem Nebenprojekt ein paar Beiträge zum sonic space HipHop NYC geleistet hat, um die David Byrne sie beneiden müsste.

Es war ihr Tom Tom Club, der den »Genius Of Love« in die Welt gesetzt hat, und mit »Wordy Rappinghood« die Mutter aller Schreibmaschinen-Sample-Hits. Der Name der Band war Talking Heads, nicht David Byrne Band. Das verliert Lethem manchmal aus dem Blick. Dann wieder erkennt er beim noch jungen Sänger der Talking Heads die kommenden Probleme des gereiften Solokünstlers David Byrne. »Once in a while, the singer’s psycho-killer-one-man-theater makes too much a cartoon …«

Mit Romanen wie “Motherless Brooklyn”, "Festung der Einsamkeit" und zuletzt "Garten der Dissidenten" avancierte der 1964 in Brooklyn geborene Jonathan Lethem zu einem der meist gefeierten Autoren seiner Generation. Wie viele seiner Kollegen dieser Altersgruppe ist Lethem ein Kind der Popkultur. Er gilt als großer Kenner der Songs von Bob Dylan, in "Festung der Einsamkeit" verarbeitet er die Lebensgeschichte des Soul-Sängers Marvin Gaye. Erstmals in deutscher Sprache erscheint jetzt "Talking Heads - Fear Of Music. Ein Album Anstelle Meines Kopfes". Lethems Groß-Essay über das bahnbrechende Album der New Yorker Band wurde in den USA in der renommierten Reihe „33 1/3“ veröffentlicht. Darin beschäftigt sich ein Autor bzw. eine Autorin jeweils mit einem bedeutenden Album der Pop-Geschichte. „A brilliant series, each one a real work of love“, meinte der britische New Music Express.

„Fear Of Music – ein Album anstelle meines Kopfes“ – in zwei Teilen bei WAS IST MUSIK, Jonathan Lethem im Interview mit Julian Weber. Die erste Folge lief am 3. August, Freunde von ByteFM können die Sendung im Archiv nachhören.

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Playlist

1.  Randy Newman / Burn On
Sail Away / Reprise
2.  Talking Heads / Life During Wartime
Fear Of Music / Sire
3.  O.V. Wright / A Nickel And A Nail
Gone For Good / Charly
4.  Talking Heads / Memories Can’t Wait
Fear Of Music / Sire
5.  David Byrne & Brian Eno / The Jezebel Spirit
My Life In The Bush Of Ghosts / Sire
6.  Tom Tom Club / Genius Of Love
Tom Tom Club / Island
7.  Talking Heads / Air
Fear Of Music / Sire
8.  Funkadelic / Who Says A Funk Band Can’t Play Rock?
One Nation Under A Groove / WB
9.  Talking Heads / Drugs
Fear Of Music / Sire