Die ByteFM Jahrescharts 2018

Collage aus Covern der meistgepsielten Alben bei ByteFM im Jahr 2018
Einige unserer meistgespielten Alben des Jahres

Welche Alben und Songs das ByteFM Team 2018 begeistert haben, haben wir Euch bereits verraten. Doch persönliche Meinungen sind nur eine Wahrheit – und kurz bevor das Jahr endgültig sein Ende findet, wenden wir uns den Zahlen zu. Playlisten wurden analysiert, Titel addiert, subtrahiert, dividiert, multipliziert und schließlich haben wir sie: Die 25 meistgespielten Alben der vergangenen zwölf Monate bei ByteFM.

Präsentiert von Emma Stenger und Vanessa Wohlrath gab es diese Liste auch zu hören: In einem Freispiel am 28.12.2018 von 15-17 Uhr. Mitglieder im Förderverein „Freunde von ByteFM“ können die Sendung auch in unserem ByteFM Archiv nachhören.

Eure liebsten Alben und Songs, das Ergebnis des ByteFM Polls – das folgt dann am Montag, Eure liebsten Künstlerinnen und Künstler, das tollste Album, die coolsten Newcomer, an Silvester drei Stunden lang in unserem Programm. Von 15 bis 18 Uhr in den Jahrescharts der Hörerinnen und Hörer moderiert von Ruben Jonas Schnell.

Unsere meistgespielten Alben des Jahres:

Als David Longstreth 2017 das selbstbetitelte siebte Album seines Projekts Dirty Projectors veröffentlichte, wirkte das wie ein Schlussstrich. Was sollte man nach so einem Trennungsalbum noch sagen?

2018 brachte die Antwort: Wo „Dirty Projectors“ noch nach Innen gekehrte Emo-Pop war, ist der Nachfolger Lamp Lit Prose nach Außen gewandte Sonnenscheinmusik, gefüllt mit heilender Energie und zwitschernden Paradiesvögeln.

Zwischen seinem letzten Album „Perpetual Motion People“ und dem Nachfolger „Transangelic Exodus“ hat Ezra Furman ein Buch über Lou Reeds „Transformer“ geschrieben.

Das merkt man dem Songwriter aus Chicago an: Ähnlich wie Reed versteht Furman es, große Outsider-Storys, surreale Vampir-Fantasien und biblische Fabeln in fantastische Pop-Songs zu verwandeln. Auf „Transangelic Exodus“ ist sein Songwriting in absoluter Höchstform.

Auf ihrem fünftem Album Damned Devotion versammelt Joan As Police Woman all ihre dispersen Qualitäten auf einer LP: Kratziger Indie-Rock, Soul und herzzerreißender Kammer-Pop.

Was das Album dabei am meisten absetzt, ist Joan Wassers neue Liebe für den Rhythmus: Parker Kindred, Schlagzeuger und langjähriger Wegbegleiter, peitscht die Jazz- und Rock-Harmonien mit vertrackten, ins Mark gehenden Beats in neue Höhen.

Als Sly & The Family Stone im Jahr 1971 ihren Meilenstein „There‘s A Riot Goin‘ On“ veröffentlichten, war die Welt im Aufruhr. Ein halbes Jahrhundert später gibt nun eine andere Band ihrem neuen Album den selben Namen: Yo La Tengo.

Das Trio ist keine Gruppe, von der man eine aufbrausende Anti-Establishment-Funk-Platte erwartet hätte. Die ist „There‘s A Riot Going On“ auch wirklich nicht geworden – stattdessen verwandeln Yo La Tengo einen Protestschrei in eine versöhnliche Umarmung.

„Quiet Is The New Loud“ proklamierten Kings Of Convenience im Jahr 2001. Rhye scheinen eine ganz ähnliche Meinung zu vertreten: Langsam ist das neue schnell.

Auf „Blood“ macht der kanadische Downtempo-Produzent Mike Milosh genau da weiter, wo er bei dem letzten Album „Woman“, damals noch an der Seite seines musikalischen Partners Robin Hannibal, aufgehört hat: Elf sinnliche Post-R&B-Songs in Zeitlupe, die einem das Gefühl geben, im schwerelosen Salzwasser-Tank durch die Nacht zu schweben.

Auf „Fake“ singt die Band, deren Facebook-URL auch nach mehrjähriger Feuilleton-Verehrung immer noch mit „deinemutteralter“ endet, weiterhin gegen bekannte Feinde an, wie Lifestyle-Influencer, dubiose Mailorder-Unternehmen und die omnipräsenten sozialen Medien.

Was sich bei den Nerven verändert hat, ist der Sound: Auf diesem Album lassen sich sowohl umarmende Dur-Akkorde als auch gezupfte Akustikgitarren finden. Doch wer jetzt „Sell-Out“ schreit, der hat nicht zugehört. Ein meisterhafter Spagat zwischen brutalem No Wave und bittersüßem New-Wave. 

Wenn man Kurt Vile etwas Böses wollte, dann könnte man ihn ein „One Trick Pony“ schimpfen – eine Person, deren Erfolg nur auf einer einzigen Fähigkeit beruht. Für Vile wäre dieser „Trick“ die Kunst des gemütlich mäandernden Folk-Rock-Songs, dessen Drums und Gitarrensoli wie Rauch aus der Sportzigarrette durch den Raum wabern.

Doch wie könnte man diesem Mann überhaupt etwas Böses wollen? Auch auf seinem siebten Soloalbum ist jeder Ton liebenswert, jede Textzeile charmant, jeder Songs eine Meisterklasse in Tiefenentspannung.

Gemeinsam mit GastmusikerInnen wie Oddisee oder Jamie Cullum lassen die fünf DJs und Produzenten beseelte Ideen aus allen verschiedenen Genres zu einem großen Ganzen zusammenfließen. Die Grenzen zwischen Funk, Jazz, TripHop, Electro, Soul und Dub lösen sich auf.

Warm, sonnig und zum Tanzen einladend: Mit „The Pool“ hat das Berliner Nu-Jazz-Kollektiv Jazzanova die ultimative Sommer-Platte abgeliefert.

Als Beach House im vergangenen Jahr die Compilation „B-Sides And Rarities“ veröffentlichten, wirkte das ein bisschen wie eine Bestandsaufnahme. Ein guter Anlass, die Reste aus der letzten Dekade zu verwerten – und dann im Anschluss einen Neuanfang zu wagen.

Vorhang auf für „7“, das neue Album des US-amerikanisch-französischen Duos, auf dem Beach House es geschafft haben, ihren Sound an genau den richtigen Stellen weiterzuentwickeln – ohne dabei die Qualitäten einer Beach-House-Platte zu verlieren. 

„Wide Awaaaaake!“ – den zahlreichen As auf ihrem Albumcover entsprechend sind Parquet Courts heeeeellwaaaaach, Ausrufezeichen.

Der von Danger Mouse produzierte sechste Langspieler der Post-Punk-Band aus New York ist ihr bisher tanzbarstes Album geworden. 13 Songs, die aus jeder Pore pure Lebensfreude schwitzen – ohne dabei den Boden unter den Füße zu verlieren.

Auf der Oberfläche hat sich beim vierten Planningtorock-Album „Powerhouse“ nicht viel geändert. Jam Rostrons Stimme ist immer noch von Autotune und anderen Gesangseffekten verzerrt, körperlos durch den Raum schwebend. Die Beats sind mal tanzbar und dringlich, mal schwerelos und experimentell.

Doch in den Texten offenbart Planningtorock eine neue Tiefe: Auf „Powerhouse“ richtet Rostron den Blick nach innen – mit entwaffnenden, wundervollen Ergebnissen.

Ebony Bones, die als Produzentin, Komponistin, Instrumentalistin, Videoregisseurin, Labelinhaberin und Art-Designerin alle Fäden in der Hand hält, hat auf „Nephilim“ zehn unglaublich kraftvolle Songs geschaffen, die nicht nur das Elend der Gegenwart porträtieren, sondern auch Gegenentwürfe bieten.

Acht Jahre nach ihrem Debüt verschmilzt Ebony Bones den Rrriot-Wave ihrer frühen Alben mit modernen Clubmusik-Sounds – und liefert eines der kraftvollsten Werke der Post-Brexit-Ära ab.

Seit ihrem 2009er Debüt „Bird-Brains“ suchen Tune-Yards immer wieder nach neuen Möglichkeiten, den rostigen Wagen „Pop-Song“ mit kindlicher Neugierde gegen die Wand zu fahren.

Auf „I Can Feel You Creep Into My Private Life“ treibt das US-amerikanische Duo diesen frenetischen Art-Pop auf die Spitze: Zwölf Songs, die zwar zum ekstatischen Tanz einladen, einen dabei aber nie vergessen lassen, dass der Dancefloor jederzeit explodieren könnte.

Als Lindsey Jordan ihre erste offizielle EP unter dem Namen Snail Mail veröffentlichte, war sie 16 Jahre alt. Auf „Lush“, ihrem ersten Langspieler zwei Jahre später, offenbart die Künstlerin aus Baltimore nun ihr ganzes Potential: Entschlackte Emo-Hymnen, vorgetragen mit hinreißendem Slacker-Gesang.

„You‘re always coming back a little older / But it looks good on you“, singt sie in der gezupften Ballade „Let‘s Find An Out“. Fast schon beängstigend, wie viel Weisheit in dieser 18-Jährigen steckt.

„How can a whole nation be so fucking thick?“ Diese Frage stellten Goat Girl im Jahr 2016 auf „Scum“, nur wenige Wochen nach dem großen britischen Trauma namens Brexit. Heute, zwei Jahre später, klingt die Band immer noch anklagend, wenn auch etwas versöhnlicher: „Don‘t shed a tear / We all feel shame.“ Weine nicht, wir schämen uns doch alle.

Die Zeile stammt von ihrem selbstbetitelten Debüt – einem Album, auf dem die Londonerinnen sowohl ihrer Nation als auch dem halbtoten Medium „Rock-Album“ mit dem Defibrillator das Herz massieren.

Im Musikvideo zu „Nobody“, der zweiten Single aus ihrem neuen Album „Be The Cowboy“, sieht man plötzlich eine ganz ungewohnte Mitski: War der Vorgänger „Puberty 2“ noch eine introvertierte Indie-Rock-Platte, sieht man hier eine über beide Ohren strahlende Frau, die mit teenagerhafter Euphorie in ihre Haarbürste singt.

Die Musik dazu ist zwar immer noch von traurigen Texten durchzogen, klingt dafür aber nach Disco oder Synth-Pop. Mit euphorischen Songs lässt Mitski diese lähmenden Gefühle leichtfüßig erscheinen.

Der 24 Jahre junge Produzent und Rapper Rejjie Snow lieferte dieses Jahr eins der ersten ByteFM Alben der Woche. Snow stammt aus dem Dubliner Bezirk Drumcondra, ein Viertel, in dem er nach eigener Aussage der einzige schwarze Teenager war.

Sein Außenseitertum kehrt er in seinem Debütalbum „Dear Annie“ in einen Genre-verschmelzenden HipHop, bei dem genuschelte Strophen auf astrale Jazz-Beats aus der Brainfeeder-Schule treffen.

Auf seinem vierten Album unter dem Namen Blood Orange verwandelt Dev Hynes Fremdenhass und Depression in warme, empathische R&B-Songs.

Ob im hohen Falsett oder im tiefen Sprechgesang: Auch wenn Hynes tief in seine Depression eintaucht, verliert seine Stimme nie ihr umarmendes Mitgefühl. Er weiß, wie es ist, wenn dein erster Kuss ein Kuss mit dem Asphalt war, wie er zu Beginn des Albums beschreibt. Er weiß auch, dass es danach leichter ist, liegen zu bleiben als aufzustehen. „Negro Swan“ zeigt dennoch wie zweiteres geht.

Manchmal passiert die schönste Musik in den Zwischenräumen. Zum Beispiel in der ätherischen Stille zwischen zwei Klavieranschlägen. Oder in dem entwaffnenden Moment, wenn die Bassdrum einen Beat überspringt.

Auch Tirzah Mastin weiß um den Zauber der Zwischenräume. Ihr Album, das zusammen mit der Produzentin Mica Levi entstanden ist, ist voll von ihnen: Ein Gesangssample, das ins Nichts verschwindet und nur Rauschen übrig lässt. Eine minimalistische Pianoballade, die so viel Raum zum Atmen lässt, dass der Atem einem fast im Halse stecken bleibt.

Von dem ersten flirrenden Gitarrenakkord an, der ihr Debüt „Die besten Jahre“ eröffnet, spinnen International Music ein dichtes Netz aus Lakonie, Melancholie, Psychedelia und Post-Punk. Schwurbelige Songs, irgendwo zwischen dem vernebelten Space-Rock und Lou-Reedschen Kunst-Pop.

Doch „Die besten Jahre“ ist mehr als nur die Summen ihrer Referenzen. Wie ein Maler mit Pinsel und Farbe fügt das Trio seine Elemente in neuen, aufregenden Anordnungen zusammen. 

Das Wort „Khruangbin“ stammt aus dem Thailändischen und bedeutet Flugzeug – eine gut gewählte Allegorie, um die Klangwelten dieser Band zu beschreiben. Denn so wie ein Flugzeug in der Welt herumkommt, atmet auch die Musik des Trios Internationalität.

Sie ist ein globales Konglomerat zwischen 70er-Thai-Funk und Tarantino-Soundtracks, voll mit persisch angehauchten E-Gitarren-Tonleitern, die wie feine Kumulus-Wolken über tiefenentspannten Zeitlupen-Grooves schweben.

Mit klimpernder Folktronica, triumphalen Nebelhörnen und empathischen Texten setzt das Trip-Hop-Dream-Team Neneh Cherry und Produzent Four Tet auf „Broken Politics“ die Scherbenhaufen unserer Zeit zusammen.

An einem Karrierepunkt, an dem andere KünstlerInnen nur noch verzweifelt nach der Vergangenheit greifen, stellt sich die 54-jährige Cherry der Gegenwart – und liefert eines der triumphalsten Protest-Alben der letzten Jahre ab.

Bis zur Unendlichkeit, und noch viel weiter: Auf ihrem zwölften Album kehrt die Diskurs-Rock-Institution Tocotronic zum ersten Mal in ihrer langen Karriere ihr Inneres nach Außen – und bringt dabei zwölf höchst intime Geschichten zum Vorschein. Von der Liebe, der Selbstfindung und dem Tod.

Musikalisch zeigen sich Tocotronic auf diesem Album abwechslungsreich wie selten: Die Lead-Gitarre ist entfesselt, die space-rockende Rhythmusgruppe in eingespielter Höchstform.

„Take your broken heart and turn it into art“, ist eine der ersten Zeilen, die einem auf Courtney Barnetts zweiten Album entgegenschallen. Lähmender Selbsthass, Liebeskummer und Hoffnungslosigkeit sind die Emotionen, die „Tell Me How You Really Feel“ antreiben.

Gemäß dieses Credos hat Barnett all diesen Schmerz in eine der besten Rock-Platten des Jahres verwandelt: Spitzfindiger Slacker-Indie, der auch angesichts großer Emotionen nie seine Leichtfüßigkeit verliert.

Auf „Knock Knock“, dem vierten Album von DJ Koze, klingt die wundervolle und furchteinflößende Welt des Stefan Kozalla so einladend wie nie zuvor, mit noch mehr warmen Klangfarben und noch mehr bekannten Stimmen, die einen durch diese verschwurbelten elektronischen Landschaften leiten.

„Die besten Gedanken entstehen doch dann / Wenn sie verwachsen“, heißt es, während „Knock Knock“ langsam zu Ende geht – und man denkt sich: Dem Kozalla ist er erneut geglückt, dieser Drahtseilakt zwischen Weirdness und Pop.

Und in den letzten Jahren?

Das könnte Dich auch interessieren:

Alben des Jahres 2018 Unsere Highlights des Jahres: Die besten Alben 2018, gehört und kuratiert vom ByteFM Team, den Moderatorinnen und Moderatoren.
Songs des Jahres 2018 Die zehn hartnäckigsten Ohrwürmer, überraschendsten Deep Cuts und größten Hits des Jahres 2018, handverlesen von der ByteFM Redaktion und den ByteFM ModeratorInnen.
Most Overlooked in 2018 – diese Alben verdienen Eure Aufmerksamkeit Bei der Unmenge an Alben-Veröffentlichungen jede Woche kann man schon mal die eine oder andere musikalische Perle übersehen. Wir haben 15 Alben aus unserem Archiv gepickt, die Ihr eventuell übersehen habt!


Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    wortmeyer.de
    Dez 30, 2018 Reply

    […] Die byte.fm Jahrescharts hier! […]

Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.