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Was ist Musik From Estonia with love – die verschlungenen Weg von Inga Copeland und Maria Minerva

ByteFM: Was ist Musik vom 01.06.2014

Ausgabe vom 01.06.2014: From Estonia with love – die verschlungenen Weg von Inga Copeland und Maria Minerva

Atemporalität, Nomadentum, Mehrsprachigkeit – diese Parameter bestimmen heute den postanalogen, postlinearen state of mind vieler Künstlerinnen. Zwei davon haben ihre Jugend in Estland verbracht und bringen dieser Tage neue Alben raus: Inga Copeland und Maria Minerva.

Der folgende Text ist eine extendend version eines Artikels aus der Ausgabe der Jungle World vom 28.5.


„Man muß die Kultur beim Wort nehmen, so wie sie uns in ihr Wort nimmt, in ihre Sprache. Ihr versteht, warum ich meine, daß eine politische Reflexion nicht ohne eine Reflexion der Sprache stattfinden kann, nicht ohne eine Beschäftigung mit der Sprache. Von Anfang an wird man in die Sprache hineingeboren und die Sprache spricht (zu) uns, die Sprache diktiert uns ihr Gesetz, das ein Gesetz des Todes ist: sie diktiert uns ihr Familienmodell, sie diktiert uns ihr Ehemodell.“ (Hélène Cixious, Die unendliche Zirkulation des Begehrens, 1977)

„Cabaret Cixious“ ist der Titel des vor drei Jahren erschienen Debüt-Albums der 1988 im estnischen Talinn als Maria Juur geborenen Künstlerin, die sich Maria Minerva nennt und nach den Stationen Lissabon und London gerade ihren Umzug von Brooklyn nach Los Angeles vorbereitet. Cixious im Albumtitel steht für Hélène Cixious, die 1977 als Schriftstellerin und Professorin in Paris lebte, so steht es im oben zitierten Merve-Band. Dank Merve wird die Arbeit der poststrukturalistisch orientierten Feministin auch in der BRD rezipiert. Das Cabaret im Albumtitel steht für Cabaret Voltaire, die Electro-Industrial-Band aus der (damals noch) Stahlstadt Sheffield, die sich Ende der Siebziger ihrerseits nach dem Zürcher Cabaret Voltaire benannte, der Brutstätte des Dadaismus.
Für das Debüt einer Dreiundzwanzigjährigen legt der Titel also schon mal reichlich Fährten. Drei Jahre später bestätigt Maria Minerva im Skype-Interview, dass bis heute kaum eine Woche vergeht, in der sie nicht Cabaret Voltaire hört, oder Chris & Cosey. Und dass sie sich als Feministin in der Tradition von Hélène Cixious sieht, aber auch ganz lebenspraktisch: „Ich habe gerade Probleme mit meinem Fahrlehrer, einer dieser amerikanischen Machos, er macht mich irre, wenn er versucht mich zu dominieren beim Fahren. Oder die Soundtypen bei einer Show, die fragen immer nur die Männer. Ich praktiziere eine Art optimistischen Feminismus, gehe also erstmal davon aus, dass die Leute auf meiner Seite stehen, um dann häufig feststellen zu müssen, dass sie das nicht tun.“
Maria Minerva beruft sich auf Quellen, die ein knappes Jahrzehnt vor ihrer Geburt auf dem Höhepunkt ihrer Strahlkraft und der öffentlichen Aufmerksamkeit waren – in einem Westen, der von ihrer Heimat durch einen Eisernen Vorhang getrennt war. Auf der Zeitachse ist das ungefähr so, als hätten die Beatles 1966 die Namen von, sagen wir, Bessie Smith, Benny Goodman und Sigmund Freud gedroppt. „Die Musik von Cabaret Voltaire und Chris & Cosey war ihrer Zeit einfach weit voraus“, antwortet Minerva auf die Frage, ob es nicht komisch sei, 2014 Musik zu hören, die lange vor der eigenen Geburt entstanden ist. Da hat sie Recht, komisch kann das nur jemandem vorkommen, dessen Leben nicht von den Parametern Atemporalität, Nomadentum und Mehrsprachigkeit geprägt ist. Diese Prägungen teilt Maria Minerva mit so unterschiedlichen Künstlerinnen wie Björk und Fatima Al Qadiri, die aus dem Außen der Pop-Weltordnung kommend (Island, Senegal/Kuwait) in dieser buchstäblich neue Positionen eigenommen haben, ihren Standortnachteil also in einen Vorteil konvertieren konnten. Wobei Estland noch mal ein besonderes Außen darstellt, wie Minerva erzählt, als ich sie mit der SPEX-Lesart ihrer Musik konfrontiere: „Manch schäbigen und schmierigen Sound darf man als Zeichen eines verbrämten Essenzialismus lesen, der unsere Stereotypen vom wilden Osten adressiert.“
So Aram Lintzel in seiner Besprechung des neuen Albums „Histrionic“. „Das klingt gut“, sagt Minerva, die sich ja auf die explizit anti-essenzialistische Theorie einer Hélène Cixious bezieht. „Aber um ehrlich zu sein ist Estland alles andere als wild. Statistisch ist es das am weitesten entwickelte Land des ehemaligen Ostblocks. Für mich ist das kein wilder Osten, als ich aufgewachsen bin war es ein freies Land und die üble Zeit in den Neunzigern mit der Mafia habe ich nicht bewußt erlebt. Für mich ist Estland auch nicht so sehr Osten, unsere Sprache hat nichts mit den slawischen gemeinsam sondern viel mehr mit dem Finnischen. Wir haben uns immer mehr an den USA orientiert oder an Deutschland.“ Auch Deutsch hat sie gelernt, will es aber nicht mehr sprechen. Mit „Hingede öö“ gibt es auf „Histrionic“ einen Track in estnischer Sprache, es ist der Titel eines Romans von Karl Ristikivi, der Titel bedeutet so viel wie „Nacht der Seelen“. Auch wenn man das weiß verfliegen die Worte, nie fügen sie sich zu einem dechiffrierbaren Sinn zusammen, vielmehr entsteht ein flirrender vokal-oraler Sog aus übereinander geschichteten, einander ins Wort fallenden Minervas, nach eineinhalb Minuten kommen Stimmen dazu, die man im afroamerikanisch-männlichen HipHop verorten möchte, es entstehen Fliehkräfte wie einst bei den rasenden Zentrifugen auf dem Rummelplatz, der Kopf schwirrt, angenehm. Von Song zu Song setzt Minerva ihre Stimme anders ein, mal klar und weit vorn im Mix, mal verhuscht, versteckt hinter einem Vorhang, dann wieder ist sie die multiple Maria. Was ist ihr Konzept der Stimme? Signatur der Seele oder ein weiteres Instrument?
„Beides. Wenn ich einen Track mache, habe ich eine Vision wie sie klingen sollte, diesmal wollte ich meine Singstimme in den Vordergrund stellen, von den hazy vocals habe ich schon genug gemacht.“ Benebelt, diesig, dunstig, unscharf, verschleiert…bietet der Dictionary als Übersetzung von hazy an. Diese Adjektive treffen zu auf die Beschaffenheit und Gestaltung von Stimmen im allergrößten Teil der interessanteren Pop-Musik der letzten Jahre, mal willkürlich angefangen mit dem ersten Album von Burial, 2006 war das. Die Hazyfizierung der Stimmen war das Resultat einer verbreiteten Skepsis gegenüber identitären Subjektkonstruktionen, die vor allem die Rockmusik über Jahrzehnte dominierten, exemplarisch verkörpert von der immer lächerlicher wirkenden Figur des sogenannten Frontmanns, der aus dem Grunde seines Herzens und aus den Tiefen seiner Hose herausschreit, was mit ihm los ist: „I´m a man, and I can´t help but love you so“, oder, die sentimentale Variante: „I´m a man of constant sorrow“. Mann & Frau & XXX muss keinen Poststrukturalismus studiert haben, um die hier lauernden Essenzialismen unterlaufen zu wollen, so weit waren Velvet Underground schon vor 48 Jahren. Wenn allerdings Maria Minerva findet, sie habe schon genug hazy vocals gemacht, dann gilt diese Beobachtung möglicherweise nicht nur für sie, sondern, gewissermaßen pars pro toto, für ihre Peers aus dem weiten Feld zwischen Hauntologie & Hypnagogie. Wenn hazy vocals state of the art sind, dann ist es vielleicht Zeit, (m)eine Singstimme in den Vordergrund zu stellen (lustigerweise ist ja die Stimme, auf die sich im Moment alle einigen, eine, die sowas von maskulin-identitär in your face knallt, dass es nur so kracht: Jason Williamson, der nicht mehr so junge angry young man der Sleaford Mods).
Groß ist die Versuchung, Maria Minervas Schritt hin zur Singstimme kurz zu schließen mit biografischen Veränderungen, die sie gerade erlebt: von der dauerreisenden Tourmusikerin ohne festen Freund & Wohnsitz zur seßhaften New Yorkerin. „Ich bin zu einer Person geworden in den letzten zwei Jahren in NY, zu einem sozialen Wesen. Ich hatte vier chaotische Jahre und jetzt will ich mich niederlassen. Ich habe einen Boyfriend, was früher nicht ging, weil ich immer unterwegs war. Ich weiß was ich will, anstatt immer die Aufmerksamkeit anderer zu suchen, wie es histrionic Frauen tun.“ Der Albumtitel „Histrionic“ steht für theatralisch oder pathetisch, für Minerva „markiert er eine Generation von - nicht nur – Frauen, die so behütet waren, die keine Katastrophen erlebt haben. Sie suchen Aufmerksamkeit und Bestätigung von anderen, viele können nicht allein sein. Ich habe erst später festgestellt, dass Dean Blunt sein Album `The Narcissist´ genannt hat. Narzissmus bezieht sich mehr auf Männer, komisch, dass wir beide fast gleichzeitig Platten rausbringen, die von zu viel Ichbezogenheit handeln.“
Wie Blunts „Narcissist“ hat Minervas „Histrionic“ eine so reizvolle wie rätselhafte Flüchtigkeit, Vagheit, Ungreifbarkeit. Schlieren, Schleier, Schleifen. Woher kommt diese Musik? Da sind wir wieder bei den Parametern von Minervas globalisierter Existenz: Atemporalität, Nomadentum, Mehrsprachigkeit. Das auffälligste Sample des Albums stammt aus „Just be good to me“, dem ganz und gar unfeministischen Hit der S.O.S Band von 1983. Warum verwendet sie einen Song, der fünf Jahre vor ihrer Geburt erschienen ist,
auf so markante Weise in dem Track „Spirit of the underground“?
“Oh, du bist der erste, der das erkannt hat, ich habe die ganze Zeit drauf gewartet, dass das jemand anspricht. S.O.S. Band, die haben´s einfach drauf, ich habe dieses Lied mein ganzes Leben lang gehört. Ich kenne es aus der Plattensammlung meines Vaters. Er hatte noch zu Sowjet-Zeiten eine riesige Plattensammlung, das Vinyl hatte er sich auf verschlungenen Wegen besorgt, schon in den 70ern in einem kleinen Ort in Estland. Er war Comedian beim Radio, inzwischen hat er zwei Fernsehshows. Er bekam jede Woche zehn CDs zugeschickt und wir haben sie zusammen gehört. Letztes Jahr habe ich „Just be good to me“ bei einem Freund im Autoradio gehört, ein Sender mit altem Funk und Soul und ich sagte, das muss ich unbedingt samplen.“
Hörst Du keine aktuelle Musik?
„Gerade Schoolboy Q, ich suche mir immer ein Album. das höre ich die ganze Zeit, vor Schoolboy Q hörte ich Paula Abduls Greatest Hits.“
Maria Minerva, 1988 in Talinn geboren, hört 2014 in Brooklyn den Rapper Schoolboy Q, 1986 in Wiesbaden geboren, als Sohn eines GI´s. Und hört 2014 Paula Abdul. Wenn man Abdul Ende der Achtziger erlebt hat, dann wüßte man zu gern, was Maria Minerva da heute hört, ob sie der temporären Ersatz-Madonna mit ihrem trashigen Stretch-Mini-Look Qualitäten abgewinnt, die wir – Ungnade der frühen Geburt – gar nicht hören können? Atemporalität - die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen im Zeitalter der offenen Archive -
um Minervas Musik zu erfassen, muss man diesen postanalogen, postlinearen state of mind kapieren. Hélène Cixious wußte das. „Man muß die Kultur beim Wort nehmen.“

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Playlist

1.  Maria Minerva / The Beginning
Histrionic / Not Not Fun
2.  Inga Copeland / Fit 1
Because I´m worth it / Copeland
3.  Maria Minerva / Ivory Tower
Histrionic / Not Not Fun
4.  Maria Minerva / Spirit Of The Underground
Histrionic / Not Not Fun
5.  S.O.S. Band / Just be good to me
Just be good to me / CBS
6.  Dean Blunt / Narcissist (Ft. Inga Copeland)
Narcissist / Hippos In Tank
7.  Inga Copeland / Inga
Because I´m worth it / Copeland
8.  Inga Copeland / Faith O G X
Because I´m worth it / Copeland
9.  Inga Copeland / Advice for young girl (Ft.Actress)
Because I´m worth it / Copeland
10.  Maria Minerva / Wolves and lambs
Histrionic / Not Not Fun
11.  Chris & Cosey / Morning
Techno Primitiv / Mute