Der Kritiker Dorian Linskey verglich vor einigen Jahren im Guardian die britische 1980er Independent-Label-Landschaft mit verschiedenen öffentlichen Räumen: Wenn Factory Records wie eine Kunstgalerie mit angeschlossenem Nachtclub gewirkt habe und Rough Trade wie ein progressiver Uni-Campus, dann sei 4AD eine Kirche gewesen. Das Sakrale taucht als Motiv des Öfteren in der Welt von 4AD auf, nicht zuletzt in der häufig verwendeten Beschreibung der Cocteau-Twins-Musik als „Klangkathedralen“. In der School-Of-Rock-Reihe der dem Jahr 1986 gewidmeten „Jukebox“-Sendungen betreten wir entsprechend in dieser Sendung sozusagen heilige Hallen mit einem historischen Besuch beim Londoner Label. Dort dürfte 1986 das hauseigene Allstar-Projekt This Mortal Coil, initiiert, produziert und kuratiert von Labelgründer Ivo Watts-Russell, mit seinem zweiten Album „Filigree & Shadow“ einen Großteil der internen Energie beansprucht haben. Heute kann das minutiös durchgeplante Doppel-Album (zu dieser Zeit ein noch eher kritisch beäugtes Konzept der Prä-Punk/Prog-Rock-Jahre) als Prototyp des Dreampop gelten. Neben handverlesen ausgesuchten Coverversionen von Tim Buckley, Van Morrison, Gene Clark, Judy Collins, Talking Heads und Colin Newman von Wire brachten die versammelten Musikerinnen und Musiker, vor allem Simon Raymonde (Cocteau Twins) und Co-Produzent John Turner, diverse eigene Kompositionen ein und es entstanden vier in sich geschlossen konzipierte Suiten von Tracks. Die Einbindung von Raymonde in das aufwändige Projekt resultierte in einem Cocteau-Twins-Album, das ohne ihn entstand. Wie das 1983er Album „Head Over Heels“ aus der Ära vor Raymondes Eintritt, bestritten Robin Guthrie und Elizabeth Fraser 1986 „Victorialand“ fast im Alleingang; lediglich ein paar Spuren Saxofon und Tablas von Dif-Juz-Musiker Richard Thomas ergänzen den ätherisch-verträumten Klang des Albums. Zu dritt und unter ihren bürgerlichen Namen würden Cocteau Twins dann noch in demselben Jahr das Album „The Moon And The Melodies" mit dem US-amerikanischen Pianisten und Minimal/Ambient-Komponisten Harold Budd herausbringen. Auch sonst war 1986 einiges los bei 4AD: Während Dead Can Dance in diesem Jahr keine Musik veröffentlichten, meldeten sich andere mit neuer Musik, sodass in dieser School Of Rock z. B. auch der Clan Of Xymox und The Wolfgang Press zu hören sind. Dank der lizensierten Musik des Bulgarian State Television Female Vocal Choir, deren 1975er Aufnahmen Watts-Russell nach einigen Jahren der Lizenz-Recherche und Verhandlungen als „Le Mystère des Voix Bulgares" herausbrachte, erfüllte 4AD ohnehin den Fan-Bedarf nach außergewöhnlichen Stimmen, auch wenn gerade keine neue Musik von DCD und Lisa Gerrard zu haben war. Mit dem Debüt von Throwing Muses erschien 1986 zudem ein wegweisendes Album auf dem britischen Label, als Watts-Russell erstmalig seine A&R-Fühler in die USA ausstreckte. In den kommenden Jahren würde 4AD mit den Pixies, den Breeders und anderen einen Teil der entstehenden US-amerikanischen College-Radio/Alternative-Rock-Landschaft prägen. Und mit Colourbox und ihrer Augustus-Pablo/Jacob-Miller-Cover-Version „Baby I Love You So" beschließt ein Track die Sendung, der als dubbige, Beat-Box getriebene Soul-Nummer musikalisch weit vom damaligen Post-Punk/Gothic/Darkwave/Dreampop geprägten Labelkern entfernt liegt und dennoch Vorbote des größten Single-Hits von 4AD ist: Im Folgejahr veröffentlichten Colourbox, mit den zukünftigen Label-Genossen A.R.Kane als M/A/R/R/S zu einem One-Off-Projekt zusammengewürfelt, den britischen House/Sampling-Klassiker „Pump Up The Volume" bei Watts-Russell. Aber das wären dann eine „Jukebox-87"-Geschichte. Die „Jukebox 86" als Rückblick auf einen Moment des Umbruchs in der britischen Musikgeschichte, als die Post-Punk-Szenen sich langsam aufgelöst hatten und in neue Subkulturen eingingen. Am Horizont bereits die Rave-Ära, Shoegaze und Dreampop.