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Kramladen Tambourine Man

ByteFM: Kramladen vom 23.04.2015

Ausgabe vom 23.04.2015: Tambourine Man

„Hey, Mister Tambourine Man, play a song for me, in the jingle jangle morning I’ll come following you.“ Das sind zwei der berühmtesten Refrainzeilen der Popgeschichte, die im Grunde jeder kennt. Aber wer weiß schon, worum es in diesem Songtext von Bob Dylan geht?

„Es ist der Morgen des Kling-Klang – Zauberklang des Banalen: Kling Klang des Plastikkinderweckers, des Bahnübergangs, der Milchflaschen, der Autoschlüssel, der Positionslichter dieses Morgens und eines Lebens, in dem der Reisende sich selbst dem Tambourine Man überantwortet, in seine Nachfolge sich gibt, auf dass dieser ihn geleite: wohin? Das Lied bleibt die Antwort schuldig. ... Mr. Tambourine Man spricht nicht die Sprache der Liebe. Ist es deswegen kein Liebeslied? Es ist ein Lied im Schatten einer abwesenden, verlorenen, unbenennbaren, vielleicht nie gekannten Liebe. So absolut ist die Liebe, dass nach ihr sich verzehrt, wer sie nie erfahren hat.“ So heißt es in einem Essay des Theologie-Professors Knut Wenzel. Für ihn beschreibt der Dylan-Text die Reise eines Suchenden, beginnend in einer „kalt illuminierten Morgenstimmung in irgendeiner Straße irgendeiner Stadt, aber sie erreicht am Ende einen Ort ohne Kontext, einen Nicht-Ort. Darin zeigt diese Fahrt sich als Seelenreise“. Und wer ist der Tambourine Man? Ein fahrender Sänger und Tambourinspieler? Ein Guru? Eine zufällige Bekanntschaft? Ein Drogendealer? Ist der gesamte, assoziativ wirkende Text nur ein surrealistischer Bilderreigen, aufgeschrieben im Drogenrausch? Dylan selbst hat dem immer energisch widersprochen. Doch dass er den Joints nicht abgeneigt war, ist auch verbrieft.

Der Tambourine Man scheint nur Mittler zu sein. „Er schweigt, und angeleitet von diesem Schweigen begibt der Reisende sich auf seine Seelenfahrt. Obwohl der Tambourine Man nichts sagt und nichts tut, wäre ohne die Begegnung mit ihm nichts geschehen. Erst unter seiner Gestalt kommt der Prozess der Selbst-Ergründung, von dem das Lied erzählt, in Gang“ (Knut Wenzel).

Als der Song „Mr. Tambourine Man“ in der Popfassung von The Byrds im April 1965 erschien, wurde ein mittleres Erdbeben in der Popszene ausgelöst. Einen solch poetisch verdichteten Text hatte man zuvor noch nicht gehört. Und in der Verbindung mit der klanglich hoch attraktiven musikalischen Umsetzung der Byrds, mit den schwirrenden Sounds ihrer zwölfsaitigen Gitarren und dem kompakten vierstimmigen Satzgesang, war ein kalifornischer Referenz-Song entstanden, der die Popularität der Beatles-Songs jener Zeit erreichte und – wichtiger noch – den Beginn des Folk-Rock markierte. Tatsächlich begann mit diesem Byrds-Klassiker vor 50 Jahren der Siegeszug der neuen Stilrichtung, die Rockelemente mit der Tradition des Folksong (in den USA) und der Volksmusik (in Europa und im Rest der Popwelt) fusionierte.

Als der Folksänger Bob Dylan auf dem Folkfestival von Newport im Juli 1965 erstmals selbst öffentlich zur E-Gitarre griff, wurde er von den Folkpuristen als Verräter beschimpft und ausgebuht. Im gleichen Monat eroberte er mit der Veröffentlichung seines genialen Folkrock-Songs „Like A Rolling Stone“ die Pop- und Rockszene.

Die Entwicklung des Folk-Rock verlief in den USA, vereinfacht gesagt, vom Folk zum Rock, indem Folkmusiker ihre Lieder elektrifizierten. In England zeichnete sich eine Entwicklung von Rockmusikern zum Folk-Rock ab. Bands wie Fairport Convention, Jethro Tull, Pentangle, Steeleye Span, The Strawbs etc. öffneten sich stilistisch der traditionellen Folklore. Eine Regionalisierung bislang unbekannten Ausmaßes setzte in den frühen 1970er Jahren ein. Überall entstanden Folkrock-Formationen, die Volksmusikelemente ihrer Heimat kreativ verarbeiteten, so z.B in Irland (Horslips, Bothy Band, The Fureys, Planxty, Clannad), in Schottland (The Incredible String Band, Ossian, Battlefield Band, Runrig), in Frankreich (Malicorne), in der Bretagne (Alan Stivell), in Korsika (I Muvrini), in Italien (Angelo Branduardi), in Deutschland (Zupfgeigenhansel, Fiedel Michel, Elster Silberflug, Falckenstein, Witthüser und Westrupp) und viele andere mehr. Rund um den Globus, also auch in Ozeanien, Südamerika, Afrika, Australien, Asien und in der arabischen Welt gibt es bis heute eigenständige, lokale Stile zwischen Folk und Pop/Rock (siehe und höre die Veröffentlichungen der Labels Realworld, Putumayo u.a.). Speziell in Skandinavien und Kanada entwickelten sich kreative Folkrock-Szenen.

Auch bei Solokünstlern wie Paul Simon und der ab 1970 aufkommenden Singer/Songwriter-Bewegung, um nur James Taylor, Carole King und Joni Mitchell zu nennen, gab es große Schnittmengen zum Folk-Rock. Die zweite und dritte Generation der neuen Singer/Songwriter-Ladies, Suzanne Vega, Sally Barker, Rickie Lee Jones, Tracy Chapman, Sarah McLachlan, Sheryl Crow u.a. standen und stehen dem Folk-Rock stilistisch deutlich näher als jeder anderen Rock-Richtung.

Nach einer längeren Phase des rückläufigen Interesses setzte vor einigen Jahre eine Art Folkrock-Revival ein, etwa mit dem New Yorker Anti-Folk eines Adam Green oder dem Weird-Folk von Devendra Banhart oder Will Oldham. Auch aktuelle Bands wie Lambchop, Calexico, Mumford and Sons, Bellowhead u.a. entwickeln den Folkrock weiter.

Der Kramladen präsentiert eine kleine Geschichte des Folkrock, beginnend mit der Initialzündung, dem großen Dylan-Song „Mr. Tambourine Man“ von The Byrds, der auch in verschiedenen, höchst unterschiedlichen Interpretationen von Power-Rock bis Funk, a-capella bis Gospel zu hören sein wird.

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Playlist

1.  Leslie West & Mountain / Mr. Tambourine Man
21 Versions Mr. Tambourine Man, One Song Edition / Horizon Records, Classic Hits
2.  L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik)
Touch Me There / Zappa Records
3.  The Imagined Village / Cold Haily Rainy Night
The Imagined Village / Realworld
4.  The Byrds / Mr. Tambourine Man
The Very Best / Sony Music
5.  Bellowhead / A-Begging I Will Go
Hedonism / Navigator Records, PIAS Rough Trade
6.  Bob Dylan / Mr. Tambourine Man live 2000
Dylan Live in Baltimore 2000 / download
7.  Ted Sturges & Con-Funk-Shun / Mr. Tambourine Man
21 Versions Mr. Tambourine Man, One Song Edition / Horizon Records, Classic Hits
8.  Crosby, Stills, Nash & Young / Stand And Be Counted
Looking Forward / Reprise
9.  Alison Tate / Mr. Tambourine Man
21 Versions Mr. Tambourine Man, One Song Edition / Horizon Records, Classic Hits
10.  Bob Dylan / Mr. Tambourine Man (live at the Newport Folk Festival)
No Direction Home: The Soundtrack / Legacy, Columbia
11.  Alan Stivell / A United Earth 1
1 Douar / Sony Music France
12.  Leslie West & Mountain / Mr. Tambourine Man
21 Versions Mr. Tambourine Man, One Song Edition / Horizon Records, Classic Hits