UK-Jazz: Umsturz auf dem Dancefloor

Foto von Kokoroko

Kokoroko sind eine der vielen jungen Bands, die aktuell in Londons Jazz-Szene für Furore sorgen

Schwitzende junge Leute auf dem Dancefloor des Boiler Room in London, doch es ist kein Rave und keine HipHop-Show – auf der Bühne stehen Jazz-Saxofonistin Nubya Garcia und ihre Band Maisha. Jazz gehört nicht mehr bärtigen Pfeifenrauchern und Muckertypen.

Die Kids in London hören den Schuss oft früher als alle anderen. In der Stadt, die Reggae nach Europa brachte, die Punk und Grime gebar und Tanzmusik mehr als einmal revolutioniert hat, ist das heiße Ding seit einer Weile verwunderlichermaßen Jazz. Gute Voraussetzungen für einen gestandenen Trend – er erwischt Dich kalt und noch dazu auf dem falschen Fuß, sodass Du Dir erst einmal das Tanzbein verknackst. Wenn Du Dich, durch den Gips bewegungseingeschränkt, durch den Backkatalog der AkteurInnen hörst, merkst Du: Aus heiterem Himmel kam der Trend gar nicht.

Was wir gerade im gefühlten Zweiwochentakt von Labels wie Brownswood, Jazz Re:Freshed und 22a Records entgegengeschleudert bekommen, ist der Fallout der Kollision verschiedener Traditionslinien. „UK Jazz Blows Up“ titelte jüngst das Magazin Mojo – und es besteht die Hoffnung, dass es sich hierbei um einen Urknall handelt. Denn anders als bei Acid Jazz ist dieses neue London-Ding beileibe kein Retro-Trend.

Neuer Jazz statt NuJazz

Dass eine musikalische Mode nicht rückwärtsgewandt sei, konnte man nach der Erfindung von Jungle nur noch selten behaupten. Doch was hier passiert, ist anders. Es weiß, woher es kommt, aber es drängt nach vorne.

Es ist ein London-Ding. Zwar machte der Erfolg Kamasi Washingtons deutlich, dass es ein junges, hippes Publikum für Jazz gibt, aber wo das Projekt des US-Amerikaners historisierend und orchestral überbordend afroamerikanische Musiktraditionen nebeneinander stellt, verarbeiten die kleineren Bands aus London ihren Alltag. KünstlerInnen wie Nubya Garcia, Kamaal Williams und Schlagzeuger Femi Kolioso (Ezra Collective) sind nicht nur Teil einer persönlich eng verwobenen Szene, sie haben auch einen anderen Modus Operandi als Jazz-TraditionalistInnen: Sie verarbeiten die Musik, die sie umgibt.

Und was in Südlondon alltäglich aus öffentlichen Lautsprechern und elterlichen Stereoanlagen kommt, ist nicht Helene Fischer, sondern Reggae, Dancehall, Afrobeat, Calypso oder HipHop. Kolioso verneigt sich nicht nur vor Art Blakey, sondern auch vor Skepta. Die Einflüsse sind prinzipiell dieselben wie bei Grime oder Jungle. Hypothetisch hätte sich der Soundtrack von Südlondons Straßen schon seit 30 Jahren in Jazzform manifestieren können. Hat er aber nicht. Aus Gründen.

Wieso erst jetzt?

Um es kurz zu machen: Der Markt war’s. Kunst kostet – ohne staatliche Förderung kein Opernhaus –, Kunst und ihre Produktion gehorchen keinen Marktgesetzen. Menschen, die Kunst machen aber sehr wohl. Während Jungle aus einer bereits bestehenden Soundsystem-Kultur entstand und Grime das Produkt erschwinglicher digitaler Produktionsmittel war und mit wenigen Beteiligten und einem Laptop auskam, war in der Jazz-Szene lange kein Platz für Genre-Hopping.

Undenkbar wäre, was die Musikpresse heute als Jazz-Explosion feiert, ohne den Jazz-Jugendclub Tomorrow’s Warriors, der 1991 gegründet wurde und heutige Stars wie Shabaka Hutchings, Theon Cross, Moses Boyd, Nubya Garcia und Yazz Ahmed hervorbrachte. Als Mitbegründer Gary Crosby seine Karriere als Jazz-Bassist begann, war die Szene vor allem männlich und weiß, weshalb für Tomorrow’s Warriors die Förderung von Mädchen und Kindern mit afrikanischem Hintergrund prioritär wurde. 2012 kam als Knotenpunkt der erwachsen werdenden Szene das „Total Refreshment Centre“ mit Studios, Bühne und Proberäumen hinzu – die Szene wuchs und ihr Sound war frisch. Gefördert durch diesen Freiraum entstand Jazz, der nach Londons Straßen und Clubs klingt. The Comet Is Coming etwa zehren gleichermaßen von elektronischer Tanzmusik und Jazz und ist letztlich nichts von beidem – noch besser.

A Certain Mr. Peterson

Gilles Peterson hilft. Wenn Jazz irgendwie interessant ist, hat der BBC-DJ die Platte in der Tasche oder bringt sie selbst heraus. Auf seinem Label Brownswood Recordings erschien unter anderem Musik von Sängerin Zara McFarlane, der erstaunlich freshen Fusion-Supergroup Maisha, den äußerst tanzbaren, von Afrobeat beeinflussten bläserzentrierten Kokoroko (von denen man noch mehr hören sollte, da die Gruppe bereits vor dem ersten Album hoch gehandelt wird) und der Sampler „We Out Here“. Ein hervorragender Überblick darüber, was in der britischen Hauptstadt brodelt.

Südlondon-Funk und Abbey-Road-Sessions

Die Förderung muss nicht von arrivierten Radiomoderatoren mit sicherem Gespür stammen. Das kleine Label 22a Records aus Peckham in Südostlondon zeigt sich ein wenig verschrobener als Brownswood, hat aber einige der spannendsten Veröffentlichungen der Szene zu verantworten. Tenderlonious etwa, dessen Querflöte mehr Funk hat, als das Instrument hergeben sollte oder zuletzt Ruby Rushton, deren im April 2019 erschienenes Album „Ironside“ in zwei Sessions in den Abbey-Road-Studios entstand. 22a erfüllt sich offenbar größere Träume, als man bei den ersten, tollen, aber kauzigen Lo-Fi-Funk-Veröffentlichungen hätte denken mögen.

Was London seit 1991 geschafft hat, ist die Geburt einer Jazz-Szene, die nicht von Pfeifenrauch, Männerschweiß, von hohen Nasen und wohlhabenden weißen Geschmäcklern unattraktiv gehalten wird. Jazz ist nicht länger im Alleinbesitz von Akademie und Avantgarde: Die neu entstandene, bisweilen familiäre Community erzählt musikalisch von ihrem Hintergrund und aus einem Alltag, den die Kids verstehen. Und zwar auf dem Dancefloor.

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