Thom Yorke wird 50: seine sechs besten Gastauftritte

Zum 50. Geburtstag von Thom Yorke

Thom Yorke (Foto: By Henry Laurisch, CC BY-SA 3.0, from Wikimedia Commons)

Nur wenige Stimmen haben die Musik der letzten dreißig Jahre so geprägt wie das Falsett von Thom Yorke. Eine Stimme, die messerscharf und butterweich zugleich klingen kann. Eine Stimme, deren Einfluss sowohl auf Indie-KünstlerInnen wie Grizzly Bear, Cat Power oder Moses Sumney als auch auf Pop-Charts dominierende Stadion-Giganten wie Coldplay oder Muse unermesslich ist. Der Mann hinter dieser Stimme wird am 7. Oktober 2018 ein halbes Jahrhundert alt.

1986 war der Gesang von Thom Yorke erstmals öffentlich zu hören, beim ersten Konzert in der Oxforder Jericho Tavern seiner Band On A Friday, die sich, inspiriert von einem Talking-Heads-Song, kurz darauf in Radiohead umbenannte. Über die außerordentliche Qualität von Radiohead sowie des Yorkeschen Solowerks muss man im Jahr 2018 wahrscheinlich nicht mehr so viel schreiben. Doch auch als Gastmusiker hat Yorke viele Songs mit seinem himmelhohen Organ veredelt. Hier sind sechs Songs, in denen Thom Yorkes Stimme bei anderen Künstlerinnen und Künstlern zu hören war.

Unkle – „Rabbit In Your Headlights“ (1998)

Im Jahr 1997 veröffentlichten Radiohead „OK Computer“, ein Album, das mit seinem zukunftsweisendem Sound einen Schlussstrich unter den kreativ ausgebluteten Britpop setzte. Ein Jahr später veröffentlichten der Turntablism-Pionier DJ Shadow und der Mo‘Wax-Gründer James Lavelle unter dem Namen Unkle mit „Psyence Fiction“ eine ähnlich futuristisch-dystopische Platte. Für das Debüt ihres Projekts hatte sich das Duo einiges an Prominenz eingeladen – sowohl Thom Yorke, als auch Britpop-Stars wie Richard Ashcroft (The Verve) und Ian Brown (The Stone Roses). Es scheint bezeichnend, dass Yorkes Song um einiges besser ist als die der alten Brigade: „Rabbit In Your Headlights“ ist eine Trip-Hop-Ballade von beunruhigender Schönheit. Die Musik, mit ihren schweren Klavierakkorden, Dub-Basslines und Jazz-Drums, klingt wie ein Albtraum aus der Zukunft. Und über allem spukt Yorkes Stimme, die mit zittriger Intensität Textzeilen singt, wie nur Yorke sie schreiben kann: „Fat bloody fingers are sucking your soul away.“

PJ Harvey – „This Mess We‘re In“ (2000)

Nach einem Jahrzehnt voller dreckiger und düsterer Alben wollte Polly Jean Harvey im Jahr 2000 ein Album voller Schönheit schreiben. Das Ergebnis „Stories From The City, Stories From The Sea“ wird diesem Anspruch absolut gerecht. Einer der Höhepunkte der Schönheit: „This Mess We‘re In“. „Ich war schon lange von der Idee besessen, dass jemand anderes einen Song auf einem meiner Alben singt“, sagte Harvey einst in einem Interview, „es bringt so viel Dynamik auf ein Album, wenn ein neuer Charakter auftritt.“ Genau diesen Charakter fand sie in Thom Yorke: Seine Kopfstimme ist der perfekte Gegenpol zu ihrem dunklen Organ. „This Mess We‘re In“ wirkt wie ein Update auf alte Duette à la Nancy Sinatra und Lee Hazlewood, nur mit getauschten Gendern: Yorke singt die hohen Parts mit schwereloser Grazie, während Harvey die Tiefen erdet. Gemeinsam umgarnen sie sich wie zwei zum Scheitern verurteilte Liebende, fernab von Geschlechtergrenzen, Raum und Zeit.

Sparklehorse – „Wish You Were Here“ (2005)

Sparklehorse‘ fragiles Pink-Floyd-Cover „Wish You Were Here“ wäre auch ohne Thom Yorke ein berührendes und bedrückendes Stück Outsider-Musik – speziell, da es nach dem Selbstmord von Sparklehorse-Mastermind Mark Linkous im Jahr 2010 noch einiges an Gewicht gewonnen hat. „Wish You Were Here“ ist kein klassisches Duett, Yorkes Stimme taucht gerade zwei- oder drei Mal auf. Sein Gesangspart wurde in bester LoFi-Manier direkt durchs Telefon aufgenommen. Doch wenn Yorkes Falsett für ein paar Sekunden Linkous‘ flehenden Refrain in die Arme nimmt, als würde er aus weiter Ferne einen verzweifelten Freund durchs Telefon besänftigen, dann ist das einfach zum Heulen schön.

Flying Lotus – „And The World Laughes With You“ (2010)

Yorkes Beitrag zu „Wish You Were Here“ zeigt, das seine Stimme auch wunderbar als wortloses Instrument funktioniert. Flying Lotus, der Beat-Exzentriker aus Los Angeles, trieb genau diesen Aspekt auf seinem gehirnverknotendem Opus Magnum „Cosmogramma“ auf die Spitze: Zu Beginn von „… And The World Laughes With You“ singt sein Special Guest noch eine relativ konventionelle Strophe, umrahmt von knisternder Elektronik. Doch im Verlauf des Songs zerlegt Flying Lotus Yorkes Stimme in seine Einzelteile – und jedes Murmeln, Stottern und Zischen wird zu Musik. Dabei zeigt er eindrucksvoll die ganze Bandbreite einer der vielfältigsten Stimmen dieser Zeit – und das in weniger als drei Minuten.

Modeselektor – „Shipwreck“ (2011)

Thom Yorke hat noch nie einen Hehl aus seiner Liebe für Club-Musik gemacht. Sein letztes offizielles Soloalbum „Tomorrow‘s Modern Boxes“ war voll von pulsierenden UK-Bass-Sounds und auch Radiohead flirteten oft mit dem Dancefloor. In Interviews offenbarte er seine Verehrung für Modeselektor. Das Electronica-Duo aus Berlin lud ihren prominenten Verehrer bereits im Jahr 2005 auf ihr Album „Happy Birthday!“ ein, doch ihre möglicherweise beste Zusammenarbeit findet sich auf dem 2011er Nachfolger „Monkeytown“: „Shipwreck“ vereint einen ins Mark gehenden Four-To-The-Floor-Puls mit Electronica-Synths und stolpernden Beats. Ein dichtes, melancholisches Klangbett, über das Yorkes Gesang sich ausbreiten kann. Seine Stimme klingt kratziger als gewohnt, aufgeladen mit nervöser Energie. Ein perfekter Soundtrack für den paranoiden Come-Down um 6 Uhr morgens.

Thom Yorke – „Has Ended“ (2018)

Die neueste Kollaboration von Thom Yorke ist noch gar nicht erschienen – doch zählt bereits zu seinen wichtigsten. Am 26. Oktober erscheint das Horrorfilm-Remake „Suspiria“ in den US-amerikanischen Kinos, gedreht von Luca Guadagnino, der letztes Jahr mit „Call Me By Your Name“ für Furore sorgte. „Suspiria“, ein Remake des gleichnamigen Horrorfilms aus dem Jahr 1979, wird der erste Film sein, für den Yorke einen kompletten Soundtrack komponiert hat. Zwei Auszüge teilte er bereits mit der Öffentlichkeit – und im Vergleich zu der experimentellen Neoklassik, die sein Radiohead-Kollege Johnny Greenwood für Filme komponiert, kann man hier wirklich von „Songs“ sprechen. Mit dem ersten Vorgeschmack, der Piano-Ballade „Suspirium“, bewegte er sich noch im Terrain, das er bereits mit seinen Soloplatten und Radiohead-Songs abgesteckt hatte. Doch am 3. Oktober 2018 veröffentlichte Yorke „Has Ended“, ein kriechendes Stück Art-Pop, das mit seinen gemein stolpernden Drums, seinen flirrenden Drones und seinem eng verschlungenen Harmoniegesang eine große Weiterentwicklung für den Komponisten andeutet. Wie gut sich diese wundervolle und angsteinflößende Musik mit Guadagninos Horror-Vision ergänzen wird, wird sich zeigen. Doch an sich selbst gemessen ist „Has Ended“ einer der Höhepunkte der Laufbahn von Thom Yorke.

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