Zehn Fragen an: Vanessa Wohlrath (Hertzflimmern)

Foto von Vanessa Wohlrath

Vanessa Wohlrath

„Keepin’ it surreal, not sugar-free“ – dieses Zitat des US-Musikers Frank Ocean steht quasi Pate für Hertzflimmern. Die Sendung, in der Vanessa Wohlrath seit dem Juli 2011 alle zwei Wochen Smoothes, Elektronisches und Zartes kredenzt und dabei stets Platz für einen Robyn-Song in der Playlist hat. Wir haben mit der langjährigen ByteFM Moderatorin über Lieblingsgäste, die skandinavische Musikszene und die Lust am Radiomachen gesprochen.

Liebe Vanessa, wie bist Du zu ByteFM gekommen? Seit wann bist Du schon dabei?

Das war Ende 2010. Ich war noch nicht so lange in Hamburg, befand mich mitten in meinem Studium und war ein bisschen orientierungslos. Eigentlich wollte ich immer schon etwas mit Musik machen. Die Frage war nur: was? Auf die Idee beim Radio anzuheuern, brachte mich erst eine Freundin, die beim Hochschulradio in Bielefeld ein Praktikum gemacht hatte. Sie erzählte mir von der redaktionellen Arbeit, spielte mir ihre Beiträge vor. Das fand ich ziemlich spannend. Danach ging ich direkt auf die Suche nach einem geeigneten Sender, hatte aber keine Lust auf Formatradio.

Was machst Du, wenn Du nicht bei ByteFM moderierst?

Momentan kann ich mir kaum etwas anderes vorstellen als Radio zu machen. Das beinhaltet das on-air-Programm genauso wie die ganze Arbeit drumherum; die redaktionelle Betreuung, Online-Auftritt, Beiträge skripten, Interviews führen. Bei ByteFM mache ich das teilweise in meiner Rolle als Chefin vom Dienst (CvD) und als Moderatorin, ich bin aber auch für Sender wie NDR Kultur, und immer mal wieder für Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur tätig. Ab und an schreibe ich für das Missy Magazine und die taz.

Vor Kurzem warst Du mehrere Wochen in Kopenhagen unterwegs. Sowohl in Deiner Sendung Hertzflimmern als auch in Deiner Arbeit als freie Journalistin scheint Dir die skandinavische Musikszene sehr am Herzen zu liegen. Was macht sie so spannend für Dich?

Da spielt vieles mit hinein. Von außen betrachtet wirkt die aktuelle skandinavische Musikszene (wenn man sie denn so zusammenfassen kann) auf den ersten Blick relativ homogen. Zurzeit setzen sich viele smoothe R&B-Sounds durch, aber auch viel Elektronisches. Die Kreativszene bzw. der Kulturbereich in Skandinavien wird staatlich gefördert, darum fällt vielen Newcomer*innen der Einstieg ins Geschäft leichter. Das heißt, wir haben einen riesigen Pool an Musiker*innen und Bands, die häufig aber recht ähnlich klingen.
Auf den zweiten Blick jedoch wird auch viel experimentiert und gewagt. Schauen wir uns beispielsweise The Knife oder Robyn an. Das sind Bands und Künstler*innen, die ganz früh die Möglichkeiten des digitalen Umschwungs um 2000 herum genutzt und ihre Musik selbst produziert haben, in ihren Schlafzimmern. Dann ging es direkt raus damit ins Internet, wo jede*r Zugriff darauf hatte. Und so haben es schließlich Tracks in unsere Playlisten geschafft, die das ohne diesen Wandel vielleicht kaum getan hätten, weil sie wahrscheinlich von irgendwelchen Zwischeninstanzen blank geputzt oder abgelehnt worden wären. Diesen Do-It-Yourself-Spirit bringen immer noch viele Acts aus Skandinavien mit, weswegen sie meines Erachtens nach auch international so gut ankommen.

Neben Hertzflimmern moderierst Du auch das ByteFM Magazin, in dem Du regelmäßig KünstlerInnen aus aller Welt interviewst. Was war Deine schönste bzw. einprägsamste Begegnung?

Das ist gar nicht so einfach. Sehr gefreut habe ich mich natürlich über den Besuch von Little Dragon vor zwei Jahren, auch St. Vincent habe ich mal interviewt. Das war ganz zu Anfang meiner Zeit bei ByteFM, als ich noch gar nicht das ByteFM Magazin moderiert habe, und ziemlich beeindruckend! Aber besonders berührt hat mich der Besuch von Robert Forster (ehemals The Go-Betweens). Er hatte gerade sein Buch „Grant & I“ veröffentlicht und war damit auf Lesereise. Mir war zum Zeitpunkt des Interviews gar nicht bewusst, dass er so gut Deutsch spricht, und hatte alles auf Englisch vorbereitet. Letztendlich unterhielten wir uns nur auf Deutsch und er spielte noch einen Song live. Das ist schon sehr besonders: Mit jemandem wie Robert Forster, der bereits mit Nick Cave auf der Bühne stand und mit Orange Juice in Schottland abhing, allein in einem Raum zu sitzen und ein Live-Stück vorgespielt zu bekommen!

Neben Deiner Arbeit im Radio bist Du auch als Autorin aktiv. Was ist Dir lieber: das gesprochene oder das geschriebene Wort?

Beides hat seinen Reiz. Mittlerweile würde ich aber schon sagen: das gesprochene Wort. Da über die Stimme so viele Emotionen vermittelt werden – von lebhaft bis tiefenentspannt, ernst bis heiter. Im besten Fall kann das berühren, im schlimmsten Fall schaltet man direkt ab. Die richtige Stimmlage, der passende Tonfall sind beim Radio enorm wichtig. Dadurch können Inhalte noch besser vermittelt werden. Ich persönlich höre gerne zu und lasse mir etwas erzählen. Das kommt bei mir als Rezipientin häufig besser an, als wenn ich selbst lese.

In Zeiten von Algorithmen und automatisierten Playlisten: Wie definierst Du ganz persönlich Deine Rolle als Moderatorin? Welchen Stellenwert hat moderiertes Radio für Dich?

Musik zu streamen und sich Playlisten generieren zu lassen, ist die eine Sache. Kann Spaß machen und nutze ich auch recht oft. Was ich aber noch viel spannender finde, ist zu verstehen, wer oder was hinter diesen Musikprojekten, hinter diesen Songs und Alben überhaupt steht. Mit welchen Tricks hat Phil Spector gearbeitet, um den Righteous Brothers einen Hit zu bescheren? Will Smith hat für „Miami“ The Whisperers gesamplet? Und Neneh Cherry zog von Stockholm nach London, um mit The Slits auf der Bühne Punk zu machen? Das alles sind Infos, die uns Streamingdienste nicht mitliefern – aber das Radio. Als Moderatorin eines Musikradiosenders liegt es mir am Herzen, solche Informationen weiterzugeben, eher weniger bekannte Musikacts zu fördern – und nicht zuletzt zu unterhalten.

Hast Du eine Lieblingsausgabe von Hertzflimmern bzw. eine Sendung, die Dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Monothematische Sendungsausgaben wie die zu Karen Dalton oder auch solche, in denen ich mit Künstler*innen, wie Jenny Hval, Angel Olsen oder Let’s Eat Grandma gesprochen habe.

Was war das schönste Kompliment einer Hörerin oder eines Hörers?

„Deine Stimme klingt so angenehm unaufgeregt.“

Hast Du eine Lieblingssendung bei ByteFM bzw. eine Empfehlung?

Meine Empfehlung: New School mit Paula Steinbauer. Tune in!

Was wünschst Du Dir für die Zukunft, für Dich und ByteFM?

Noch viel Freshness – und dass ByteFM seinen Idealen treu bleibt, als fester Bestandteil der aktuellen Radiolandschaft.

Hertzflimmern mit Vanessa Wohlrath hört Ihr alle zwei Wochen freitags um 21 Uhr auf ByteFM.

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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